"La Boutique obscure" (Georges Perec): Unterschied zwischen den Versionen

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Aktuelle Version vom 25. Mai 2019, 04:48 Uhr

La Boutique obscure. 124 rêves ist eine Sammlung von Traumnotaten, die der französische Autor Georges Perec (1936–1982) 1973 veröffentlichte. Die deutsche Übersetzung von Jürgen Ritte erschien 2017 unter dem Titel Die dunkle Kammer. 124 Träume.


Autor

Georges Perec wurde als Sohn jüdischer Einwanderer aus Polen in Paris geboren. Seine Kindheit stand unter dem Schatten des Zweiten Weltkriegs und des Holocaust. Sein Vater fiel 1940 in der Fremdenlegion bei der Verteidigung von Paris, seine Mutter wurde drei Jahre später, vermutlich in Auschwitz, ermordet. Mit einem Kindertransport des Roten Kreuzes gelangte Perec in die unbesetzte Zone Villard-de-Lans, wo er bei seiner Tante aufwuchs. Nach Kriegsende kehrte er nach Paris zurück.
Seinen literarischen Durchbruch erreichte der junge Autor 1965 mit der Veröffentlichung des Romans Les Choses, der mit dem Prix Renaudot ausgezeichnet wurde. Zwei Jahre später wurde er ein offizielles Mitglied der Avant-Garde-Gruppe OuLiPo und nahm regelmäßig an den Sitzungen teil. OuLiPo ist eine Abkürzung für „Ouvroir de Littérature Potentielle“ (dt.: Werkstatt potentieller Literatur), was bereits die wichtigsten Punkte des poetischen Programms zusammenfasst. Literatur ist die Produktion von Texten, die möglichst innovativ und experimentell sein sollen. Um die vielfältigen Möglichkeiten, also das Potenzial von Literatur auszuschöpfen, definiert der Schriftsteller eine Reihe von formalen Regeln („contraintes“), denen der Text entsprechen muss. Eines der berühmtesten Beispiele ist Perecs leipogrammatischer Roman La Disparition (1979), in dem der Autor durchgängig auf den Buchstaben E verzichtet. 1987 erhält er für La Vie mode d’emploi den Prix Médicis, was ihm ein Leben als freier Schriftsteller ermöglicht.

Entstehung

Die Texte sind zwischen Mai 1968 und August 1972 entstanden. Lässt sich für eine erste Entstehungsphase ein psychologisches Interesse des Autors belegen – im Mai 1971 begann er eine Therapie bei dem renommierten Psychoanalytiker Jean-Bertrand Pontalis und legte im Zuge der Sitzungen einige der Traumprotokolle vor – dominiert im Laufe der Zeit eine ästhetische Perspektive auf den Traum. Im Vorwort beschreibt Perec die Textgenese als eine zumindest teilweise bewusst ablaufende Entwicklung:

Je croyais noter les rêves que je faisais: je me suis rendu compte que, très vite, je ne rêvais déjà plus que pour écrire mes rêves. De ces rêves trop rêvés, trop relus, trop écrits, que pouvais-je désormais attendre, sinon de les faire devenir textes, gerbe de textes déposée en offrande aux portales de cette ‚voie royale‘ qu’il me reste à parcourir – les yeux ouverts? (BO, Vorwort)
(Ich glaubte die Träume, die ich machte, zu notieren: Sehr schnell wurde mir klar, dass ich längst schon nur noch träumte, um von meinen Träumen zu schreiben. Was konnte ich mit diesen zu sehr geträumten, zu oft wieder gelesenen, zu sehr geschriebenen Träumen jetzt noch anderes anfangen als Texte aus ihnen zu machen, ein Textgebinde, eine Opfergabe, niedergelegt an der Pforte zu jenem ‚Königsweg‘, den ich noch zu durchlaufen habe, und dies offenen Auges? (dK, Vorwort))

Perecs Traumtexte – oder Textträume – stammen nicht mehr unmittelbar aus einem Unbewussten und sind infolgedessen auch nicht mehr als Freudscher „Königsweg“ analysierbar. Die Träume werden durch den Schreibprozess, den Prozess des écrire, geformt und sind in erster Linie eine ästhetische, weniger aber eine psychologische Erfahrung.

Einordnung

Perec selbst bezeichnete La Boutique obscure in einem Interview als einen seiner autobiographischen Texte, denen innerhalb seines Werkes ein großer Stellenwert zukommt. Autobiographie versteht er allerdings nicht als mimetische Darstellung einer Summe von Erlebnissen durch Sprache:

Je pense que la somme de mes livres pourra fonctionner aussi comme autobiographie. Seulement, l’autobiographie, ce n’est pas seulement raconter les événements qui sont arrivés dans la vie de quelqu’un. (EeC II, 64)
(Ich denke, dass die Summe meiner Bücher auch als Autobiographie funktionieren wird. Nur bedeutet Autobiographie eben nicht ausschließlich, von den Ereignissen zu erzählen, die im Leben eines Menschen passiert sind. (Übers. durch die Autorin))

Vielmehr beinhaltet die Rekonstruktion von Vergangenem einen Konstruktionsprozess, in dem Erinnerungsfragmente gestaltet, neu kombiniert oder mit Assoziationen und imaginierten Elementen ergänzt werden. Perecs autobiographische Texte setzen sich häufig mit der Problematik der NS-Verbrechen auseinander und zeichnen sich durch eine Ästhetik des Fragmentarischen, Brüche in der Narration und Leerstellen aus.

Die Traumnotate

Inhalt und Aufbau

Wie der Titel bereits angibt, beinhaltet der Band 124 Traumnotate. Diese sind in chronologischer Reihenfolge aufgeführt und auf Monat und Jahr datiert. Außerdem ist jeder der Texte mit einer Überschrift versehen, die sich auf zentrale Themen oder Handlungselemente bezieht. An dieser Stelle wird bereits eine Literarisierung erkennbar, obgleich es sich den Epitexten zufolge um authentische Traumaufzeichnungen Perecs handelt.
Im Vorwort stellt Perec allgemeine Überlegungen zum Traum und zur Praxis der Traumaufzeichnung an, auf die im späteren Verlauf noch zurückzukommen sein wird; außerdem erläutert er orthographische Besonderheiten der Boutique obscure. So bedeuten Absätze etwa abrupte Veränderungen von Stimmungen, Schauplätzen oder der Zeit, während die Abstände zwischen den einzelnen Absätzen längere oder kürzere vergessene Abschnitte der Traumhandlung visualisieren. Es gibt keine Seitenzahlen, stattdessen sind die einzelnen Traumnotate von eins bis 124 durchnummeriert. Am Ende des Bandes findet sich ein Register, in dem Perec die Traumnotate verschiedenen Stichwörtern zuordnet.

Analyse und Interpretation

Im Vorwort führt Perec vorab einige orthographische Spielregeln der Lektüre auf. Doppelte Spiegelstriche zeigen absichtliche Auslassungen im Text an, also gewissermaßen zensierte Traumpassagen. Traumnotat Nr. 96 („La fenêtre“) macht deutlich, dass es sich hierbei jedoch nicht nur um ein Werkzeug zum Schutz der Privatsphäre handelt: Unter dem Titel steht an dieser Stelle nur der doppelte Spiegelstrich. Der im Nachlass erhaltene Text thematisiert die Trennung von der Geliebten Suzanne Lipinska. Durch die markierte Auslassung tritt der ludische Charakter der Traumnotate zu Tage, die zum Spiel zwischen Autor und Leser werden, indem Hinweise zugleich gegeben und codiert werden. Die gesetzte Leerstelle wirft ein Licht auf das dialektische Verhältnis zwischen einer dem autobiographischen Schreiben und auch dem Traum inhärenten Selbstpreisgabe auf der einen, sowie einer Zensur persönlicher Inhalte auf der anderen Seite. Marie Bonnot interpretiert „La fenêtre“ als clinamen, als kalkulierten Fehler im System der contrainte, der die Ästhetik der Boutique obscure entscheidend prägt. Vor dem Hintergrund dieser Überlegungen besteht die contrainte des Traumnotats in der Selbstoffenbarung, die jedoch durch die markierte Zensur unterminiert wird – Nr. 96 wird zugleich preisgegeben und verschwiegen. Diese Dialektik ist Teil einer Perecschen Traumästhetik und wird in der Boutique obscure immer wieder durch markierte Leerstellen sichtbar gemacht.
Der Mechanismus ist auch in der später erschienenen autobiographischen Schrift W ou le Souvenir d’enfance (1975) zu finden, die sich mit der Aufarbeitung von Perecs Kindheit und speziell der Ermordung seiner Mutter im Konzentrationslager befasst. In der Mitte des Buches symbolisiert eine fast leere Seite, auf der lediglich drei Punkte in Klammern zu sehen sind, das Verschwinden der Mutter. Stellt man den Bezug zwischen beiden Texten her, ist das 96. Traumnotat als doppelte Leerstelle lesbar, die zwei Verlusterfahrungen (der Geliebten und der Mutter) übereinander blendet. Damit sind zwei thematische Schwerpunkte der Boutique obscure genannt, die immer wieder auftauchen und die gereihten Traumnotate verbinden: Trennung auf der einen und die Auseinandersetzung mit dem Holocaust auf der anderen Seite.
Innerhalb des Bandes gibt es einen ganzen Motivkreis, der sich in Bezug zur NS-Zeit setzen lässt. So spielt sich etwa das erste Traumnotat („La taille“/„Die Messung“) in einem Konzentrationslager ab, das in einer reflexiven Passage als „Metapher“ und „Bild“ bezeichnet wird, welches die Imagination des Träumers beherrscht und damit sein Innenleben, seine Psyche. Ein Entkommen ist nicht möglich: Das Traum-Ich ist dem Folterknecht, der mit seiner Gleichgültigkeit dem Opfer gegenüber die Schrecken des Konzentrationslagers verkörpert, ebenso ausgeliefert wie dem Traum:

Ce qui me sauve, c’est seulement l’indifférence du tortionnaire, sa liberté de faire ou de ne pas faire; je suis entièrement soumis à son arbitraire (exactement de la même façon que je suis soumis à ce rêve: je sais que ce n’est qu’un rêve, mais je ne peux échapper à ce rêve). (BO 1)
(Was mich rettet, ist lediglich die Gleichgültigkeit des Folterers, seine Freiheit, etwas zu tun oder zu lassen; ich bin ganz seiner Willkür ausgeliefert (ganz genauso, wie ich diesem Traum ausgeliefert bin: Ich weiß, dass es nur ein Traum ist, aber ich kann diesem Traum nicht entrinnen. (dK 1))

Das Traumlager zeichnet sich vor allem durch eine Willkür aus, der gegenüber der Träumer hilflos ist. Er ist in einem nie endenden Lagertraum gefangen, dessen Handlung er nicht beeinflussen kann. Dieser Eindruck wird durch das letzte Traumnotat verstärkt. In Nummer 124 („La dénonciation“/„Die Denunziation“) wird der Vater des Träumers durch die SS verhaftet und gemeinsam mit ihm deportiert. Der Vater versucht, eine alte Verletzung wieder aufzubrechen, um aussortiert zu werden. Sein Bestreben, selbst Kontrolle über das Geschehen zu gewinnen, ist jedoch zum Scheitern verurteilt aufgrund der Gleichgültigkeit der anderen. Der Kommentar des Traum-Ichs ist ernüchternd:

Je sais ce qui nous attend. Je n’ai pas d’espoir. En finir au plus tôt. Ou alors, un miracle… Un jour, apprendre à survivre? (BO 124)
(Ich weiß, was uns erwartet. Ich habe keinerlei Hoffnung. Je schneller es zu Ende ist, desto besser. Es sei denn, ein Wunder… Eines Tages überleben lernen? (dK 124))

Überleben ist ein Wunder, an dessen Eintritt der Träumer kaum mehr glaubt und das allenfalls an einem nicht näher bestimmbaren Tag in der Zukunft „erlernt“ werden kann. Das letzte Traumnotat bildet mit dem ersten eine thematische Klammer, die alle Texte der Boutique obscure umfasst. Die zirkelförmige Kompositionsstruktur greift auf einer formalen Ebene die Vorstellung eines nie endenden Alptraums auf. Dazwischen treten immer wieder gewalttätige Polizisten und Männer in Uniform auf, Nummer 17 und 46 spielen sich erneut im Lager ab. Auf diese Weise entsteht ein Netz aus Bezügen und Querverbindungen zwischen den einzelnen Texten, das im Register teilweise nachvollziehbar wird.
Auch der Index am Ende des Bandes ist Teil des Interpretationsspiels. Die Nummern der Traumnotate werden unter alphabetisch geordneten Stichwörtern zusammengefasst. So lassen sich einzelne Motive und Gegenstände zurückverfolgen. Auf den zweiten Blick aber sticht der unsystematische Aufbau des Verzeichnisses ins Auge. Die in den Traumnotaten stark präsenten Figuren P. und Z. erscheinen nicht im Register, während andererseits Motive aufgegriffen werden, die lediglich in einem oder zwei der Texte eine Rolle spielen. Zu den Stichwörtern gehören Personengruppen und Objekte, sowie Farben oder Schauplätze. Im Sinne der hier dargelegten Interpretation ist die größte Zahl der Eintragungen unter „Angoisse“ zu finden (23 Träume), während unter „Bonheur“ nur 13 Träume aufgeführt werden. So stützt das Register quantitativ die These von der Dominanz eines unendlichen Alptraums, die auf formaler (zirkelförmige Kompositionsstruktur) und inhaltlicher Ebene bereits herausgearbeitet wurde.
Insgesamt erscheint die Zusammensetzung des Registers willkürlich. Dieses Mal handelt es sich allerdings um eine vom Autor ausgehende Willkür, der so doch noch ein Stück weit die Kontrolle über seine Träume zurückgewinnen kann. Trotz der Hilflosigkeit, mit der er im Traum seiner Vorstellung (der Lagermetapher, dem Lagerbild) ausgesetzt ist, schafft die bewusste Gestaltung nach festgelegten Regeln („contraintes“) die nötige Distanz zur Auseinandersetzung mit dem Trauma des Holocaust. Diese gelingt nur im literarischen Spiel. In dieser Hinsicht lässt sich auch der letzte Satz des ersten Traumnotats interpretieren: „On se sauve (parfois) en jouant…“ (BO 1).



Literatur

Ausgaben und Quellen

  • La Boutique obscure. 124 rêves [BO]. Paris: Denoël 1973.
  • Die dunkle Kammer. 124 Träume [dK]. Übers. von Jürgen Ritte. Zürich: Diaphanes 2017.
  • La Boutique obscure. 124 Dreams. Übers. von Daniel Levin Becker. Brooklyn: Melville House 2012.
  • Dominique Bertelli/Mireille Ribière (Hg.), Entretiens et conférences (Bd. I: 1965–1978 und II: 1979–1981) [EeC]. Nantes: Joseph K. 2003.

Forschung

  • David Bellos, Georges Perec. A Life in Words. London: Harvill 1993.
  • Camille Bloomfield, Raconter l’Oulipo (1960–2000). Histoire et sociologie d’un groupe. Paris: Champion 2017.
  • Marie Bonnot, La Boutique obscure: une tentative d’épuisement du récit de rêve? In: Christelle Reggiani (Hrsg.), Relire Perec (Actes du colloque de Cerisy). Poitiers: Licorne 2016, 271–284.
  • Dies., Écriture du rêve et jeux de mots dans La Boutique obscure de Georges Perec. In: Véronique Montémont/Christelle Reggiani (Hg.), Georges Perec, artisan de la langue. Lyon: Presses Universitaires 2012, 121–130.
  • Claude Burgelin, Georges Perec (Les Contemporains, Bd. IV). Paris: Seuil 1988.
  • Catherine Dana, Fictions pour mémoire. Camus, Perec et l’écriture de la shoah. Paris: L’Harmattan 1998.
  • Daiana Dula-Manoury, Queneau, Perec, Butor, Blanchot. Éminences du rêve en fiction. Paris: L’Harmattan 2004.
  • David Gascoigne, The Games of Fiction. Georges Perec and Modern French Ludic Narrative. Bern u.a.: Lang 2006.
  • Éric Lavallade, Lieux Obscurs. Parcours biographiques et autobiographiques dans La Boutique Obscure entre 1968 et 1972. In: Le Cabinet d’amateur. Revue d’études perecquiennes (avril 2012); online: http://associationgeorgesperec.fr/IMG/pdf/Eric_Lavallade_Lieux_Obscurs.pdf.
  • Bernard Magné, L’autobiotexte perecquien. In: Le Cabinet d’amateur. Revue d’études perecquiennes 5 (Juni 1997), 5–42.
  • Yves Reuter, Rêves et littérature. A propos de Georges Perec La Boutique obscure. In: Józef Heistein/Alain Montandon (Hg.): Formes littéraires brèves. Actes du colloque organisé par l’Université Blaise Pascal en coopération avec l’Université Clermont-Ferrand, 29 novembre au 2 décembre 1989 (Romanica Wratislaviensia XXXVI). Wrocław: Éd. de l’Univ. Wrocław 1991, 67–76.
  • Françoise Rouffiat, Le rêve et le texte dans La Boutique obscure de Georges Perec. In: Recherche & travaux. Revue de l’UFR de Lettres Classiques et Modernes 63 (2003), 91–118.
  • Daphné Schnitzer, Entrer dans la Boutique obscure (sans se heurter à la table). In: Steen Bille Jørgensen (Hg.), Georges Perec et l’Histoire. Actes du colloque international de l’Institut de Littérature Comparée, Université de Copenhague, du 30 avril au 1er mai 1998. Kopenhagen: Tusculanum 2000, 183–200.

Weblinks


Zitiervorschlag für diesen Artikel:

Vordermayer, Laura: "La Boutique obscure" (Georges Perec). In: Lexikon Traumkultur. Ein Wiki des Graduiertenkollegs "Europäische Traumkulturen", 2019; http://traumkulturen.uni-saarland.de/Lexikon-Traumkultur/index.php?title=%22La_Boutique_obscure%22_(Georges_Perec) .