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Änderungen – Lexikon Traumkultur

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===Interpretation===
 
===Interpretation===
Auf dieser Basis lässt sich nun beantworten, welche Funktionen die Träume innerhalb des Romans übernehmen. Eine einfache Funktion, die sich aus der Anordnung der Träume ergibt, ist diejenige einer poetischen Strukturierung: I und III dienen als Zäsur im Roman, sie grenzen innerhalb des arabesken Textes zwei Sinneinheiten ab, nämlich Heinrichs äußere und seine innere Reise. I steht vor der Reise zum Großvater, III träumt Heinrich, nachdem dieser erreicht ist. Damit ist die äußere Handlung des ersten Romanteils abgeschlossen. Zugleich bildet I aber den Ausgangspunkt, die Inspiration für Heinrichs Reifen zum Dichter. Dies ergibt sich aus der unmittelbar an I anschließenden Diskussion mit den Eltern: „Gewiß ist der Traum, den ich heute Nacht träumte, kein unwirksamer Zufall in meinem Leben gewesen, denn ich fühle es, daß er in meine Seele wie ein weites Rad hineingreift, und sie in mächtigem Schwunge forttreibt“ (I, 199). Das Ende dieser Reise wird in III thematisiert: Zu Heinrichs Entwicklung gehört die Sehnsucht nach der blauen Blume, die durch Mathilde personifiziert wird. Das Zusammenkommen von Heinrich und Mathilde ist jedoch nicht das Ende der Handlung, sondern nur Teil der im Roman dargestellten unendlichen Annäherung. Daher wird in III, unmittelbar nachdem Heinrich Mathilde erreicht, deren Tod thematisiert. Mathilde ertrinkt im Traum im Fluss. Heinrich kommt bei dem Versuch, sie zu retten, ebenfalls ums Leben. Es heißt im Text lapidar: „das Herz schlug nicht mehr“ (I, 278). Der Traum endet dann allerdings nicht mit dem Tod der beiden, sondern mit ihrem Wiedererwachen an einem anderen Ort. Damit verdeutlicht III, dass nun ein Handlungsfaden abgeschlossen ist.
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I und III begrenzen aber nicht nur, sie verbinden auch. I verweist auf den vor der Erzählzeit liegenden Besuch des Fremden, der die Handlung durch seine Erzählungen von der blauen Blume in Gang setzt; III verbindet den ersten mit dem zweiten Romanteil. Der Tod Mathildes wird im ersten Romanteil nämlich nicht geschildert, er ergibt sich aber aus III und den Ereignissen zu Beginn des zweiten Romanteils. Dabei handelt es sich aber nicht um eine Funktion, die nur die Träume übernehmen können. Klingsohrs Märchen steht am Ende des ersten Romanteils und erfüllt damit eine ähnliche Funktion, denn es deutet die Rückkehr der Poesie voraus.
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====Traum I====
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Traum I bereitet die Initiation Heinrichs als Dichter in Gang und verdeutlicht den Prozess einer unendlichen Annäherung. Der erste Teil des Traumes, der nur wenige Sätze umfassende, verworrene Nachttraum verweist, soweit sich dies aus Tiecks Fortsetzungsbericht, den Paralipomena und dem Buch, das Heinrich im fünften Kapitel in der Höhle des Einsiedlers findet und das seine Lebensgeschichte zu enthalten scheint, erschließen lässt, auf die noch in weiter Zukunft liegenden Ereignisse des zweiten Romanteils.
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Im zweiten Teil des Traumes begibt Heinrich sich quasi zurück zum Ursprung des Seins, nämlich unmittelbar an den Punkt, an dem sich Betrachtung und Reflexion voneinander getrennt haben: „Der Anstieg im ‚ehemaligen‘ Flußbett durch das dichte Waldgrün zur steinernen Klippe und hinab in die Höhle ist eine naturgeschichtlich-geologische Reise in die Vergangenheit, zurück bis zum Uranfang selbst“ (Engel 2002, 83). Durch die Symbole Strahl, Becken und Quelle erhält er einen Ausblick auf das goldene Zeitalter, das er wiederbringen wird. Eingeleitet wird dieser Prozess dadurch das Heinrich erst aus dem Becken trinkt und anschließend darin badet. Dieser Art von Taufe folgt dann die Ingangsetzung der Handlung: Heinrich schwimmt den aus der Quelle entspringenden Strom entlang, den er in Traum III wiedersehen wird. Nachdem Heinrich so einen Ausblick auf den ursprünglichen Zustand der Einheit erhalten hat, wird der ewige Prozess von Betrachtung und Reflexion wieder in Gang gesetzt. Uerlings bezeichnete diese Darstellung treffend als „allegorische Darstellung der intellektualen Anschauung wie Novalis sie konzipiert hat“ (Uerlings 1998, 219).
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Der dritte Teil des Traumes, der den vorangegangenen nochmals potenziert (Heinrich schläft im Traum erneut ein und erwacht), stellt dann den individuellen Moment in Novalis’ Weiterentwicklung der Fichteschen Philosophie dar. Das zentralem Symbol des Traumes, die blauen Blume, welche „alle Frauengestalten, denen Heinrich begegnen wird“ (Engel 2003, 158) präfiguriert, stellt den Prozess der Metamorphose eines ‚Nicht-Ichs‘ zu einem ‚Du‘ dar (vgl. Engel 2002, 186). Das Begehren des Ichs, mit diesem Du zusammenzukommen, wird im weiteren Verlauf des Romans am Beispiel Heinrich und verschiedener Frauenfiguren dargestellt. Der Traum deutet dabei aber vor allem auf Mathilde voraus, der Heinrich im sechsten Kapitel begegnet und deren Tod dann in Traum III thematisiert wird.
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Eine weitere Funktion der Träume ist der Transport eines Subtextes, den der Leser entschlüsseln kann. Dessen Aussagekraft ist dabei sehr unterschiedlich. Ich erläutere dies an zwei Beispielen: Ein einfach aufzulösendes Symbol ist die Barke, in der sich Mathilde im dritten Traum befindet. Es handelt sich um eine Analogie zu Charons Totenbarke. Bestätigt wird dies durch die Tatsache, dass Mathilde sowohl im Traum, als auch etwas später – in der Wachwelt stirbt. Dieses Symbol kann jeder Leser auflösen, der mit der antiken Mythologie vertraut ist.
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====Traum II====
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Der Traum von Heinrichs Vater verdeutlicht, dass dieser, so wie jeder Künstler, das Potential besessen hätte, ein goldenes Zeitalter wiederzubringen; er scheitert aber daran, weil er Vertreter einer empirischen Welthaltung ist. Dies zeigt bereits der erste Teil des Traumes, der im Gegensatz zu Heinrichs Traum, mit realen Lokalitäten in Verbindung gebracht wird. Der Vater sieht sich „nach dem Harze“ (HvO 200) gehen und überblickt „Thüringen“ (ebd.). Analog zu Heinrich begibt er sich nach innen, in einen Berg hinein. Dort trifft er einen Greis (Friedrich Barbarossa, den der Vater jedoch nicht erkennt), der unverwandt ein schönes Mädchen aus Marmor anblickt. Der Traum referiert hier auf den Pygmalion-Mythos: Die besondere Begabung von Heinrichs Vater wäre nicht die Poesie, sondern die Bildhauerei gewesen.  
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Im zweiten Traumteil begibt der Vater sich dann in Begleitung Sylvesters an einen Ort, der demjenigen aus Traum 1 stark ähnelt: „Überall Quellen und Blumen, und unter allen Blumen gefiel mir Eine ganz besonders, und es kam mir vor, als neigten sich die Andern gegen sie“ (HvO 201). Der Vater kann sich auch auf Nachfrage Heinrichs aber nicht an die Farbe erinnern, was ebenfalls auf sein eingeschränktes Weltbild verweist. Blau bezeichnet im Kontext des Romans eine spatiale Unendlichkeit (Gold eine temporale), selbst in seinen Träumen versucht der Vater aber, unbekannte Räume in seiner konkreten Erfahrungswelt zu verorten. Dass er mehrere Blumen erblickt, wovon ihn aber nur eine anzieht, verdeutlicht nochmal die obige These, dass nicht nur Heinrich, sondern prinzipiell jeder Künstler in der Lage wäre, das goldene Zeitalter erneut herbeizuführen. Im Gegensatz zu seinem Sohn bewegt der Vater sich aber nicht auf die Blume zu.
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Der dritte Teil des Traumes ist zum Verständnis obsolet, da, wie sich aus den Ausführungen des Vaters ergibt, die von Sylvester versprochene Deutung aufgrund der Abreise niemals erfolgt ist. Der Übergang zum vierten und letzten Teil spiegelt den unklaren ersten Teil von Traum I wieder. Bevor der Vater nun Heinrichs Mutter erblickt, wird alles „wieder dunkel und eng und gewöhnlich (HvO 202). Der Vater deutet diesen Traum rückblickend als Ausbruch seines Verlangens nach Heinrichs Mutter, die er vorher kennengelernt habe, tatsächlich ließe sich der Traum im Sinne des Vaters als prophetisch lesen, da er die Ereignisse des Romans, Heinrichs Eltern heiraten und bekommen ein Kind, dass das goldene Zeitalter wiederbringen wird, zeigt. Allerdings lässt diese Interpretation außer Acht, dass auch der Vater das goldene Zeitalter hätte wiederbringen können: Dass Sylvester dieses Potential in ihm gesehen hat, ergibt sich aus einem Gespräch mit Heinrich im zweiten Teil des Romans: „Ich [Sylvester] bemerkte in ihm die Anzeichen eines großen Bildkünstlers. […] Aber die gegenwärtige Welt hatte zu tiefe Wurzeln schon bey ihm geschlagen“ (HvO 326). Insofern ist die Funktion des Traumes nochmals die Gegenüberstellung von Romantik und Rationalismus zu betonen. Während der Jüngling Heinrich noch ein unbeschriebenes Blatt ist und sich der Welt öffnet, er ist also ein Romantiker, verschließt sich der Vater dieser, um den Preis, dass ihm im Leben etwas fehlt (vgl. HvO 326).
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====Traum III====
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Bereits vor Beginn des Traumes wird verdeutlicht, dass Mathilde die Personifikation der blauen Blume zu sein scheint (vgl. HvO 271, 277). Im Traum befindet sie sich auf einem Kahn in einem blauen Strom in grüner Ebene. Alles, was Mathilde vom Wasser, vom Eintauchen in das Flüssige, trennt, ist der Kahn. Er symbolisiert die Trennung des Individuums Mathilde von der Einheit der Flüssigkeit. Mit dem Strom wird ein Bindeglied zum ersten Traum geschaffen. Dort kletterte Heinrich über Steine, „die ein ehemaliger Strom herunter gerissen hatte“ (HvO 196). Da Heinrich sich im T I zum Anfang zurückbegibt, gibt es dort noch keinen Strom, nur eine Quelle. Diese ist nun aber zu einem solchen geworden. Irgendwann wird der Strom ins Meer münden. Damit ist ein Lebensweg vorgegeben: Von der Quelle über den Strom zum Meer, welches das Urflüssige symbolisiert. Eine Parallele zum Traum findet sich in Klingsohrs Märchen, wo es, nachdem der Strom die Gespenster weggespült hat, heißt: „Eine wunderschöne Blume schwamm glänzend auf den sanften Wogen“ (HvO 300). Dies verweist wiederum auf Mathilde, die Verkörperung der blauen Blume, die sich hier ebenfalls auf dem Strom befindet. Sich in den Strom zu ergießen, also wieder ein Teil des Flüssigen zu werden, wird im Lied der Toten, welches sich in den Paralipomena befindet, als Wunsch geäußert: „Wir nur sind am hohen Ziele/ Bald in Strom uns zu ergießen“ (HvO 362).
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Die Kränze, mit denen Mathilde geschmückt ist, sind eigentlich das Symbol des Dichters; hier könnten sie sowohl auf den bevorstehenden Tod als auch auf die Hochzeit mit Heinrich verweisen. Als der Kahn sich plötzlich umdreht, reagiert sie denkbar unerwartet: Sie zieht das Ruder ein und wehrt sich auch nicht, als der Kahn sich „sich immerwährend drehte“ (HvO 278). Stattdessen lächelt sie Heinrich „mit einer unsäglichen Innigkeit“ (ebd.) zu. Heinrich kann sie nicht erreichen. Als sie plötzlich hinuntergezogen wird, raubt „entsetzliche Angst […] ihm das Bewußtseyn“ (ebd.). Zumindest im Traum scheint Mathilde keine Angst vor der Vereinigung mit dem Flüssigen zu haben, weswegen sie auch das Ruder beiseitegelegt hat. Heinrich aber glaubt, Mathilde zu verlieren, und will sie retten.
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Der zweite Teil des Traumes deutet darauf hin, dass er bei diesem Versuch aber selbst im Wasser versinkt und stirbt. Dies wird in der Forschung häufig ignoriert oder als Ohnmacht fehlinterpretiert, obwohl es im Text explizit heißt: „Das Herz schlug nicht mehr“ (HvO 278). Als Heinrich wieder zu sich kommt, fühlt er sich entsetzlich matt. Dann aber kommt die Quelle aus dem Hügel und Heinrich trinkt davon. Heinrich ist zum Anfang zurückgekehrt, er hat den vorgezeichneten Weg durchbrochen. Es ist erneut, und damit wird der Bogen zum ersten Traum geschlagen, das Wasser aus der Quelle, das ihn stärkt. In T I hieß es: „Er tauchte seine Hand in das Becken und benetzte seine Lippen“ (HvO 196), in T II „netzte [Heinrich] seine dürren Lippen“ (HvO 278). Dieser Schluck aus der Quelle ändert alles: „Wie ein banger Traum lag die schreckliche Begebenheit hinter ihm. Immer weiter und weiter ging er, Blumen und Bäume redeten ihn an. Ihm wurde so wohl und heymathlich zu Sinne. Da hörte er jenes einfache Lied wieder“ (HvO 278), jenes Lied das Mathilde vor ihrem Tod gesungen hat. Heinrich befindet sich also an einem Ort, an dem ein goldenes Zeitalter herrscht, denn Bäume und Blumen sprechen, er fühlt sich heimatlich. Das Bisherige erscheint als Traum. Als Heinrich nun Mathilde wiedertrifft, wird die Lokalität deutlich. Er befindet sich unter dem Strom, er ist also offenbar, ebenso wie Mathilde, ertrunken. Dies bedeutet jedoch keinesfalls das Ende von Heinrichs Existenz, sondern lediglich das Ende der bisher eingeschränkten Wahrnehmung. In den Paralipomena heißt es: „Der Schluß ist der Übergang aus der wircklichen Welt in die Geheime – Tod letzter Traum und Erwachen“ (III, 672). Dies wird hier bereits angedeutet. Der Tod ist nicht das Ende für Heinrich. Noch deutlicher wird dies im zweiten Teil des Romans gesagt: Ein Baum spricht mit der Stimme der toten Mathilde zu Heinrich: „Mein Kindlein hat den Tod überwunden. Härme dich nicht Ich bin bey dir. Du wirst noch eine Weile auf Erden bleiben, aber das Mädchen wird dich trösten, bis du auch stirbst und zu unsern Freuden eingehst“ (HvO 321).
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Mathilde hat als Mittlerin für Heinrich fungiert, was zur erneuten Poetisierung der Welt führt. Er hat Anfang und Ende der Individualgeschichte erlebt und kann sich von diesem Konzept befreien. Auch hier ist eine Parallele zu T I zu sehen. Dort war Heinrich in der Höhle zuerst an einem Ort, an welchem es noch keine Subjekt-Objekt Trennung, gab, also am Anfang der Geschichte. Der Kontakt mit dem Urflüssigen führt zu seinem ‚Erwachen‘ als Dichter. In T III befindet sich Heinrich unter dem Strom erneut an einem Ort der Einheit. Dies ergibt sich aus den Auskünften Mathildes. Man ist bei den Eltern (vgl. HvO 279). Als Heinrich sie fragt, ob man nun zusammenbleiben werde, antwortet sie: „Ewig, versetzte sie, indem sie ihre Lippen an die seinigen drückte, und ihn so umschloß, daß sie nicht wieder von ihm konnte. Sie sagte ihm ein wunderbares geheimes Wort in den Mund, was sein ganzes Wesen durchklang“ (HvO 279).
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Wenn der Tod überwunden ist, so wie er in Klingsohrs Märchen durch universelles Mittlertum überwunden wird, können Heinrich und Mathilde ewig zusammen sein. Die Verbindung zum zweiten Teil des Romans bildet insbesondere das geheime Wort, welches Mathilde Heinrich ins Ohr flüstert. Für den zweiten Teil des Ofterdingen hatte Novalis bereits das (später unabhängig vom Roman populär gewordene) Gedicht Wenn nicht mehr Zahlen und Figuren verfasst, in welchem durch ein ‚geheimes Wort’ ‚das ganze verkehrte Wesen’ fortfliegen wird. Erneut wird so durch den Traum eine Brücke zwischen den einzelnen Handlungsabschnitten des Romans geschlagen. Der Traum verweist auf das, was noch kommen wird, er bündelt die Handlung in wenigen Sätzen; umgekehrt erlaubt die spätere Handlung erst ein konkreteres Verständnis des Traumes. Im sechsten Kapitel des ersten Teils kann Heinrich sich das geheime Wort allerdings nicht merken; dieses Wissen bleibt ihm noch verwehrt. Sein bevorstehender Tod ist in diesem Fall nicht als Endpunkt, sondern als Punkt der Transformation zu sehen. Ein Beleg für diese Interpretation ist das Fragment gebliebene Gedicht Die Vermählung der Jahreszeiten, welches Tieck an den Schluss des Romans gestellt hat. Der neue Monarch darin entspricht Heinrich oder besser gesagt, seiner individuellen Weiterentwicklung, so wie die im Gedicht erwähnte Edda eine weitere Form der verschiedenen Frauenfiguren ist.
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Ebenfalls für diese Deutung spricht das bisher nur kurz behandelte Symbol des Kranzes (Mathilde ist mit Kränzen geschmückt), ein Kreissymbol, welches Unendlichkeit symbolisiert. Betrachtet man T I und T III zusammen, wird nämlich deutlich, dass es sich dabei um zwei Teile eines gemeinsamen Ganzen handelt. Heinrich erlebt den Anfang (T I, Quelle) und das Ende (T III, Meer) der Geschichte, sowie die Wiederkehr des goldenen Zeitalters (T III), er erlebt auch die Zeit zwischen diesen beiden Abschnitten (teils im Traum, teils durch seine Existenz in einer Gegenwart, die auf die Wiederkehr des goldenen Zeitalters wartet). Man könnte die beiden Träume daher als zwei Teile eines gemeinsamen Ganzen sehen und sie zusammen als triadischen Traum bezeichnen. Eingebunden in die Gesamthandlung des Romans bildet der triadische Traum das Modell der Drei-Zeitalter-Lehre ab, das vergangene goldene Zeitalter, die Gegenwart und die Zukunft, ein neues goldenes Zeitalter, werden durch diesen Traum mit dem Gesamttext verwoben.  
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Problematischer zu deuten ist das bekannte Symbol der blauen Blume. Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass die Symbole auch auf die idealistische Naturphilosophie referieren. Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) ging in seiner ''Wissenschaftslehre'' (1794/95) von einem grundlegenden Gegensatz zwischen einem absoluten Ich und einem Nicht-Ich aus. Novalis setzte sich in seinen Fichte-Studien intensiv mit dieser Konzeption des ‚Absoluten‘ auseinander und entwickelte einen eigenen Ansatz: „Gegen Fichtes absolutes Ich, das Subjekt, dem alles andere zum bloßen Nicht-Ich wird, setzt Novalis: ‚Statt N[icht] I[ch] – Du‘ (HKA III, 430: 820). Ein solches Subjekt-Objekt-Verhältnis aber kann als Liebe gedacht werden, und damit öffnet sich der Weg für eine Rezeption und Integration vorkantischer Philosophien und religiöser Überzeugungen“. (Uerlings 1998, 63) So Herbert Uerlings zu Novalis’ Weiterentwicklung von Fichtes Philosophie. Eben diesen Gedanken hat Novalis in der Transformation der Blume zur Frau versteckt: „Die blaue Blume, die als Pflanze in der Symbolsprache der Naturphilosophie auf einen Zustand bewußtloser Natureinheit verweist, ist also Inbegriff des Nicht-Ich, das sich in seiner Metamorphose zur Frau vom entfremdeten Objekt zum liebenden und geliebten Du zu verwandeln beginnt“ (Engel 2002, 122). Diese Entschlüsselung kann allerdings nur jemand vollziehen, der sowohl mit Novalis’ Werk als auch mit den zeitgenössischen Diskursen vertraut ist. Damit verdeutlicht Novalis, was der literarische Traum leisten kann. Er enthält nicht nur, symbolisch verdichtet, die gesamte Romanhandlung ''in nuce'' – er kann auch Aussagen über den literarischen Text hinaus treffen. Auch hier muss jedoch einschränkend darauf verwiesen werden, dass es sich nicht um ein Alleinstellungsmerkmal des Traums handelt. Klingsohrs Märchen enthält ebenfalls einen komplexen Subtext, der grundlegende Aussagen transportiert.
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====Gesamtfunktion im Roman====
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Eine einfache Funktion, die sich aus der Anordnung der Träume ergibt, ist diejenige einer poetischen Strukturierung: I und III dienen als Zäsur im Roman, sie grenzen innerhalb des arabesken Textes zwei Sinneinheiten ab, nämlich Heinrichs äußere und seine innere Reise. I steht vor der Reise zum Großvater, III träumt Heinrich, nachdem dieser erreicht ist. Damit ist die äußere Handlung des ersten Romanteils abgeschlossen. Zugleich bildet I aber den Ausgangspunkt, die Inspiration für Heinrichs Reifen zum Dichter. Dies ergibt sich aus der unmittelbar an I anschließenden Diskussion mit den Eltern: „Gewiß ist der Traum, den ich heute Nacht träumte, kein unwirksamer Zufall in meinem Leben gewesen, denn ich fühle es, daß er in meine Seele wie ein weites Rad hineingreift, und sie in mächtigem Schwunge forttreibt“ (I, 199). Das Ende dieser Reise wird in III thematisiert: Zu Heinrichs Entwicklung gehört die Sehnsucht nach der blauen Blume, die durch Mathilde personifiziert wird. Das Zusammenkommen von Heinrich und Mathilde ist jedoch nicht das Ende der Handlung, sondern nur Teil der im Roman dargestellten unendlichen Annäherung. Daher wird in III, unmittelbar nachdem Heinrich Mathilde erreicht, deren Tod thematisiert. Mathilde ertrinkt im Traum im Fluss. Heinrich kommt bei dem Versuch, sie zu retten, ebenfalls ums Leben. Es heißt im Text lapidar: „das Herz schlug nicht mehr“ (I, 278). Der Traum endet dann allerdings nicht mit dem Tod der beiden, sondern mit ihrem Wiedererwachen an einem anderen Ort. Damit verdeutlicht III, dass nun ein Handlungsfaden abgeschlossen ist.
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I und III begrenzen aber nicht nur, sie verbinden auch. I verweist auf den vor der Erzählzeit liegenden Besuch des Fremden, der die Handlung durch seine Erzählungen von der blauen Blume in Gang setzt; III verbindet den ersten mit dem zweiten Romanteil. Der Tod Mathildes wird im ersten Romanteil nämlich nicht geschildert, er ergibt sich aber aus III und den Ereignissen zu Beginn des zweiten Romanteils. Dabei handelt es sich aber nicht um eine Funktion, die nur die Träume übernehmen können. Klingsohrs Märchen steht am Ende des ersten Romanteils und erfüllt damit eine ähnliche Funktion, denn es deutet die Rückkehr der Poesie voraus.
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Eine weitere Funktion der Träume ist der Transport eines Subtextes, den der Leser entschlüsseln kann. Dessen Aussagekraft ist dabei sehr unterschiedlich. Ich erläutere dies an zwei Beispielen: Ein einfach aufzulösendes Symbol ist die Barke, in der sich Mathilde im dritten Traum befindet. Es handelt sich um eine Analogie zu Charons Totenbarke. Bestätigt wird dies durch die Tatsache, dass Mathilde sowohl im Traum, als auch – etwas später – in der Wachwelt stirbt. Dieses Symbol kann jeder Leser auflösen, der mit der antiken Mythologie vertraut ist.
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Problematischer zu deuten ist das bekannte Symbol der blauen Blume. Ich habe bereits darauf hingewiesen, dass die Symbole auch auf die idealistische Naturphilosophie referieren. Johann Gottlieb Fichte (1762-1814) ging in seiner Wissenschaftslehre (1794/95) von einem grundlegenden Gegensatz zwischen einem absoluten Ich und einem Nicht-Ich aus. Novalis setzte sich in seinen Fichte-Studien intensiv mit dieser Konzeption des ‚Absoluten‘ auseinander und entwickelte einen eigenen Ansatz: „Gegen Fichtes absolutes Ich, das Subjekt, dem alles andere zum bloßen Nicht-Ich wird, setzt Novalis: ‚Statt N[icht] I[ch] – Du‘ (HKA III, 430: 820). Ein solches Subjekt-Objekt-Verhältnis aber kann als Liebe gedacht werden, und damit öffnet sich der Weg für eine Rezeption und Integration vorkantischer Philosophien und religiöser Überzeugungen“. (Uerlings 1998, 63) So Herbert Uerlings zu Novalis’ Weiterentwicklung von Fichtes Philosophie. Eben diesen Gedanken hat Novalis in der Transformation der Blume zur Frau versteckt: „Die blaue Blume, die als Pflanze in der Symbolsprache der Naturphilosophie auf einen Zustand bewußtloser Natureinheit verweist, ist also Inbegriff des Nicht-Ich, das sich in seiner Metamorphose zur Frau vom entfremdeten Objekt zum liebenden und geliebten Du zu verwandeln beginnt“ (Engel 2002, 122). Diese Entschlüsselung kann allerdings nur jemand vollziehen, der sowohl mit Novalis’ Werk als auch mit den zeitgenössischen Diskursen vertraut ist. Damit verdeutlicht Novalis, was der literarische Traum leisten kann. Er enthält nicht nur, symbolisch verdichtet, die gesamte Romanhandlung in nuce – er kann auch Aussagen über den literarischen Text hinaus treffen. Auch hier muss jedoch einschränkend darauf verwiesen werden, dass es sich nicht um ein Alleinstellungsmerkmal des Traums handelt. Klingsohrs Märchen enthält ebenfalls einen komplexen Subtext, der grundlegende Aussagen transportiert.
 
Dass der Traum so wenig individuelle Eigenheiten aufweist, ist Novalis’ Märchenkonzept geschuldet. Was den Traum noch am ehesten als poetisches Verfahren im Text notwendig macht, ist die Verknüpfung mit der Figur Heinrich. Die Märchen, Sagen und Lieder im Text sind entindividualisiert. So lässt Novalis etwa im zweiten Kapitel die Kaufleute die Sage des Arion von Lesbos erzählen. Dessen Name wird jedoch nicht explizit genannt. Arion wird ganz allgemein als „Dichter“ bezeichnet, weil seine Geschichte auf die Allgemeingültigkeit der Poesie verweisen soll. Wie sich durch die Gegenüberstellung von Heinrichs Traum und dem Traum seines Vaters zeigt, bleiben die Träume aber, auch wenn sich die Inhalte ähneln mögen, etwas Individuelles. Dabei geht es allerdings nicht darum, Figuren psychologisch zu vertiefen, sondern darum, ihren Typus zu bestimmen. So ergibt sich aus Traum II, dass Heinrichs Vater Vertreter einer empiristisch-philiströsen Welthaltung ist und deswegen scheitert, obwohl auch er zum Künstler begabt gewesen wäre. Heinrich hingegen ist noch ein unbeschriebenes Blatt und zur Poesie fähig, allerdings ist auch er nur eine mögliche Figur, die ein goldenes Zeitalter wiederbringen kann.
 
Dass der Traum so wenig individuelle Eigenheiten aufweist, ist Novalis’ Märchenkonzept geschuldet. Was den Traum noch am ehesten als poetisches Verfahren im Text notwendig macht, ist die Verknüpfung mit der Figur Heinrich. Die Märchen, Sagen und Lieder im Text sind entindividualisiert. So lässt Novalis etwa im zweiten Kapitel die Kaufleute die Sage des Arion von Lesbos erzählen. Dessen Name wird jedoch nicht explizit genannt. Arion wird ganz allgemein als „Dichter“ bezeichnet, weil seine Geschichte auf die Allgemeingültigkeit der Poesie verweisen soll. Wie sich durch die Gegenüberstellung von Heinrichs Traum und dem Traum seines Vaters zeigt, bleiben die Träume aber, auch wenn sich die Inhalte ähneln mögen, etwas Individuelles. Dabei geht es allerdings nicht darum, Figuren psychologisch zu vertiefen, sondern darum, ihren Typus zu bestimmen. So ergibt sich aus Traum II, dass Heinrichs Vater Vertreter einer empiristisch-philiströsen Welthaltung ist und deswegen scheitert, obwohl auch er zum Künstler begabt gewesen wäre. Heinrich hingegen ist noch ein unbeschriebenes Blatt und zur Poesie fähig, allerdings ist auch er nur eine mögliche Figur, die ein goldenes Zeitalter wiederbringen kann.
  
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