"Ein Jahr aus der Nacht gesprochen" (Peter Handke)

Aus Lexikon Traumkultur

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Ein Jahr aus der Nacht gesprochen ist ein im Jahr 2010 erschienenes Buch von Peter Handke (*1942), das mehr als 500 kurze Sätze und Gedanken enthält, die Handke geträumt hat. Es ist das sechste seiner seit 1977 veröffentlichten Journale, die ausgewählte Einträge und Notizen aus Handkes Tage- und Notizbüchern enthalten.

Autor

Der österreichische Schriftsteller Peter Handke wurde am 6. Dezember 1942 in Griffen (Kärnten) geboren. Sein umfangreiches literarisches Werk umfasst sowohl Erzähl- als auch Theatertexte, aber auch Lyrik, Hörspiele sowie Drehbücher. Darüber hinaus ist er auch als Übersetzer tätig. In Handkes Werk ist der Traum ein wichtiges und wiederkehrendes Moment, sowohl in Form von Traumerzählungen oder Traumsequenzen als auch als Inspirationsquelle für Texte. Diese Nähe zum Traum wurde in der Forschung bislang noch nicht tiefergehend untersucht. Handke selbst misst dem Traum für die Literatur generell, vor allem aber auch für sein eigenes Schreiben eine große Bedeutung bei: „Und natürlich spielen Träume eine Rolle. Die Träume sind ja verschwunden aus der Literatur, dabei sind sie ihr Ursprung. Bei den meisten Schriftstellern sehe ich keinen Traum mehr. Ich komme aus dem Traum.“ (Greiner/Handke 2006) Mit Blick auf seine Theaterstücke spricht er davon, dass das Traumspiel „immer mit dabeisein [muß]“ (Handke/Oberender 2014, 124).


Die Traumnotate

Beschreibung

Die in Ein Jahr aus der Nacht gesprochen zusammengestellten Sätze sind allesamt Traumnotizen, die Handke zwischen April 2008 und April 2010 ursprünglich in seinen Notizbüchern notiert hat (vgl. Hannesschläger). Oftmals handelt es sich bei diesen um kurze ein- bis zweizeilige Sätze; zu finden sind aber auch knappe Dialoge und kleine Geschichten; die längste von ihnen besteht aus nicht ganz elf Zeilen. Enthalten sind außerdem einige Notate in Französisch und Englisch, vereinzelt finden sich auch Wörter in Altgriechisch sowie kursiv gesetzte Notate in Versform.

Die Traumnotate erscheinen durchwegs sonderbar und rätselhaft. Es finden sich darin Sätze wie etwa „Da wird ein ganzes Schloß transportiert“ (JN 16), „Zum letzten Mal schauen deine Eltern, als Beduinen verkleidet, vom Rand aus zu“ (JN 35), „Er hat die Hand in den Fluß der Träume gesteckt und sie trocken wieder herausgezogen“ (JN 74) oder auch „Guten Morgen, liebe Hörer: hier ist der Saarländische Rundfunk mit keinen Nachrichten“ (JN 180). Die Notate sind unverbunden und kommentarlos nebeneinander gestellt. Eine Kontextualisierung fehlt; genauso wenig ist ein übergreifendes Ordnungsprinzip erkennbar. Die Anordnung erscheint vielmehr assoziativ und folgt ihrer eigenen Logik. So können einzelne Notate zu Gruppen geordnet werden oder Verbindungen miteinander eingehen und eine Ordnung suggerieren, die jedoch nie bis zum Ende und für das Gesamte trägt.

Interpretation

Dass es sich bei diesen Notaten um geträumte Sätze und Bilder handelt, legt lediglich der Buchtitel Ein Jahr aus der Nacht gesprochen nahe. Insbesondere ob der fehlenden Kommentierung sind eindeutige Markierungen im Text selbst nicht vorhanden. Rückschlüsse auf den Status dieser Notizen können daher nur aufgrund eigener Äußerungen Handkes gezogen werden, der zu der Frage, wie er diese Sätze im Traum gefunden habe, sagt: „Irgendwie habe ich innerlich aufgehorcht, ich wurde wach, manchmal mitten in der Nacht, manchmal am frühen Morgen. Ich habe mir die Sätze, die Bilder durch den Kopf gehen lassen und sie dann aufgeschrieben. Später habe ich sie nur noch grammatisch geglättet, sonst nichts daran geändert“ (Greiner/Handke 2010).

Unabhängig davon, inwieweit und wie genau Handke die in Ein Jahr aus der Nacht gesprochen zusammengestellten Sätze geträumt, gefunden und aufgeschrieben hat, spürt das Buch dem künstlerischen Potenzial des Traums nach und nimmt es ernst. In dieser Hinsicht zeigen die Traumnotate Verbindungslinien zwischen Traum und Literatur, zwischen Träumen und Schreiben auf. Handke selbst bezeichnet die Notizen als „Traumsprache […], eine Form vor der Literatur“ (Greiner/Handke 2010). Auffällig an ihnen ist, dass sie, wenn sie nicht mit einem Ausrufe- oder Fragezeichen abschließen, ohne Satzzeichen beendet werden. Auf diese Weise erhalten sie den Charakter von Fragmenten, von Unfertigem, das sowohl weiter gedacht und phantasiert werden, als auch bearbeitet werden kann, z.B. um aus ihnen Literatur zu machen.

Einige dieser Notate können unmittelbar mit Handkes literarischen Werken in Verbindung gebracht werden. So finden sich beispielweise die Sätze „Die Menschen verschwinden, und die T-Shirts bleichen aus“ (JN 44) oder auch „Und wie geht’s mit uns beiden weiter, Liebe? – Gar nicht. Wie von Anfang an, Lieber“ (JN 93) in Handkes Traumspiel Immer noch Sturm (2010) wieder (vgl. Hannesschläger). Die nächtlichen Fundstücke, die unkommentiert und für sich allein stehend rätselhaft erscheinen, werden so in einen größeren Sinnzusammenhang hineinmontiert und einzelnen Figuren im Stück in den Mund gelegt.

Die Traumnotiz „Eine Landschaft fällt mir ein, in der aus Ich Wir wird. Schöne Historie. Servus, Schatz!“ (JN 180) kann in Zusammenhang mit Handkes Traumspiel Die Unschuldigen, ich und die Unbekannte am Rand der Landstraße. Ein Schauspiel in vier Jahreszeiten aus dem Jahr 2015 gebracht werden, in dem sich ein träumendes ‚Ich‘ und ein ‚Ich im Traum‘ am Rand einer Landstraße am Ende zu einem ‚Wir‘ zusammenschließen. In diesem knappen Notat steckt somit ein zentrales Moment des gesamten späteren Stücks. Das geträumte (Landschafts-)Bild stellt eine Art Ausgangspunkt dar: Indem es in Literatur verwandelt wurde, lässt es den Traum als Inspirationsquelle erscheinen.

Die Notizen sind jedoch nicht nur Ausgangspunkt für das Schreiben und Schaffen von Literatur. Sie verfügen vielmehr auch selbst über einen poetischen Gehalt, der dem Traum selbst zugeschrieben werden muss. Inszeniert wird dies, indem sämtliche Traumnotate in Anführungszeichen gesetzt und so als Zitate gekennzeichnet sind. Der Titel Ein Jahr aus der Nacht gesprochen ist also durchaus programmatisch zu verstehen: Der Traum selbst kommt zu Wort und ist derjenige, der aus der Nacht spricht.

Literatur

Ausgaben und Selbstzeugnisse

  • Handke, Peter: Ein Jahr aus der Nacht gesprochen. Salzburg, Wien: Jung und Jung 2010.

(= Originalausgabe)

  • Handke, Peter: Ein Jahr aus der Nacht gesprochen. Berlin: Suhrkamp 2014.

(= zitierte Ausgabe, zitiert als JN)

  • Handke, Peter/Thomas Oberender: Nebeneingang oder Haupteingang? Gespräche über 50 Jahre Schreiben fürs Theater. Berlin: Suhrkamp 2014.
  • Greiner, Ulrich/Peter Handke: „Ich komme aus dem Traum“. Ein ZEIT-Gespräch mit dem Schriftsteller Peter Handke über die Lust des Schreibens, den jugoslawischen Krieg und das Gehen in den Wäldern. In: DIE ZEIT 1.02.2006; online (16.08.2016).
  • Greiner, Ulrich/Peter Handke: Eine herbstliche Reise zu Peter Handke nach Paris. „Erzählen“, so sagt er, „ist eine Offenbarung“. Ein Gespräch mit dem berühmten Schriftsteller über seine neuen Bücher Ein Jahr aus der Nacht gesprochen und Immer noch Sturm, über die enttäuschende amerikanische Gegenwartsliteratur und über sein umstrittenes Engagement in Bosnien. In: DIE ZEIT 25.11.2010; online (16.08.2016).


Forschungsliteratur

  • Hannesschläger, Vanessa: Ein Jahr aus der Nacht gesprochen. Entstehungskontext; Quellenlage; Werkmaterialien; weitere Quellen; Forschungsbeiträge. In: Handkeonline. Forschungsplattform Peter Handke (16.08.2016).


Zitiervorschlag für diesen Artikel:

Höfer, Kristina: "Ein Jahr aus der Nacht gesprochen" (Peter Handke). In: Lexikon Traumkultur. Ein Wiki des Graduiertenkollegs "Europäische Traumkulturen", 2016; http://traumkulturen.uni-saarland.de/Lexikon-Traumkultur/index.php?title=%22Ein_Jahr_aus_der_Nacht_gesprochen%22_(Peter_Handke) .