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Änderungen – Lexikon Traumkultur

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Während des Zeitraums von über zwei Jahren passt er sich an die Lebensweise der ''indígenas'' an, träumt gar in einer ihm ursprünglich fremden Sprache ("llegó a soñar en un idioma que no era el de sus padres"; "träumte schließlich in einer Sprache, die nicht die seiner Väter war"). Diese Anpassung wird aus der Perspektive der westlichen Zivilisation dargestellt, die Umstände werden als widrig, die fremden Gewohnheiten als seltsam beschrieben:
 
Während des Zeitraums von über zwei Jahren passt er sich an die Lebensweise der ''indígenas'' an, träumt gar in einer ihm ursprünglich fremden Sprache ("llegó a soñar en un idioma que no era el de sus padres"; "träumte schließlich in einer Sprache, die nicht die seiner Väter war"). Diese Anpassung wird aus der Perspektive der westlichen Zivilisation dargestellt, die Umstände werden als widrig, die fremden Gewohnheiten als seltsam beschrieben:
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: "Acostumbró su paladar a sabores ásperos, se cubrió con ropas extrañas, […] llegó a pensar de una manera que su lógica rechazaba."  
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{| style="border: 0px; background-color: #ffffff; border-left: 2px solid #7b879e; margin-bottom: 0.4em; margin-left:0.1em; margin-right: auto; width: auto;" border="0" cellspacing="0" cellpadding="0"
: ("Er gewöhnte seinen Gaumen an rauhe Geschmäcke, trug sonderbare Kleider, […] und dachte sogar auf eine Weise, die seine Logik verwarf.")  
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: <span style="color: #7b879e;">Acostumbró su paladar a sabores ásperos, se cubrió con ropas extrañas, […] llegó a pensar de una manera que su lógica rechazaba.
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: <span style="color: #7b879e;">(Er gewöhnte seinen Gaumen an rauhe Geschmäcke, trug sonderbare Kleider, […] und dachte sogar auf eine Weise, die seine Logik verwarf.)</span>
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Der Kontrast der Denkweisen und Gebräuche als ausgewachsene Zwei-Welten-Erfahrung wird bereits deutlich: Die indigene Denkweise steht im Gegensatz zur Logik. Doch klingt durch das Possessivpronomen "su" auch schon ein gewisser Perspektivenwechsel an. Zuvor waren die Geschmacksrichtungen noch unhinterfragt allgemein als rau bezeichnet worden, die Kleidung als seltsam. Doch nun wird markiert, dass es sich keineswegs um die Logik allgemein handelt, welche der indigenen Denkweise ablehnend gegenüber stehen würde, sondern vielmehr um die spezielle Logik dieser einen Figur Fred Murdock, die man mit der Logik der westlichen Wissenschaft, aus der er kommt, identifizieren kann. Murdocks Forschungsvorhaben bleibt jedoch vorerst intakt, er verfasst Notizen, ist in der Rolle von einer Art "Doppelagent". Diese Information wird eingeleitet durch die Angabe einer zeitlichen Begrenzung: "[d]urante los primeros meses" ("während der ersten Monate"). Danach hört Murdock nicht nur auf, Notizen zu machen, sondern zerreißt sogar die bereits vorhandenen. Dafür werden zwei mögliche Gründe genannt: Vielleicht wollte er kein Misstrauen erregen oder brauchte die Notizen einfach nicht mehr.
 
Der Kontrast der Denkweisen und Gebräuche als ausgewachsene Zwei-Welten-Erfahrung wird bereits deutlich: Die indigene Denkweise steht im Gegensatz zur Logik. Doch klingt durch das Possessivpronomen "su" auch schon ein gewisser Perspektivenwechsel an. Zuvor waren die Geschmacksrichtungen noch unhinterfragt allgemein als rau bezeichnet worden, die Kleidung als seltsam. Doch nun wird markiert, dass es sich keineswegs um die Logik allgemein handelt, welche der indigenen Denkweise ablehnend gegenüber stehen würde, sondern vielmehr um die spezielle Logik dieser einen Figur Fred Murdock, die man mit der Logik der westlichen Wissenschaft, aus der er kommt, identifizieren kann. Murdocks Forschungsvorhaben bleibt jedoch vorerst intakt, er verfasst Notizen, ist in der Rolle von einer Art "Doppelagent". Diese Information wird eingeleitet durch die Angabe einer zeitlichen Begrenzung: "[d]urante los primeros meses" ("während der ersten Monate"). Danach hört Murdock nicht nur auf, Notizen zu machen, sondern zerreißt sogar die bereits vorhandenen. Dafür werden zwei mögliche Gründe genannt: Vielleicht wollte er kein Misstrauen erregen oder brauchte die Notizen einfach nicht mehr.
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Die Leseerwartung, dass der Protagonist nun wie geplant seine Doktorarbeit schreiben würde, wird jedoch nicht erfüllt. Es wird beschrieben, dass er seinem Professor seine Entscheidung mitteilt, das Geheimnis nicht zu veröffentlichen. An dieser Stelle wechselt der heterodiegetische Erzähler zum dramatischen Modus der direkten Rede. Als Grund für seine Entscheidung gibt der Protagonist an:  
 
Die Leseerwartung, dass der Protagonist nun wie geplant seine Doktorarbeit schreiben würde, wird jedoch nicht erfüllt. Es wird beschrieben, dass er seinem Professor seine Entscheidung mitteilt, das Geheimnis nicht zu veröffentlichen. An dieser Stelle wechselt der heterodiegetische Erzähler zum dramatischen Modus der direkten Rede. Als Grund für seine Entscheidung gibt der Protagonist an:  
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: "En esas lejanías aprendí algo que no puedo decir." ("In diesen Einöden habe ich etwas gelernt, das ich nicht aussprechen kann.")  
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: <span style="color: #7b879e;">En esas lejanías aprendí algo que no puedo decir.
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und als weiteren Grund:  
 
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: "[E]l secreto es precioso y […] ahora la ciencia, nuestra ciencia, me parece una mera frivolidad." ("das Geheimnis [ist] kostbar ist und […] mir [erscheint] jetzt die Wissenschaft, unsere Wissenschaft, als bloße Frivolität").
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: <span style="color: #7b879e;">[E]l secreto es precioso y […] ahora la ciencia, nuestra ciencia, me parece una mera frivolidad.
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: <span style="color: #7b879e;">(Das Geheimnis [ist] kostbar und […] mir [erscheint] jetzt die Wissenschaft, unsere Wissenschaft, als bloße Frivolität.)</span>
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Durch den Perspektivenwechsel wird hier folglich zu einer Kritik der Wissenschaft gelangt, konkret der Wissenschaft wie sie ein "Wir", das der westlichen Kultur zuzuschreiben ist, vertritt. Das Ergründen von Geheimnissen, das Durch-Analysieren und Veröffentlichen, in gewisser Weise damit der Fortschritt, wie ihn die Aufklärung versteht, wird abgewertet im Vergleich zum Bewahren von Geheimnissen und dem individuellen Weg der Erkenntnis, den jeder selbst gehen muss:  
 
Durch den Perspektivenwechsel wird hier folglich zu einer Kritik der Wissenschaft gelangt, konkret der Wissenschaft wie sie ein "Wir", das der westlichen Kultur zuzuschreiben ist, vertritt. Das Ergründen von Geheimnissen, das Durch-Analysieren und Veröffentlichen, in gewisser Weise damit der Fortschritt, wie ihn die Aufklärung versteht, wird abgewertet im Vergleich zum Bewahren von Geheimnissen und dem individuellen Weg der Erkenntnis, den jeder selbst gehen muss:  
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: "El secreto […] no vale lo que valen los caminos que me condujeron a él. Esos caminos hay que andarlos." ("Überdies ist das Geheimnis nicht wert, was die Wege wert sind, die mich zu ihm geführt haben. Diese Wege gilt es zu gehen.")  
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: <span style="color: #7b879e;">El secreto […] no vale lo que valen los caminos que me condujeron a él. Esos caminos hay que andarlos.
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: <span style="color: #7b879e;">(Überdies ist das Geheimnis nicht wert, was die Wege wert sind, die mich zu ihm geführt haben. Diese Wege gilt es zu gehen.)</span>
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Das erinnert an den beliebten Aphorismus "Der Weg ist das Ziel".
 
Das erinnert an den beliebten Aphorismus "Der Weg ist das Ziel".
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Der Leser, der nun glauben mag, Murdock sei zur anderen Kultur und Sichtweise 'übergelaufen', wird erneut überrascht und verunsichert angesichts der Aussage, er werde (vielleicht) nicht zu dem Stamm zurückkehren. An dieser Stelle erfolgt eine weitere Aufwertung der Tragweite und Kraft des Geheimnisses:  
 
Der Leser, der nun glauben mag, Murdock sei zur anderen Kultur und Sichtweise 'übergelaufen', wird erneut überrascht und verunsichert angesichts der Aussage, er werde (vielleicht) nicht zu dem Stamm zurückkehren. An dieser Stelle erfolgt eine weitere Aufwertung der Tragweite und Kraft des Geheimnisses:  
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: "Lo que me enseñaron sus hombres [de la pradera] vale para cualquier lugar y para cualquier circunstancia." ("Was ihre [der Prärie] Männer mich gelehrt haben, gilt für alle Orte und alle Lebensumstände.")  
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: <span style="color: #7b879e;">Lo que me enseñaron sus hombres [de la pradera] vale para cualquier lugar y para cualquier circunstancia.
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: <span style="color: #7b879e;">(Was ihre [der Prärie] Männer mich gelehrt haben, gilt für alle Orte und alle Lebensumstände.)</span>
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Es handelt sich also um eine tiefe und universelle Erkenntnis. Ganz im Einklang mit dem Plädoyer für die Wahrung des Geheimnisses wird auch dem Leser nicht verraten, worin dieses Geheimnis nun eigentlich besteht.
 
Es handelt sich also um eine tiefe und universelle Erkenntnis. Ganz im Einklang mit dem Plädoyer für die Wahrung des Geheimnisses wird auch dem Leser nicht verraten, worin dieses Geheimnis nun eigentlich besteht.
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* Mahlke, Kirsten: La reserva del etnógrafo (J.L. Borges: ''El Etnógrafo''). In: Variaciones Borges 22 (2006), 217-237; https://www.borges.pitt.edu/sites/default/files/12%20Mahlke-9%2C25%2C06.pdf sowie http://www.academia.edu/1444764/La_reserva_del_etn%C3%B3grafo_Borges_.
 
* Mahlke, Kirsten: La reserva del etnógrafo (J.L. Borges: ''El Etnógrafo''). In: Variaciones Borges 22 (2006), 217-237; https://www.borges.pitt.edu/sites/default/files/12%20Mahlke-9%2C25%2C06.pdf sowie http://www.academia.edu/1444764/La_reserva_del_etn%C3%B3grafo_Borges_.
 
* Moraña, Mabel: Borges y yo. Primera reflexión sobre 'El Etnógrafo'. In: Carlos Jáuregui/Juan Pablo Dabove (Hg.): Heterotropías. Narrativas de identidad y alteridad latinoamericana. Pittsburgh: Instituto Internacional de Literatura Iberoamericana 2003, 263-286.
 
* Moraña, Mabel: Borges y yo. Primera reflexión sobre 'El Etnógrafo'. In: Carlos Jáuregui/Juan Pablo Dabove (Hg.): Heterotropías. Narrativas de identidad y alteridad latinoamericana. Pittsburgh: Instituto Internacional de Literatura Iberoamericana 2003, 263-286.
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* Humberto R. Núñez Faraco, J.L. Borges on Dreams, Nightmares and the Supernatural. A Psychoanalytic Approach. In: Bulletin of Spanish Studies 94 (2017), 1179-1194; DOI: 10.1080/14753820.2016.1204821.
 
* Osterhoudt, Sarah Rae: The Field as Labyrinth. Exploring Ethnographic Practices through the Works of Jorge Luis Borges. In: Anthropology Matters 12 (2010), 1-10; https://www.anthropologymatters.com/index.php/anth_matters/article/view/190/312.
 
* Osterhoudt, Sarah Rae: The Field as Labyrinth. Exploring Ethnographic Practices through the Works of Jorge Luis Borges. In: Anthropology Matters 12 (2010), 1-10; https://www.anthropologymatters.com/index.php/anth_matters/article/view/190/312.
 
* Podetti, J. Ramiro: Civilización, barbarie y frontera en Jorge Luis Borges. In: Humanidades. Revista de la Universidad de Montevideo 8/9 (2008), 87-102.
 
* Podetti, J. Ramiro: Civilización, barbarie y frontera en Jorge Luis Borges. In: Humanidades. Revista de la Universidad de Montevideo 8/9 (2008), 87-102.

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