"Alice in Wonderland" (Lewis Caroll)

Aus Lexikon Traumkultur

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The Caterpillar. One of John Tenniel's illustrations from the first edition of Alice's Adventures in Wonderland (1865)

Alice’s Adventures in Wonderland (dt. Alice im Wunderland, ursprünglich Alices Abenteuer im Wunderland) ist ein 1865 veröffentlichtes Kinderbuch des britischen Autors Lewis Caroll. Gemeinsam mit der 1871 erschienenen Fortsetzung Through the Looking Glass, and what Alice found there (dt. Alice hinter den Spiegeln), die hier ebenfalls behandelt wird, zählt der Roman zu den bekanntesten Beispielen des literarischen Nonsens. Beide Erzählungen beschreiben eine oneirische Reise in das von Alice imaginierte Wunderland, in dessen Ausarbeitung zahlreiche Eindrücke und Fantasievorstellungen ihrer Wacherfahrungen einfließen (Vgl. Cogan Thacker/Webb 2002, 64-65). Inspirationsquelle für die Geschichte war die heute umstrittene Beziehung des Autors zu Alice Pleasance Lidell, die auch regelmäßig für den Amateurphotographen Modell stand (Vgl. Winchester 2011).



Die Traumstruktur

In beiden Werken ist die Reise ins Wunderland gerahmt von zwei Passagen in einer im England des 19. Jahrhunderts verorteten Realität. In Alice’s Adventures in Wonderland thematisiert die Erzählung explizit das Einschlafen und noch deutlicher das Aufwachen:

[Alice] gave a little scream, half of fright and half of anger, and tried to beat them off, and found herself lying on the bank, with her head in the lap of her sister, who was gently brushing away some dead leaves that had fluttered down from the trees upon her face. “Wake up, Alice dear!“ said her sister. „Why, what a long sleep you’ve had!” – “Oh, I’ve had such a curious dream!” (AAW 109)

Auch in Through the Looking Glass wird der Traum am Ende der Erzählung als solcher herausgestellt und sogar in den Untertiteln der letzten zwei Kapitel – Waking und Which dreamed it – betont. Somit kann in beiden Fällen von einer direkten Traummarkierung, wie sie von Stephanie Kreuzer (2014) definiert wird, gesprochen werden.

Ungewöhnlich ist bei Caroll die Tatsache, dass Alice beide Male am helllichten Tag einschläft. Die Erzählung von Alice’s Adventures in Wonderland beginnt in medias res auf einer Bank im Garten, wo die kleine Alice aus Langeweile und wegen der Hitze des Sommertages immer müder wird. In diesem Zustand der Schläfrigkeit gibt sich Alice ihren kindlichen Fantasien hin, als plötzlich ein weißes Kaninchen an ihr vorbeiläuft, das in der Narration erst einmal als Teil der Wachwelt präsentiert wird:

[Alice] was considering, in her own mind […] whether the pleasure of making a daisy-chain would be worth the trouble of getting up and picking the daisies, when suddenly a White Rabbit with pink eyes ran close by her. (AAW 6)

Der anschließende Fall durch den Kaninchenbau kann von dem:r Leser:in somit nicht eindeutig als Traum verortet werden. Allein die nachträgliche Traummarkierung legt eine dahingehende Interpretation nahe. Dennoch erscheint das langsame Fallen als eine Metapher des allmählichen Eindösens, während dem Alice „rather sleepy“ (AAW 7), schließlich einschläft („dozing of“, AAW 8) und zu träumen beginnt, bevor der Aufprall auf dem Grund des Kaninchenbaus gleichzeitig das scheinbare Erwachen und tatsächliche Eintreten in den Traum markiert.

Durch das Einschlafen am Tag spielt Carroll bewusst mit der, durch semantische Ambivalenz gegebenen, Nähe zur Tagträumerei: Obgleich Alices fantastische Reisen ins Wunderland explizit als Traum herausgestellt werden, verweist Caroll auf die kindliche Fantasie und die Kraft der Imagination als Motor des Träumens (Vgl. Kellner 2019). Through the Looking Glass beginnt mit einer Szene in Alices Kinderzimmer. Auch hier erwähnt der Erzähler gleich zu Beginn, dass Alice sich in einer Art Halbschlaf – „half talking to herself and half asleep“ (TLG 119) – befindet. Kurz darauf suggeriert die Narration jedoch, das Mädchen sei durch die Streiche ihres schwarzen Kätzchens wieder geweckt worden, mit dem sie augenblicklich ein Rollenspiel beginnt. Die Reise ins Übernatürliche wird dem:r Leser:in folglich erst einmal als eine Steigerung von Alices Vorstellungskraft präsentiert:

„Lets pretend the glass has got all soft like gauze, so that we can get through. Why, it’s turning into a sort of mist now, I declare! It’ll be easy enough to get through –“ [Alice] was up on the chimney-piece while she said this, though she hardly knew how she had got there. Ande certainly the glass was beginning to melt away, just like a bright silvery mist.
In another moment Alice was through the glass, and had jumped lightly down into the Looking glass room. (TLG 124-125)

Aus einem mit den typischen Phrasen („Let’s pretend“) gekennzeichneten Kinderspiel wird eine scheinbar reale Erfahrung, die sich erst am Ende der Erzählung als Traum entpuppt. Interessant ist in beiden Erzählungen, dass die Traumerfahrung nicht direkt in der Anderswelt einsetzt, sondern bereits davor, in Alices Alltagswelt. Das Eintauchen in den Traum und der Eintritt in die Fantasiewelt sind also nicht völlig deckungsgleich, wodurch die Grenzen zwischen Wachwelt und Traumwelt, zwischen fantastischer Reise und oneirischer Erfahrung weiter aufgeweicht werden (Vgl. Cogan Thacker/Webb 2002, 63-64).



Traumelemente

Die Struktur der beiden Erzählungen lässt zunächst die Vermutung entstehen, der Traum sei lediglich eine narrative Strategie, um die übernatürlichen Ereignisse zu erklären und mit den Gesetzen der referentiellen Welt in Einklang zu bringen. Bei genauerer Betrachtung erweist sich das oneirische Potential des Wunderlands jedoch als wesentlich höher. Dabei bietet sich Carolls Werk nicht nur für psychoanalytische Lesarten an (Vgl. Gardner 2000), sondern zeugt auch von der intensiven Auseinandersetzung Carolls mit dem Phänomen des Träumens. In der Tat finden sich in den beiden Texten zahlreiche oneirische Motive, die dafür sprechen, dass Carroll den Traum nicht nur als rhetorisches Erklärungsmuster versteht, sondern in seinen Erzählungen Beobachtungen und Erkenntnisse über das menschliche Träumen literarisch verarbeitet.


Absurdität

Eine der auffallendsten Ähnlichkeiten zwischen Alices Erlebnissen im Wunderland und herkömmlichen Traumerfahrungen besteht in der fehlenden logischen Kohärenz und dem daraus resultierenden Eindruck des Bizarren. Diese offensichtliche Absurdität erlaubt es auch, die beiden Erzählungen dem literarischen Nonsens zuzuordnen. Auch wenn die moderne Traumforschung herausgefunden hat, dass ein Großteil menschlicher Träume völlig banale Alltagsbilder heraufbeschwören, sind surrealistisch anmutende Traumbilder und -erlebnisse, wie Alice sie erfährt, keine Seltenheit. Vor allem aber bilden sie einen bewährten Topos ästhetischer Traumdarstellungen. Lebendig gewordene Spielkarten (AAW ch. 8), eine Wasserpfeife rauchende Raupe (AAW ch. 5) oder menschengroße Zugtickets (TLG 146) sind typische Beispiele für in der Wachwelt als absurd empfundene, im Traum jedoch als selbstverständlich hingenommene Elemente (Zirker 2004/2005). Besonders interessant erscheint dabei die Tatsache, dass Caroll sehr viele Tiere in die oneirische Fantasiewelt einbaut (Vgl. Barrett 2012), die meist stark anthropomorph dargestellt sind, da sie mit Alice reden können, wie die Grinsekatze oder das Reh, dem Alice in Through the looking Glass begegnet (TTG 154). Andere nähern sich auch in Erscheinung und Habitus dem Menschen an, wie zum Beispiel das strickende Schaf in Through the Looking Glass (TTG 176). Könnte man vermuten, dass Caroll hier an eine bewährte Tradition der Kinderliteratur anknüpft, wie man sie bereits in den Fabeln des 17. Jahrhunderts findet, sollte im Kontext der Traumdarstellung auch angemerkt werden, dass Ergebnissen der modernen Traumforschung zufolge Tiere in Kinderträumen eine wichtige Rolle spielen (Vgl. Bulkeley 2019, 50).


Spatio-temporelle Dissonanzen

Doch nicht nur in der Wahl der Themen und Figuren erarbeitet Carroll eine dezidiert oneirische Ästhetik. Er sucht darüber hinaus nach literarischen Strategien, um die trauminhärente Logik, in der Zeit und Raum nicht denselben Gesetzen unterworfen sind wie in der Wachwelt (Engel 2017, 21), für den:ie Leser:in erfahrbar zu machen. Zwar folgt die Geschichte einer linearen Narration, jedoch zeichnen sich die aufeinanderfolgenden Sequenzen wiederholt durch plötzliche, unerklärte Raumwechsel aus. So zum Beispiel in Kapitel 3 von Through the Looking Glass, wo Alice sich unvermittelt und für den:ie Leser:in nicht nachvollziehbar in einem Zugabteil mit einer Ziege und einem weißgekleideten Herrn wiederfindet. Die neue Passage wird mit einem plötzlichen und wie selbstverständlichen „Tickets, please“ (TLG 146) des Kontrolleurs markiert, während die vorangehende Passage dem:r Leser:in keinerlei Hinweise auf die anstehende Zugfahrt gibt, die es erlauben würde die mit Sternchen markierte Leerstelle zwischen den zwei Passagen zu füllen.

Die inkohärenten Raumwechsel und Metamorphosen nehmen in Through the Looking Glass deutlich zu. In Kapitel 5 betritt Alice den Allgemeinwarenladen eines Schafs, wo die zum Verkauf stehenden Objekte sich ihrer selbst nicht identisch scheinen. Die Orientierung im Raum fällt Alice dementsprechend schwer, denn „whenever she looked hard at any shelf, to make out exactly what it had on it, that particular shelf was always quite empty, though the others round it were crowded as full as they could” (TLG 177). Auch die einzelnen Gegenstände sind in sich unbeständig, wie zum Beispiel „a large bright thing, that looked sometimes like a doll and somtimes like a work-box”. Es ist dementsprechend kaum verwunderlich, dass auch der Raum selbst bald ins Wanken gerät und sich schon wenig später auflöst: „suddenly the needles turned into oars in her hands, and [Alice] found they were in a little boat, gliding along between banks: so there was nothing for it but to do her best” (TLG 178). Der selbstverständliche Umgang mit dem plötzlichen Raumwechsel impliziert hier eine trauminhärente Logik, die Alice instinktiv verinnerlicht hat.

Auch die Zeiterfahrung ist an verschiedenen Stellen verzerrt, beispielsweise während dem ungewöhnlich lange dauernden und zeitlupenhaft beschriebenen Fall auf den Grund des Kaninchenbaus (AAW 7-8). Während Alices Reise durch das Wunderland keinerlei handfeste Anhaltspunkte für das Verstreichen der Zeit gibt, symbolisiert die Figur des immer verspäteten, auf seine Taschenuhr fixierten Kaninchens die zeitliche Prekarität des Traums. Auch Alices Überlegung „if I don’t make haste, I shall have to go back through the Looking glass, before I’ve seen what the rest oft he house is like“ (TLG 133) betont die zeitliche Instabilität des Traumraums. Das wiederholte Auftauchen bestimmter Figuren hingegen suggeriert eine räumliche und zeitliche Zirkularität der Traumerfahrung.


Körpererfahrungen

Ein weiteres, entscheidendes, in Literatur und Kunst besonders gern aufgegriffenes Traumphänomen betrifft die Intensität der Körpererfahrung und die oftmals daraus resultierende Instabilität der eigenen Existenz (Vgl. Lötscher 2018). Das Motiv der physischen Instabilität nimmt vor allem in Alice’s Adventures in Wonderland eine wichtige Rolle ein. Es manifestiert sich zum einen in verschiedenen Figuren, wie dem in ein Schwein verwandelten Baby der Königin (AAW 56) oder der Grinsekatze, die einzelne Körperteile unabhängig voneinander unsichtbar werden lassen kann, sodass zum Beispiel nur noch das charakteristische Grinsen sichtbar bleibt. Aber auch für die Protagonistin selbst ist die körperliche Verwandlung konstitutiver Aspekt der Traumerfahrung. Der erste Teil der Erzählung wird strukturiert durch die Einnahme verschiedener Tränke und Lebensmittel, die Alice schrumpfen oder wachsen lassen, ihren Hals dabei teleskopartig in die Höhe schießen lassen (AAW 44) oder zu einer klaustrophobischen Erfahrung in einem zu klein gewordenen Haus führen (AAW 29-32). Dabei scheinen die wiederholten körperlichen Veränderungen auch Alices Identität in Frage zu stellen. „Who in the world am I?“ (AAW 14), fragt sie sich bereit in Kapitel 2, während sie feststellt, dass ihre Stimme „hoarse and strange“ (AAW 15) klingt. So erklärt sie dann auch der Wasserpfeife rauchenden Raupe „I’m not myself“ (AAW 38), was sie mit der Aussage „I can’t remember things as I used“ (39) begründet. Auch in Through the Looking Glas taucht das Thema der existentiellen Verunsicherung erneut auf und geht so weit, dass Alice sich an ihren eigenen Namen nicht mehr erinnern kann (TLG 154).

Aber auch die Körpererfahrung im Raum scheint im Traum anderen Gesetzen zu gehorchen. Dies zeigt sich zum Beispiel zu Beginn von Alice’s Adventures in Wonderland während des zeitlupenhaften Falls durch das Kaninchenloch oder in Through the Looking Glas als die Rote Königin sie durch die Landschaft zerrt bis sie regelrecht zu fliegen beginnt: „And they went so fast that at last they seemed to skim through the air, hardly touching the ground with their feet“ ( TLG 142).


Literarität des Träumens

Als Vertreter des literarischen Nonsens greifen beide Texte ganz bewusst die absurden und bizarren Komponenten des Träumens auf und arbeiten diese ästhetisch auf (Vgl. Lötscher 2018). Besonders deutlich wird die ästhetische Konstruiertheit des Oneirischen in den regelmäßig als Tagesreste in die Traumwelt integrierten Gedichten, Liedern oder literarischen Figuren, die jedoch verzerrt und verfälscht werden (Vgl. Holthuis 1994, 132). Denn Carroll nutzt dieses oneirische Phänomen für ein subtiles Spiel mit der Literarität seiner Erzählung einerseits, den Funktionsweisen von Sprache und anderen Zeichensystemen andererseits. Beispiele hierfür sind das Auftauchen der Figuren Humpty Dumpty oder Tweedledum und Tweedledee aus bekannten englischen Nurseryrimes oder das Gedicht über den Mauseschwanz, das in seiner typographischen Abbildung einen Mauseschwanz imitiert (AAW 25). Der Versuch verschiedene Gedichte aus der Wachwelt im Traumraum zu rezitieren steht meist in Zusammenhang mit der Frage nach Alices Identität. Sprache wird so eine entscheidende Rolle für die Artikulierung menschlicher Identität zugeschrieben, die gleichzeitig die Instabilität einer verbal konstituierten Existenz unterstreicht. Als Alice in Kapitel 2 versucht Isaac Watts Against Idleness and Mischief vorzutragen, um sich ihrer selbst zu vergewissern, kommt statt dem Anfangsvers „How doth the little busy bee“ ein „How doth the little crocodile“ aus ihrem Mund, das Alice dann auch zu der verzweifelten Erkenntnis bringt: „I’m sure those are not the right words“ und „I must have changed vor Mabel!“ (AAW 15)

In Through the Lookking Glass wird das Verhältnis zwischen Identität und Sprache, zwischen Signifikat und Signifikant noch zugespitzt, als Humpty Dumpty Alice zunächst mit der Unsinnigkeit ihres Vornamens („‘Must a name mean something?‘ Alice asked doubtfully“, TLG 184) konfrontiert, bevor er die Frage nach ihrem Alter zu einer Diskussion über die Absurdität sprachlicher Konventionen macht:

„So here’s a question for you. How old did you say you were?”
Alice made a short calculation, and said “Seven years and six months.”
“Wrong!” Humpty Dumpty exclaimed triumphantly. “You never said a word like it!”
“I thought you meant ‘How old are you?’” Alice explained.
“If I’d meant that, I’d have said it,” said Humpty Dumpty. (TLG 186)

Er schließt mit der Erklärung: „When I use a word […] it means just what I choose it to mean – neither more nor less.“ (TLG 188). So hat er dann auch keinerlei Schwierigkeiten, das von Alice vorgetragene Nonsens-Gedicht, welches zu großen Teilen aus von Carroll erfundenen Wörtern besteht, zu analysieren (TLG 189). Die Absurdität des Träumens erweist sich dadurch als literarische Schöpfung und das Bizarre der Traumerfahrung wird für eine komplexe Auseinandersetzung mit Grundfragen der Semiotik fruchtbar gemacht (Vgl. Fordyce/Marello 1994; Nöth 1980).


Das Wissen über den Traumzustand

Besonders interessant für die Literarität der Traumerzählung ist auch Alices Bewusstsein bezüglich des Traumzustands. „How queer it seems,“ (28) bemerkt Alice schon relativ zu Beginn ihrer ersten Reise ins Wunderland. Während sie viele der inkohärenten Ereignisse wie selbstverständlich hinnimmt, thematisiert Alice gleichzeitig explizit das Verquere ihrer Erfahrung (Vgl. Zirker 2004/2005). Es handelt sich demnach nicht um einen Zustand luziden Träumens, in dem sich die Protagonistin des Traumzustands gewahr wird, sondern sie spricht die Inkohärenz der Ereignisse an, ohne zu der eindeutigen Schlussfolgerung zu kommen, es handle sich dabei um einen Traum. Dadurch verweist der Autor immer wieder auf die Meta-Ebene, auf der die Fiktionalität der Traumerzählung thematisiert wird. So vergleicht Alice ihre Erlebnisse zum Beispiel mit dem Erzählstoff aus bekannten Sagen und Märchen: „When I used to read fairy tales, I fancied that kind of thing never happened, and now here I am in the middle of one! There ought to be written a book about me […]“ (AAW 30)

Gleichzeitig verschachtelt Carroll immer weitere Traumebenen ineinander (Vgl. Jones/Gladstone 1995 und 1998, 73-74). Schlussendlich stellt sich für Alice gar die destabilisierende Frage, wer eigentlich der Träumer ihres Traums ist, als Tweedledee behauptet, das Mädchen sei womöglich nichts weiter als ein Traum des Roten Königs:

„He’s dreaming now,“ said Tweedledee: „and what do you think he’s dreaming about?“
Alice said, „Nobody can guess that.“
„Why, about you!“ Tweedledee exclaimed, clapping his hands triumphantly. : „And ich he left off dreaming about you, where do you suppose you’d be?“
„Where I am now, of course,“ said Alice.
„Not you!“ Tweedledee retorted contempuously. „You’d be nowhere. Why, you’re only a sort oft hing in his dream!“
„If that there King was to wake,“ added Tweedledum, „you’d go out – bang! – just like a candle!“ (TLG 165)

Die Frage nach dem tatsächlichen Träumer, verweist zum einen erneut auf eine selbstreflexive Ebene, da der Träumer sinnbildlich für den Schöpfer der Traumwelt, also den Autor der Erzählung stehen kann. Gleichzeitig wird mit dieser Überlegung Alices Existenz als eigenständiges Subjekt in Frage gestellt, was die bereits thematisierte existentielle Unsicherheit des Mädchens („Who in the world am I?“) noch potenziert. Diese Problematik lässt das kleine Mädchen auch nach ihrem Aufwachen nicht los. Obwohl sie sich nun sicher ist, selbst geträumt zu haben, hält sie an der Idee des träumenden Königs fest:

„Now, Kitty, let’s consider who it was that dreamed it all. This is a serious question, my dear […] it must have been either me or the Red King. He was part of my dream, of course – but then I was part of his dream, too!“ (TLG 243)

Erneut greift Carroll hier die Idee einer besonders intensiven kindlichen Vorstellungskraft auf (Vgl. Wullschläger 1997), die dazu führt, dass Alice die Traumerfahrung auch nach dem Erwachen noch als wahrhaftig annimmt, wodurch Carroll das Spiel mit den Traumebenen weiterführen kann.


Kollektives Träumen

Dass das Spiel mit den Traumebenen auch über das Verlassen des oneirischen Raums hinaus weitergeht, zeigt sich dadurch, dass nach Alices Erwachen jeweils die Frage nach der Möglichkeit einer geteilten Traumerfahrung gestellt wird – Motiv, das sich als Topos kindlicher Traumnarrative etabliert hat (Vgl. Kellner 2019). In Alice’s Adventures in Wonderland wird die kollektive Dimension herbeigeführt, indem Alice nach dem Erwachen ihrer Schwester die geträumten Ereignisse schildert, woraufhin diese in ihren Tagträumereien das von Alice imaginierte Wonderland, wenn auch mit geringerer Intensität, nacherleben kann:

But her sister sat still just as she left her, leaning her head on her hand, watching the setting sun and thinking of little Alice and all her wonderful Adventures until she too began dreaming after fashion […] so she sat on, with closed eyes, and half believed herself in Wonderland, though she knew she had but open them again, and all would change to dull reality. (AAW 111)

Dass die ältere Schwester nicht mehr gänzlich in das Traumreich eindringen kann, wird vom Erzähler implizit darauf zurückgeführt, dass sie, anders als sie es für Alice prophezeit, ihr “simple and loving heart of childhood” (AAW 111) nicht bewahrt hat (Vgl. Carpenter/Prichard 1999).

Through the looking glass wiederum wird eingerahmt, von zwei Szenen in Alices Spielzimmer. Während sie zu Beginn ihr Kätzchen Kitty ausschimpft, folgert sie nach dem Erwachen, dass das schwarze Kätzchen ihre Begleiterin auf ihrer sonderbaren Traumreise war und dort die Rolle der Königin eingenommen hat: „And you’ve been along with me, Kitty – all through the Looking Glass world. Did you know it, dear?“ (TLG 241).


Literatur

Ausgaben

  • Carroll, Lewis: Alice’s Adventures in Wonderland and Through the Looking-Glass. London: Penguin Books 2012 (zitierte Ausgabe).
  • Carroll, Lewis: Alice’s Adventures in Wonderland and Through the Looking-Glass. Roger Lancelyn Green (Hg.). Oxford: OUP 1998.
  • Carrol, Lewis: The Annotated Alice: The Definitive Edition. Alice’s Adventures in Wonderland and Through the Looking-Glass. Martin Gardner (Hg.). London: Penguin, 2001.



Forschungsliteratur

  • Klein, Barrett: The Curious Connection between Insects and Dreams. In. Insects. Insects in Pop Culture, Art and Music 3 (1). 2012, URL: https://www.mdpi.com/2075-4450/3/1/1/htm.
  • Bulkeley, Kelly: The subversive dreams of Alice in Wonderland. International journal of dream research. N°12 (2019), S. 49–59.
  • Carpenter, Humphrey/Prichard, Mari: The Oxford Companion to Children’s Literature. Oxford: OUP 1999.
  • Cogan Thacker, Deborah/Webb, Jean: Introducing children’s literature: from Romanticism to Postmodernism. New York: Routledge 2002.
  • Engel, Manfred: Towards a Poetics of Dream Narration. In: Bernard Dieterle/Manfred Engel (Hrsg.): Writing the Dream. Ecrire le rêve. Würzburg: Königshausen & Neumann, 2017, S. 19–44.
  • Fordyce, Rachel/Marello Carlo (Hrsg.): Semiotics and Linguistics in Alice’s World. Berlin: de Gruyter 1994.
  • Holthuis, Susanne: Alice in Wonderland – Aspects of Intertextuality. In: Fordyce, Rachel/Marello Carlo (Hrsg.): Semiotics and Linguistics in Alice’s World. Berlin: de Gruyter 1994, S. 127–140.
  • Jones, Elwyn/Gladstone, Francis: The Alice Companion. A guide to Lewis Carroll’s Alice Books. London Macmillan Press 1998.
  • Jones, Elwyn/Gladstone, Francis: The Red King’s Dream, or, Lewis Carroll in Wonderland. London: Jonathan Cape 1995.
  • Kellner, Kathrin: Träume in der Kinder- und Jugendliteratur: Erscheinungsformen und Funktionen von erzählten Träumen. Marburg: Büchner 2019.
  • Kreuzer, Stefanie: Traum und Erzählen in Literatur, Film und Kunst. Paderborn: Fink 2014.
  • Lötscher, Christine: Technik des Sinns. Hermeneutik des Unsinns. Materialität, Medialität und ästhetische Erfahrung in Lewis Carrolls Alice-Romanen. In: David Magnus / Sergej Rickenbacher (Hrsg.): Technik – Ereignis – Material. Berlin: Kulturverlag Kadmos 2018, S. 69–84.
  • Middeke, Martin/Pietrzak-Franger, Monika: Handbook of the English Novel, 1860-1900. Boston: de Gruyter 2020, S. 351-367.
  • Nöth, Winfried: Literatursemiotische Analysen zu Lewis Carrolls Alice-Büchern. Tübingen: Narr 1980.
  • Winchester, Simon: The Alice behind the wonderland. Oxford: Oxford University Press 2011.
  • Wullschläger, Jackie: Enfances rêvées : Alice, Peter Pan… nos nostalgies et nos tabous. Paris : Ed. Autrement 1997.
  • Zirker, Angelika: “Alice was not surprised”: (un)surprises in Lewis Carroll’s Alice-Books. Connotations 14.1–3 (2004/2005). URL: https://publikationen.uni-tuebingen.de/xmlui/bitstream/handle/10900/46322/pdf/zirker1413.pdf?sequence=1&isAllowed=y. (Letzte Konsultation: 07.09.2021)


Zitiervorschlag für diesen Artikel:

Mehrbrey, Sophia: "Alice in Wonderland" (Lewis Caroll). In: Lexikon Traumkultur. Ein Wiki des Graduiertenkollegs "Europäische Traumkulturen", 2021; http://traumkulturen.uni-saarland.de/Lexikon-Traumkultur/index.php/%22Alice_in_Wonderland%22_(Lewis_Caroll).