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==Zur Anlage des Romans==
 
==Zur Anlage des Romans==
Die Vorgeschichte von ''Kassandra'' bezieht sich auf den Trojanischen Krieg.<ref>Besonders produktiv für ihr literarisches Werk war für Christa Wolf ihre im Sommer 1980 unternommene Griechenlandreise, die sie dazu bringt, sich mit der griechischen Mythologie intensiv zu beschäftigen.</ref> Dennoch verdienen die wichtigsten Abweichungen von der stofflichen Vorlage Aufmerksamkeit. Zunächst ist die Liebesbeziehung zwischen Aineias und Kassandra ein Novum. In der Mythologie gibt es weder eine Begegnung noch eine Beziehung zwischen den beiden Figuren. Als nächstes ist Christa Wolfs feministische Annäherung am Krieg besonders bedeutsam. Sie zeigt sich darin, dass sie sowohl den Griechen als auch den Trojanern jegliches Heldentum abspricht. Achilles, Homers Held, wird bei ihr zu einem sadistischen Metzger, der noch die Toten tötet. Agamemnon, der große und berühmte Anführer der griechischen Flotte, wird in ein Kind ohne Selbstbewusstsein verwandelt. Die radikalste Veränderung betrifft die Figur der Helena, für die nicht mehr der Krieg geführt wird, sondern Privilegien und Besitz in den Vordergrund gerückt werden. Kassandra wird über das traditionelle Recht auf Zugang zum Hellespont belehrt. Ihr Vater erklärt ihr, dass die Griechen ihr Gold und den freien Zugang zu den Dardanellen wollen (vgl. Wolf 2008, 93). In diesem Zusammenhang hat Helena die Funktion einer Propagandalüge, da sie sich eben nicht in Troja aufhält.
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Die Vorgeschichte von ''Kassandra'' bezieht sich auf den Trojanischen Krieg.<ref>Besonders produktiv für ihr literarisches Werk war für Christa Wolf ihre im Sommer 1980 unternommene Griechenlandreise, die sie dazu bringt, sich mit der griechischen Mythologie intensiv zu beschäftigen.</ref> Besondere Aufmerksamkeit verdienen die wichtigsten Abweichungen von der stofflichen Vorlage: Zunächst ist die Liebesbeziehung zwischen Aineias und Kassandra ein Novum. In der Mythologie gibt es weder eine Begegnung noch eine Beziehung zwischen den beiden Figuren. Als nächstes ist Christa Wolfs feministische Annäherung an den Krieg besonders bedeutsam. Sie zeigt sich darin, dass sie sowohl den Griechen als auch den Trojanern jegliches Heldentum abspricht. Achilles, Homers Held, wird bei ihr zu einem sadistischen Metzger, der noch die Toten tötet. Agamemnon, der große und berühmte Anführer der griechischen Flotte, wird in ein Kind ohne Selbstbewusstsein verwandelt. Die radikalste Veränderung betrifft die Figur der Helena; nicht mehr für sie wird der Krieg geführt, statt dessen rücken Privilegien und Besitz in den Vordergrund. Kassandra wird über das traditionelle Recht auf Zugang zum Hellespont belehrt, und ihr Vater erklärt ihr, dass die Griechen ihr Gold und den freien Zugang zu den Dardanellen wollen (Wolf 2008, 93). In diesem Zusammenhang hat die Berufung auf Helena die Funktion einer Propagandalüge, da sie sich eben nicht in Troja aufhält.
    
Christa Wolfs ''Kassandra'' handelt von der Hauptfigur Kassandra älteste und beliebteste Tochter des Königs Priamos von Troja, sich nicht den festgeschriebenen Geschlechterrollen nicht identifizieren will. Im Gegensatz zu ihrer Mutter Hekabe und ihren Schwestern will sie nicht das Haus hüten und heiraten. Da sie einen Beruf erlernen möchte, lässt sie sich zur »Seherin« ausbilden bzw. einweihen, einen sogenannten Männerberuf (Vgl. Wolf 2008, 93), der für eine Frau ihres Standes angemessen ist. Dieser Beruf, der ein Privileg ist, wird ihr schließlich zugesprochen und sie muss ihn gemäß den Gepflogenheiten ausüben. Sie begegnet Aineias zum ersten Mal, als sie sich der entwürdigenden Prozedur der Entjungferung bei der Einführung ins Priesterinnenamt unterzogen sah. Apollon, der Gott der Seher, verleiht ihr die Sehergabe, indem er ihr in Gestalt eines Wolfes in den Mund spuckt. Da sie den Avancen Apollons nicht nachgibt, bestraft er sie dennoch mit einem Fluch: Zwar sieht sie alles, aber niemand wird ihr glauben. Obwohl sie ihrem Volk, dem sie eng verbunden ist, auf ihre Weise am besten dient, wird die Seherin von ihrem eigenen Volk abgelehnt. Kassandra durchläuft daraufhin einen schmerzhaften Ablösungsprozess, in dessen Verlauf sie zunächst für verrückt erklärt wird, weil sie die Wahrheit über den Untergang Trojas erzählt hat, bevor sie von ihrem geliebten Vater Priamos in den Turm geworfen wird. Die Gesichter, die sich auf sie stürzen, haben nichts mehr mit rituellen Orakeln zu tun. Sie sieht die Zukunft, weil sie den Mut hat, die tatsächlichen Bedingungen der Gegenwart zu sehen. Unter den Gruppen in und um den Palast, die sozial und ethnisch heterogen sind, schließt sich Kassandra der Gegenwelt der Skamander an. Die Welt der Skamander befindet sich in den Höhlen eines Flusses namens Skamander und erscheint zurecht als eine Heterotopie einer besseren Gesellschaft, eine alternative Welt, in der Frauen ihren Platz haben. Indem sie sich mit dieser Minderheit identifiziert, grenzt sie sich bewusst aus, wirft alle ihre Privilegien ab und setzt sich Verdächtigungen, Spott und Verfolgungen aus, die letztlich der Preis für ihre Unabhängigkeit sind. Cassandra weigert sich, in Selbstmitleid zu schwelgen. Sie beschließt, ihr Leben zu leben, selbst in Zeiten des Krieges, und versucht dann, den auf ihr lastenden Fluch aufzuheben, wird aber schließlich zum Objekt degradiert.
 
Christa Wolfs ''Kassandra'' handelt von der Hauptfigur Kassandra älteste und beliebteste Tochter des Königs Priamos von Troja, sich nicht den festgeschriebenen Geschlechterrollen nicht identifizieren will. Im Gegensatz zu ihrer Mutter Hekabe und ihren Schwestern will sie nicht das Haus hüten und heiraten. Da sie einen Beruf erlernen möchte, lässt sie sich zur »Seherin« ausbilden bzw. einweihen, einen sogenannten Männerberuf (Vgl. Wolf 2008, 93), der für eine Frau ihres Standes angemessen ist. Dieser Beruf, der ein Privileg ist, wird ihr schließlich zugesprochen und sie muss ihn gemäß den Gepflogenheiten ausüben. Sie begegnet Aineias zum ersten Mal, als sie sich der entwürdigenden Prozedur der Entjungferung bei der Einführung ins Priesterinnenamt unterzogen sah. Apollon, der Gott der Seher, verleiht ihr die Sehergabe, indem er ihr in Gestalt eines Wolfes in den Mund spuckt. Da sie den Avancen Apollons nicht nachgibt, bestraft er sie dennoch mit einem Fluch: Zwar sieht sie alles, aber niemand wird ihr glauben. Obwohl sie ihrem Volk, dem sie eng verbunden ist, auf ihre Weise am besten dient, wird die Seherin von ihrem eigenen Volk abgelehnt. Kassandra durchläuft daraufhin einen schmerzhaften Ablösungsprozess, in dessen Verlauf sie zunächst für verrückt erklärt wird, weil sie die Wahrheit über den Untergang Trojas erzählt hat, bevor sie von ihrem geliebten Vater Priamos in den Turm geworfen wird. Die Gesichter, die sich auf sie stürzen, haben nichts mehr mit rituellen Orakeln zu tun. Sie sieht die Zukunft, weil sie den Mut hat, die tatsächlichen Bedingungen der Gegenwart zu sehen. Unter den Gruppen in und um den Palast, die sozial und ethnisch heterogen sind, schließt sich Kassandra der Gegenwelt der Skamander an. Die Welt der Skamander befindet sich in den Höhlen eines Flusses namens Skamander und erscheint zurecht als eine Heterotopie einer besseren Gesellschaft, eine alternative Welt, in der Frauen ihren Platz haben. Indem sie sich mit dieser Minderheit identifiziert, grenzt sie sich bewusst aus, wirft alle ihre Privilegien ab und setzt sich Verdächtigungen, Spott und Verfolgungen aus, die letztlich der Preis für ihre Unabhängigkeit sind. Cassandra weigert sich, in Selbstmitleid zu schwelgen. Sie beschließt, ihr Leben zu leben, selbst in Zeiten des Krieges, und versucht dann, den auf ihr lastenden Fluch aufzuheben, wird aber schließlich zum Objekt degradiert.

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