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Änderungen – Lexikon Traumkultur

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''Reisende auf einem Bein'' ist der erste längere Erzähltext der rumänisch-deutschen Autorin Herta Müller (*1953), der nach ihrer Ausreise aus Rumänien in der Bundesrepublik 1987 beim Rotbuch-Verlag erschien (McGowan 2017, 25). Der Text enthält vier Traumdarstellungen: drei Träume der Protagonistin Irene (RB 19, 102-104, 163-166) und einen Traum von Thomas, einem ihrer Freunde, der sich direkt an Irenes zweiten Traum anschließt (RB 104 f.).
 
''Reisende auf einem Bein'' ist der erste längere Erzähltext der rumänisch-deutschen Autorin Herta Müller (*1953), der nach ihrer Ausreise aus Rumänien in der Bundesrepublik 1987 beim Rotbuch-Verlag erschien (McGowan 2017, 25). Der Text enthält vier Traumdarstellungen: drei Träume der Protagonistin Irene (RB 19, 102-104, 163-166) und einen Traum von Thomas, einem ihrer Freunde, der sich direkt an Irenes zweiten Traum anschließt (RB 104 f.).
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==Autorin==
 
==Autorin==
 
Herta Müller, 1953 im rumänischen Niţchidorf geboren, immigrierte 1987 unter dem Ceauşescu-Regime wegen ihrer Verfolgung durch die rumänische Securitate in die Bundesrepublik. In ihren Werken thematisiert sie die Beschädigungen des Subjekts unter einer totalitären Herrschaft. Ohne sich auf den kommunistischen Terror zu begrenzen, schildert die Autorin auch das triste, auf die Vernichtung des Individuellen ausgerichtete Dorfmilieu der banatdeutschen Minderheit in Rumänien, dessen abgeschottete, „zugeschnürte“ Atmosphäre von Normierungen und Verhaltenscodes eine an die Majorität angepasste Wahrnehmung erzeugt und jeden Ausdruck von Subjektivität verhindert.  
 
Herta Müller, 1953 im rumänischen Niţchidorf geboren, immigrierte 1987 unter dem Ceauşescu-Regime wegen ihrer Verfolgung durch die rumänische Securitate in die Bundesrepublik. In ihren Werken thematisiert sie die Beschädigungen des Subjekts unter einer totalitären Herrschaft. Ohne sich auf den kommunistischen Terror zu begrenzen, schildert die Autorin auch das triste, auf die Vernichtung des Individuellen ausgerichtete Dorfmilieu der banatdeutschen Minderheit in Rumänien, dessen abgeschottete, „zugeschnürte“ Atmosphäre von Normierungen und Verhaltenscodes eine an die Majorität angepasste Wahrnehmung erzeugt und jeden Ausdruck von Subjektivität verhindert.  
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Die doppelte Herkunftslast aus zwei Diktaturen prägt Herta Müllers Schreiben. In der Zeit der deutschen Okkupation schloss sich ihr Vater der Waffen-SS an, während ihre Mutter wegen ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in ein stalinistisches Arbeitslager auf dem Gebiet der heutigen Ukraine deportiert wurde (Eke 2017, 2-9). Herta Müller schreibt: „gezeugt worden war ich nach dem Zweiten Weltkrieg von einem heimgekehrten SS-Soldaten. Und hineingeboren war ich in den Stalinismus. Der Vater und die Zeit – beides Tatsachen, die das Sich-wieder-Erfinden der Grazie unwiederbringlich machen“ (Müller 1995, 10).  
 
Die doppelte Herkunftslast aus zwei Diktaturen prägt Herta Müllers Schreiben. In der Zeit der deutschen Okkupation schloss sich ihr Vater der Waffen-SS an, während ihre Mutter wegen ihrer Zugehörigkeit zur deutschen Minderheit nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs in ein stalinistisches Arbeitslager auf dem Gebiet der heutigen Ukraine deportiert wurde (Eke 2017, 2-9). Herta Müller schreibt: „gezeugt worden war ich nach dem Zweiten Weltkrieg von einem heimgekehrten SS-Soldaten. Und hineingeboren war ich in den Stalinismus. Der Vater und die Zeit – beides Tatsachen, die das Sich-wieder-Erfinden der Grazie unwiederbringlich machen“ (Müller 1995, 10).  
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Nach einem Studium der Germanistik und Romanistik an der Universitatea de Vest din Timişoara arbeitete Herta Müller als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik, bis der rumänische Geheimdienst Securitate versuchte, sie für Spitzeldienste anzuwerben. Während ihres Studiums gehörte sie zum Kreis junger Autoren der sogenannten Aktionsgruppe ''Banat'', die mit der proletkultischen Tradition brechen wollte, ohne sich dem formalen Avantgardismus der 1960er Jahre anzuschließen. 1975 beendete die Staatsmacht diesen Versuch, aus der staatsgelenkten Literatur auszubrechen, und die Gruppe wurde aufgelöst. Wegen der verweigerten Kollaboration mit der Securitate begann eine zermürbende Zeit der Einschüchterung und Verleugnung für die Autorin, die in Durchsuchungen, Verhören sowie in ein ihre Existenzgrundlage gefährdendes Arbeitsverbot mündete und schließlich in der Streuung von Gerüchten kulminierte, sie sei ein Securitatespitzel (Eke 2017, 6-9) - ein Vorwurf, den Herta Müller als besonders psychisch belastend beschreibt und der selbst noch nach ihrer erzwungenen Ausreise aus Rumänien im Jahr 1987 Konsequenzen für sie hatte wie etwa Verhöre beim Bundesnachrichtendienst (Müller 2013, 52 f.).  
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Nach einem Studium der Germanistik und Romanistik an der Universitatea de Vest din Timişoara arbeitete Herta Müller als Übersetzerin in einer Maschinenfabrik, bis der rumänische Geheimdienst Securitate versuchte, sie für Spitzeldienste anzuwerben. Während ihres Studiums gehörte sie zum Kreis junger Autoren der sogenannten Aktionsgruppe ''Banat'', die mit der proletkultischen Tradition brechen wollte, ohne sich dem formalen Avantgardismus der 1960er Jahre anzuschließen. 1975 beendete die Staatsmacht diesen Versuch, aus der staatsgelenkten Literatur auszubrechen, und die Gruppe wurde aufgelöst. Wegen der verweigerten Kollaboration mit der Securitate begann eine zermürbende Zeit der Einschüchterung und Verleugnung für die Autorin, die in Durchsuchungen, Verhören sowie in ein ihre Existenzgrundlage gefährdendes Arbeitsverbot mündete und schließlich in der Streuung von Gerüchten kulminierte, sie sei ein Securitatespitzel (Eke 2017, 6-9) - ein Vorwurf, den Herta Müller als besonders psychisch belastend beschreibt und der selbst noch nach ihrer erzwungenen Ausreise aus Rumänien im Jahr 1987 Konsequenzen für sie hatte (wie etwa Verhöre beim Bundesnachrichtendienst; Müller 2013, 52 f.).  
    
2009 verlieh das schwedische Nobelpreiskomitee Herta Müller den Nobelpreis für Literatur und begründete diese Auszeichnung mit der besonderen Sprache der Autorin: „who, with the concentration of poetry and the frankness of prose, depicts the landscape of the dispossessed“ (Nobelpreiskomitee).
 
2009 verlieh das schwedische Nobelpreiskomitee Herta Müller den Nobelpreis für Literatur und begründete diese Auszeichnung mit der besonderen Sprache der Autorin: „who, with the concentration of poetry and the frankness of prose, depicts the landscape of the dispossessed“ (Nobelpreiskomitee).
    
==Inhaltlicher Überblick==
 
==Inhaltlicher Überblick==
Die Mitt-Dreißigerin Irene reist aus dem ‚anderen Land‘ in eine bundesrepublikanische Großstadt. Auch wenn die Ortsangaben fehlen, können das Ceauşescu-Rumänien und das Berlin der 1980er Jahre leicht als Orte der Handlung ausgemacht werden. Der Plot konzentriert sich auf die ziellosen Bewegungen Irenes durch die tristen urbanen Vororte mit ihren Discountern, Notunterkünften für Asylsuchende, den Baustellen und dem Kinderstrich. Irenes Versuch, die deutsche Staatsangehörigkeit zu beantragen, wird von bürokratischer Routine begleitet. Sie beginnt einige unverbindliche Beziehungen mit Männern, die einerseits von ihrer Sehnsucht nach Nähe und Zugehörigkeit und andererseits von ihrer emotionalen Entfremdung und Bindungsangst geprägt sind (McGowan 2017, 25-30).
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Die Mitt-Dreißigerin Irene reist aus dem ‚anderen Land‘ in eine bundesrepublikanische Großstadt. Auch wenn genaue Ortsangaben fehlen, können das Ceauşescu-Rumänien und das Berlin der 1980er Jahre leicht als Orte der Handlung ausgemacht werden. Der Plot konzentriert sich auf die ziellosen Bewegungen Irenes durch die tristen urbanen Vororte mit ihren Discountern, Notunterkünften für Asylsuchende, den Baustellen und dem Kinderstrich. Irenes Versuch, die deutsche Staatsangehörigkeit zu beantragen, wird von bürokratischer Routine begleitet. Sie beginnt einige unverbindliche Beziehungen mit Männern, die einerseits von ihrer Sehnsucht nach Nähe und Zugehörigkeit und andererseits von ihrer emotionalen Entfremdung und Bindungsangst geprägt sind (McGowan 2017, 25-30).
 
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==Die Träume==
 
==Die Träume==
 
===Irenes Diktator-Traum===
 
===Irenes Diktator-Traum===
 
====Beschreibung====
 
====Beschreibung====
Ihren ersten Traum träumt Irene vor ihrer bevorstehenden Ausreise aus Rumänien in die Bundesrepublik. Während sie ihre Koffer packt, liegen ihre Blusen auf dem Boden zerstreut. Ein Mann, der als ‚der Diktator‘ bezeichnet wird, tritt über die chaotisch daliegenden Kleider „als wären es Laubblätter“ (RB 19), wobei er sich an Irene mit dem Satz wendet: „Dort ist es kälter“ (ebd.). Beginn und Ende des Traums werden durch den Satz „Irene hatte geträumt, daß sie den Koffer packte“ (ebd.) sowie durch eine Leerzeile am Schluss des Traumes dezidiert markiert.
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Ihren ersten Traum träumt Irene vor ihrer bevorstehenden Ausreise aus Rumänien in die Bundesrepublik. Während sie ihre Koffer packt, liegen ihre Blusen zerstreut auf dem Boden. Ein Mann, der als ‚der Diktator‘ bezeichnet wird, tritt über die chaotisch daliegenden Kleider „als wären es Laubblätter“ (RB 19), wobei er sich an Irene mit dem Satz wendet: „Dort ist es kälter“ (ebd.). Beginn und Ende des Traums werden durch den Satz „Irene hatte geträumt, daß sie den Koffer packte“ (ebd.) bzw. durch eine Leerzeile am Schluss des Traumes dezidiert markiert.
    
====Analyse und Interpretation====
 
====Analyse und Interpretation====
In der Szene des Kofferpackens geht die bevorstehende Abreise aus dem ‚anderen Land‘ als Tagesrest in das nächtliche Traumgeschehen ein. Der Satz „Dort ist es kälter“ (ebd.) zeugt nicht nur von Irenes Angst vor ihrer Ausreise, sondern weist auch darauf hin, dass mit dem Verlassen des 'anderen Landes' das totalitäre Macht- und Kontrollgefüge für Irene nicht endet und auch über ihre Emotionen am Ankunftsort dominieren wird. In ihrem Essay Wie ''Wahrnehmung sich erfindet ''reflektiert die Autorin über die Funktionsweise der Wahrnehmung: „Die Wahrnehmung, die sich erfindet [...] steht nicht still. Sie überschreitet ihre Grenzen da, wo sie sich festhält. Sie ist unbeabsichtigt, sie meint nichts Bestimmtes. Sie wird vom Zufall geschaukelt“ (Müller 1991, 19). Diese grenzüberschreitende und vom Zufall geschaukelte Wahrnehmung der Wirklichkeit, die Herta Müllers Schreiben charakterisiert, korrespondiert mit dem psychischen Phänomen des Traumas. In der Forschungsliteratur hat sich ausgehend von diesem Verständnis der erfundenen Wahrnehmung für Herta Müllers ästhetisches Verfahren der Begriff ''Poetik der Entgrenzung'' eingebürgert (Lægreid 2013, 55-79; Schau 1997, 63-77). In ihren Texten lösen sich die Grenzen zwischen den Subjekten und Objekten, den Sprachen, der Vergangenheit und der Gegenwart, der geträumten Realität und der Realität des Traumes auf.
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In der Szene des Kofferpackens geht die bevorstehende Abreise aus dem ‚anderen Land‘ als Tagesrest in das nächtliche Traumgeschehen ein. Der Satz „Dort ist es kälter“ (ebd.) zeugt nicht nur von Irenes Angst vor ihrer Ausreise, sondern weist auch darauf hin, dass mit dem Verlassen des 'anderen Landes' das totalitäre Macht- und Kontrollgefüge für Irene nicht endet, sondern auch über ihre Emotionen am Ankunftsort dominieren wird. In ihrem Essay Wie ''Wahrnehmung sich erfindet ''reflektiert die Autorin über die Funktionsweise der Wahrnehmung: „Die Wahrnehmung, die sich erfindet [...] steht nicht still. Sie überschreitet ihre Grenzen da, wo sie sich festhält. Sie ist unbeabsichtigt, sie meint nichts Bestimmtes. Sie wird vom Zufall geschaukelt“ (Müller 1991, 19). Diese grenzüberschreitende und „vom Zufall geschaukelte“ Wahrnehmung der Wirklichkeit, die Herta Müllers Schreiben charakterisiert, korrespondiert mit dem psychischen Phänomen des Traumas. In der Forschungsliteratur hat sich ausgehend von diesem Verständnis der erfundenen Wahrnehmung für Herta Müllers ästhetisches Verfahren der Begriff 'Poetik der Entgrenzung' eingebürgert (Lægreid 2013, 55-79; Schau 1997, 63-77). In ihren Texten lösen sich die Grenzen zwischen den Subjekten und Objekten, den Sprachen, der Vergangenheit und der Gegenwart, der geträumten Realität und der Realität des Traumes auf.  
 
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Diese Entgrenzung entspricht dem Zustand eines traumatisierten Menschen. Charakteristisch für das Trauma sind eine „dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis“ (Fischer 2000, 11f.), die mit einer örtlichen und zeitlichen Diskontinuität (Varvin 2000, 893), der Umkehrung von Subjekt- und Objektrelationen sowie dem Verlust von Ich-Grenzen einhergehen (Lægreid 2013, 79). Der entgrenzende Charakter des Traumes zeigt sich im Vergleich der Kleidungsstücke mit den Laubblättern. In Irenes Wahrnehmung verschwimmen die Kleider, die ihr aus den Händen auf den Boden ‚gleiten‘, zu Laubblättern. Ihr Zimmer büßt seine Grenzen ein und weitet sich aus, entgrenzt sich in der Anwesenheit des Diktators, der durch ihr Zimmer geht, „als hätte er eine weite, offene Straße vor sich“ (RB 19). Für den Diktator scheinen die Grenzen des Raumes aufgehoben zu sein. Dieser totalitären Machtkontrolle kann Irene selbst in ihrem Traum nicht entkommen. Die Reinszenierung, das zwanghafte Wiederholen des traumatischen Ereignisses in Träumen gehört zur Symptomatik einer posttraumatischen Belastungsstörung. Brenner vergleicht diesen Mechanismus mit einer „zerkratzen Schallplatte, deren Nadel hängen geblieben ist“ (zit. nach Laub 2000, 868). Der traumatisierte Mensch spielt in seinen Träumen die Abläufe aus dem Trauma ab, wenn auch die das Trauma auslösenden Ereignisse selbst bruchstückhaft erscheinen und sich dem Träumenden in einer verdichteten und verschobenen Form zeigen (ebd.). Irene reinszeniert in ihrem Traum das Trauma, das in den destruktiven Machtmechanismen eines totalitären Regimes wurzelt. Sie wird mit der absoluten Übermacht des Diktators konfrontiert, die sich auf ihren intimsten Raum erstreckt und sie in ihren körperlichen Grenzen bedroht. Die Kleidung dient dem Menschen als Ausdruck seiner Subjektivität und bedeckt ihn als Schutzhülle. Der Vergleich mit den über dem Boden liegenden Laubblättern suggeriert Irenes Nacktheit vor dem Diktator. Auch wenn der Text nicht explizit von dieser Nacktheit spricht, referiert das Motiv der Laubblätter auf die im Herbst entblätterten kahlen Bäume.  
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In einem ihrer Essays verweist Herta Müller auf im Deutschen  - ander als im Rumänischen - existierende Doppelbedeutung des Wortes 'Blatt', das sowohl das Laub der Bäume als auch die Papierblätter bezeichnen kann. Der Vergleich mit den Laubblättern ließe sich so mit den Papierblättern und damit mit dem Schreibprozess verbinden. Das Motiv des Zertretens der Kleider „als wären es Laubblätter“ (RB 19) impliziert also auch die Vernichtung von Irenes Identität als Künstlerin.
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Diese Entgrenzung entspricht dem Zustand eines traumatisierten Menschen. Charakteristisch für das Trauma ist eine „dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis“ (Fischer 2000, 11f.), die mit einer örtlichen und zeitlichen Diskontinuität (Varvin 2000, 893), der Umkehrung von Subjekt- und Objektrelationen sowie dem Verlust von Ich-Grenzen einhergeht (Lægreid 2013, 79). Der entgrenzende Charakter des Traumes zeigt sich im Vergleich der Kleidungsstücke mit den Laubblättern: In Irenes Wahrnehmung verschwimmen die Kleider, die ihr aus den Händen auf den Boden ‚gleiten‘, zu Laubblättern. Ihr Zimmer büßt seine Grenzen ein und weitet sich aus, entgrenzt sich in der Anwesenheit des Diktators, der durch ihr Zimmer geht, „als hätte er eine weite, offene Straße vor sich“ (RB 19). Für den Diktator scheinen die Grenzen des Raumes aufgehoben zu sein. Dieser totalitären Machtkontrolle kann Irene selbst in ihrem Traum nicht entkommen. Die Reinszenierung, das zwanghafte Wiederholen des traumatischen Ereignisses in Träumen gehört zur Symptomatik einer posttraumatischen Belastungsstörung. Brenner vergleicht diesen Mechanismus mit einer „zerkratzen Schallplatte, deren Nadel hängen geblieben ist“ (zit. nach Laub 2000, 868). Der traumatisierte Mensch spielt in seinen Träumen die Abläufe aus dem Trauma ab, wenn auch die das Trauma auslösenden Ereignisse selbst nur bruchstückhaft und in verdichteter und verschobener Form erscheinen (ebd.). Irene reinszeniert in ihrem Traum ein Trauma, das sseinen Ursprung in den destruktiven Machtmechanismen eines totalitären Regimes hat. Sie wird mit der absoluten Übermacht des Diktators konfrontiert, die sich auf ihren intimsten Raum erstreckt und sie in ihren körperlichen Grenzen bedroht. Die Kleidung dient dem Menschen als Ausdruck seiner Subjektivität und bedeckt ihn als Schutzhülle. Der Vergleich mit den über den Boden verstreuten Laubblättern suggeriert Irenes Nacktheit vor dem Diktator. Auch wenn der Text nicht explizit von dieser Nacktheit spricht, referiert das Motiv der Laubblätter doch offensichtlich auf die im Herbst entblätterten kahlen Bäume.  
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In einem ihrer Essays verweist Herta Müller auf die im Deutschen  - anders als im Rumänischen - existierende Doppelbedeutung des Wortes 'Blatt', das sowohl das Laub der Bäume als auch Papierblätter bezeichnen kann. Der Vergleich mit den Laubblättern ließe sich so mit dem Schreibprozess verbinden. Das Motiv des Zertretens der Kleider „als wären es Laubblätter“ (RB 19) impliziert also auch die Vernichtung von Irenes Identität als Künstlerin.
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===Irenes Traum vom Sachbearbeiter===
 
===Irenes Traum vom Sachbearbeiter===
 
====Beschreibung====
 
====Beschreibung====
Irene träumt zwei Traumsequenzen in derselben Nacht, was durch den Satz „Es war ein anderer Traum in der gleichen Nacht“ (RB 104) zwischen den beiden Traumteilen dezidiert markiert wird. In der ersten Traumsequenz sitzt Irene im Warteraum des Übergangslagers (TB 102). Diese Szenerie wird von einer Befragung Irenes durch einen deutschen Sachbearbeiter abgelöst, wobei der Trialog zwischen dem Sachbearbeiter, seiner Sekretärin und Irene die Sequenz dominiert (RB 102 f.). Der Sachbearbeiter identifiziert einen Lastwagenfahrer, den er zufällig aus dem Fenster erblickt, als einen Polen und unterstellt ihm einige Charakteristika wie „keine Aufenthaltsgenehmigung, keine Arbeitsgenehmigung. Nichts“ (RB 103). Als Irene ihn auf eine mögliche Verwechslung hinweist, entgegnet der Sachbearbeiter „Zum Verwechseln braucht es zwei […] Sie können sicher sein, ich werde in Rente gehen, und ich werde sie alle noch kennen. Verwechseln mit wem?“ (ebd.). Irene versucht, ihm mit der Umkehrung seiner Ressentiments zu begegnen und merkt an, der Sachbearbeiter hätte ihn auch mit einem Deutschen verwechseln können, woraufhin dieser antwortet: „Ich bitte Sie, Sie haben doch dieses Gesicht gesehen. Politisch verfolgt. Ja, wissen Sie, wenn jemand die Regierung stürzen will, wo kämen wir da hin“ (ebd.). Der Traum endet mit dem Blättern der Sekretärin in Irenes Akte und dem Widerspruch zwischen ihrer Replik „Daß ich nicht lache“ (ebd.) und ihrer Mimik „Sie lachte nicht“ (ebd.). Die Sequenz erweist sich erst im letzten Satz als Traum: „Irene erwachte verschwitzt, als wäre sie aus diesem Traum hinausgerannt“ (ebd.).  
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Irene träumt zwei Traumsequenzen in derselben Nacht, was der Satz „Es war ein anderer Traum in der gleichen Nacht“ (RB 104) zwischen den beiden Traumteilen dezidiert markiert. In der ersten Traumsequenz sitzt Irene im Warteraum des Übergangslagers (TB 102). Diese Szenerie wird von einer Befragung Irenes durch einen deutschen Sachbearbeiter abgelöst, wobei der Trialog zwischen dem Sachbearbeiter, seiner Sekretärin und Irene die Sequenz dominiert (RB 102 f.). Der Sachbearbeiter identifiziert einen Lastwagenfahrer, den er zufällig aus dem Fenster erblickt, als Polen und unterstellt ihm Charakteristika wie: „keine Aufenthaltsgenehmigung, keine Arbeitsgenehmigung. Nichts“ (RB 103). Als Irene ihn auf eine mögliche Verwechslung hinweist, entgegnet der Sachbearbeiter „Zum Verwechseln braucht es zwei […] Sie können sicher sein, ich werde in Rente gehen, und ich werde sie alle noch kennen. Verwechseln mit wem?“ (ebd.). Irene versucht, ihm mit der Umkehrung seiner Ressentiments zu begegnen, und merkt an, der Sachbearbeiter hätte ihn auch mit einem Deutschen verwechseln können. Dieser antwortet: „Ich bitte Sie, Sie haben doch dieses Gesicht gesehen. Politisch verfolgt. Ja, wissen Sie, wenn jemand die Regierung stürzen will, wo kämen wir da hin“ (ebd.). Der Traum endet mit dem Blättern der Sekretärin in Irenes Akte und dem Widerspruch zwischen ihrer Replik „Daß ich nicht lache“ (ebd.) und ihrer Mimik „Sie lachte nicht“ (ebd.). Die Sequenz erweist sich erst im letzten Satz als Traum: „Irene erwachte verschwitzt, als wäre sie aus diesem Traum hinausgerannt“ (ebd.).  
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In der zweiten Traumsequenz wechseln das Traumgeschehen sowie die Reflexion im Traum und über das Geträumte einander ab. Irene trifft den Sachbearbeiter in der U-Bahn, der sie verfolgt und observiert. Er wendet sich an Irene mit einer Frage auf Deutsch, auf die sie jedoch nur auf Rumänisch entgegnen kann (RB 104). Der Sachbearbeiter fasst sie am Ellbogen und kommentiert diese körperliche Grenzüberschreitung mit dem Satz: „Deutsch sprechen Sie nur, wenn Sie zu mir ins Büro kommen“ (ebd.). Auf diese Replik hin verstummt Irene: „Irene hatte das Deutsche vergessen“ (ebd.). Nur noch ein einziger deutscher Satz fällt ihr ein, den in Irenes Wachleben Thomas zur ihr gesagt hatte: „Weshalb vergleichst Du immer, es ist doch nicht Deine Muttersprache“ (ebd.). Es folgt eine paradoxe Reflexion Irenes: „Es wäre ein langer Satz gewesen. Er hätte bewiesen, daß Irene Deutsch sprach. Doch er hätte mehr geschadet, als genützt. Das wusste Irene sogar im Traum“ (ebd.).
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Im zweiten Traum wechseln sich das Traumgeschehen sowie die Reflexion im Traum und über das Geträumte ab. Irene trifft den Sachbearbeiter in der U-Bahn, der sie verfolgt und observiert. Er wendet sich an Irene mit einer Frage auf Deutsch, auf die sie jedoch nur auf Rumänisch entgegnen kann (RB 104). Der Sachbearbeiter fasst sie am Ellbogen und kommentiert diese körperliche Grenzüberschreitung mit dem Satz: „Deutsch sprechen Sie nur, wenn Sie zu mir ins Büro kommen“ (ebd.). Auf diese Replik hin verstummt Irene: „Irene hatte das Deutsche vergessen“ (ebd.). Nur noch ein einziger deutscher Satz fällt ihr ein, den in Irenes Wachleben Thomas zur ihr gesagt hatte: „Weshalb vergleichst Du immer, es ist doch nicht Deine Muttersprache“ (ebd.). Es folgt eine paradoxe Reflexion Irenes: „Es wäre ein langer Satz gewesen. Er hätte bewiesen, daß Irene Deutsch sprach. Doch er hätte mehr geschadet, als genützt. Das wusste Irene sogar im Traum“ (ebd.).
    
====Analyse und Interpretation====
 
====Analyse und Interpretation====
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Die Observation durch den Sachbearbeiter hat bei Irene den Verlust der rumänischen Sprache zur Folge. Auch Thomas‘ Satz aus Irenes Wachleben bezieht sich auf das Rumänische, das er ihr gegenüber insofern abwertet als er Irene die Vergleichbarkeit des Deutschen mit dem Rumänischen abspricht und es damit begründet, Rumänisch sei nicht ihre Muttersprache (RB 104). Irenes doppelte Identität und ihre Zweisprachigkeit erweisen sich für sie als eine doppelte Erfahrung von Fremdheit und bergen in sich eine potentielle Gefährdung durch die Verwendung einer falschen Sprache, ihre Fremdheit zu offenbaren. Selbst in ihrem Traum formiert sich in Irene ein Mechanismus der Selbstbeobachtung und -kontrolle, der in der Angst vor der totalen Überwachung seinen Urgrund hat.
 
Die Observation durch den Sachbearbeiter hat bei Irene den Verlust der rumänischen Sprache zur Folge. Auch Thomas‘ Satz aus Irenes Wachleben bezieht sich auf das Rumänische, das er ihr gegenüber insofern abwertet als er Irene die Vergleichbarkeit des Deutschen mit dem Rumänischen abspricht und es damit begründet, Rumänisch sei nicht ihre Muttersprache (RB 104). Irenes doppelte Identität und ihre Zweisprachigkeit erweisen sich für sie als eine doppelte Erfahrung von Fremdheit und bergen in sich eine potentielle Gefährdung durch die Verwendung einer falschen Sprache, ihre Fremdheit zu offenbaren. Selbst in ihrem Traum formiert sich in Irene ein Mechanismus der Selbstbeobachtung und -kontrolle, der in der Angst vor der totalen Überwachung seinen Urgrund hat.
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===Thomas' Lakritztraum===
 
===Thomas' Lakritztraum===
 
====Beschreibung====
 
====Beschreibung====
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Thomas‘ Traum kann unter dem Blickwinkel seiner Homosexualität interpretiert werden. Er geht keine Beziehungen mit Männern ein. Wegen seiner Bindungsphobie und der Furcht vor der Aufdeckung kann er seine homoerotische Neigung nur auf dem Strich ausleben. Zwei Interpretationsansätze bieten sich an: Im Traum manifestiert sich seine Angst und Ekel vor der weiblichen Vereinnahmung sowie dem Verlust seiner sowohl männlichen als auch homosexuellen Identität. Die aufgerollten Lakritzschnecken, verknüpft mit dem Eisenbahnspiel ließen sich im Sinne einer freudianischen Umkehrung interpretieren. Das Zugmotiv stellt ein klassisches Phallussymbol dar wie beispielsweise am Ende von Alfred Hitchcocks Film ''Der unsichtbare Dritte'' (''North by Northwest''; USA 1959). Im Traum formen die Mädchen aus den Lakritzschnecken - aus einer klebrigen, süß-bitteren, schneckenförmigen Masse, die sich eine Vagina assoziieren lässt - die Eisenbahnschienen. In dieser Metamorphose vom weiblichen zum männlichen Genital tritt einerseits ein Transgenderaspekt zu Tage - auch Thomas Sohn wechselt sein Geschlecht - andererseits repräsentieren die ausschließlich weiblichen Protagonistinnen die Omnipräsenz und Dominanz des Weiblichen. Thomas erlebt den Geschlechterwechsel nicht als ein lustvolles Spiel, er gerinnt für ihn zum Alptraum, in dem das Weibliche aus der Verdrängung auftaucht und die weibliche Lust seine männliche und homosexuelle Identität gleich in doppelter Weise bedroht: zum einen durch die völlige Absenz männlicher Subjekte, zum anderen weil das Männliche auf die Genitalien reduziert und objektiviert wird und lediglich als verformbares Sexualobjekt für den weiblichen Blick fungiert. Thomas' Traum ließe sich aber, entgegen seiner eigener emotionalen Abwehr, auch als ein Wunschtraum interpretieren. Trotz des artikulierten Ekels gegenüber Irene („jetzt wirst Du welken, zuerst dein Magen, dann dein Hals, dann dein Gesicht“, RB 110) geht Thomas eine sexuelle Beziehung mit ihr ein: „Ich musste Dich doch rasch noch lieben, bevor du welkst“ (RB 111). Thomas stößt ab, was er begehrt. Dieser Verdrängung und Absenz des Weiblichen in Thomas‘ Wachleben steht die Omnipräsenz des Weiblichen in seinem Traum gegenüber.
 
Thomas‘ Traum kann unter dem Blickwinkel seiner Homosexualität interpretiert werden. Er geht keine Beziehungen mit Männern ein. Wegen seiner Bindungsphobie und der Furcht vor der Aufdeckung kann er seine homoerotische Neigung nur auf dem Strich ausleben. Zwei Interpretationsansätze bieten sich an: Im Traum manifestiert sich seine Angst und Ekel vor der weiblichen Vereinnahmung sowie dem Verlust seiner sowohl männlichen als auch homosexuellen Identität. Die aufgerollten Lakritzschnecken, verknüpft mit dem Eisenbahnspiel ließen sich im Sinne einer freudianischen Umkehrung interpretieren. Das Zugmotiv stellt ein klassisches Phallussymbol dar wie beispielsweise am Ende von Alfred Hitchcocks Film ''Der unsichtbare Dritte'' (''North by Northwest''; USA 1959). Im Traum formen die Mädchen aus den Lakritzschnecken - aus einer klebrigen, süß-bitteren, schneckenförmigen Masse, die sich eine Vagina assoziieren lässt - die Eisenbahnschienen. In dieser Metamorphose vom weiblichen zum männlichen Genital tritt einerseits ein Transgenderaspekt zu Tage - auch Thomas Sohn wechselt sein Geschlecht - andererseits repräsentieren die ausschließlich weiblichen Protagonistinnen die Omnipräsenz und Dominanz des Weiblichen. Thomas erlebt den Geschlechterwechsel nicht als ein lustvolles Spiel, er gerinnt für ihn zum Alptraum, in dem das Weibliche aus der Verdrängung auftaucht und die weibliche Lust seine männliche und homosexuelle Identität gleich in doppelter Weise bedroht: zum einen durch die völlige Absenz männlicher Subjekte, zum anderen weil das Männliche auf die Genitalien reduziert und objektiviert wird und lediglich als verformbares Sexualobjekt für den weiblichen Blick fungiert. Thomas' Traum ließe sich aber, entgegen seiner eigener emotionalen Abwehr, auch als ein Wunschtraum interpretieren. Trotz des artikulierten Ekels gegenüber Irene („jetzt wirst Du welken, zuerst dein Magen, dann dein Hals, dann dein Gesicht“, RB 110) geht Thomas eine sexuelle Beziehung mit ihr ein: „Ich musste Dich doch rasch noch lieben, bevor du welkst“ (RB 111). Thomas stößt ab, was er begehrt. Dieser Verdrängung und Absenz des Weiblichen in Thomas‘ Wachleben steht die Omnipräsenz des Weiblichen in seinem Traum gegenüber.
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===Irenes Metamorphosentraum===
 
===Irenes Metamorphosentraum===
 
====Beschreibung====
 
====Beschreibung====
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Ähnlich wie Calvino verknüpft Herta Müller das Stadtmotiv mit der exponierten weiblichen Körperlichkeit, gleichzeitig wird der Text aber als Fiktion entlarvt: „Ich weiß, es ist nur Einbildung, nur Schwindel […]. Ja, alles nur Schwindel, sagte Steffen zur Irene. Weshalb glaubst Du daran. Das ist erfunden, und Du glaubst daran“ (RB 164). Im Gegensatz zur Alptraumhaftigkeit der ersten beiden Träume bietet hier die Fiktion jedoch ein erlösendes poetisches Potential. Der Traum wird zu einem Ort der Imagination, der die gleichzeitige Anwesenheit von Männern aus Irenes Leben ermöglicht. Auffallend sind die narrativ-reflexiven Passagen und der lustbesetzte humoreske Stil, der mit dem beklemmenden Grundton des übrigen Textes kontrastiert: „Wer von euch beiden ist denn die Attrappe“ (RB 165). Wer als Subjekt und wer als Objekt des Begehrens fungiert, verbleibt ebenfalls in der Uneindeutigkeit: „Zwischen Mond und Schatten hatte das Gesicht, das Irene küßte eine bläuliche Farbe“ (ebd.). In dieser ambigen Konstruktion kann Irene grammatikalisch sowohl eine Subjekt- als auch eine Akkusativposition besetzen. Die Farbe ‚bläulich‘ repräsentiert im Gesamtgefüge des Traumes die Treue. Irene reagiert auf das männliche Treueverlangen „Du sollst Augen haben nur für mich“ (RB 165) mit Verdruss: „Das macht müde“ (ebd.). Während Calvino den weiblichen Körper in die Stadtarchitektonik projiziert und damit vergegenständlicht, erlangt das Weibliche bei Herta Müller Subjekthaftigkeit und Körperlichkeit. Irenes letzter Traum wird vom weiblichen Begehren dominiert, auch wenn sich diese Demaskierung der männlich konstruierten Weiblichkeit nur im imaginierten Raum des Traumes ereignet und daher eine weibliche Wunschprojektion bleibt.
 
Ähnlich wie Calvino verknüpft Herta Müller das Stadtmotiv mit der exponierten weiblichen Körperlichkeit, gleichzeitig wird der Text aber als Fiktion entlarvt: „Ich weiß, es ist nur Einbildung, nur Schwindel […]. Ja, alles nur Schwindel, sagte Steffen zur Irene. Weshalb glaubst Du daran. Das ist erfunden, und Du glaubst daran“ (RB 164). Im Gegensatz zur Alptraumhaftigkeit der ersten beiden Träume bietet hier die Fiktion jedoch ein erlösendes poetisches Potential. Der Traum wird zu einem Ort der Imagination, der die gleichzeitige Anwesenheit von Männern aus Irenes Leben ermöglicht. Auffallend sind die narrativ-reflexiven Passagen und der lustbesetzte humoreske Stil, der mit dem beklemmenden Grundton des übrigen Textes kontrastiert: „Wer von euch beiden ist denn die Attrappe“ (RB 165). Wer als Subjekt und wer als Objekt des Begehrens fungiert, verbleibt ebenfalls in der Uneindeutigkeit: „Zwischen Mond und Schatten hatte das Gesicht, das Irene küßte eine bläuliche Farbe“ (ebd.). In dieser ambigen Konstruktion kann Irene grammatikalisch sowohl eine Subjekt- als auch eine Akkusativposition besetzen. Die Farbe ‚bläulich‘ repräsentiert im Gesamtgefüge des Traumes die Treue. Irene reagiert auf das männliche Treueverlangen „Du sollst Augen haben nur für mich“ (RB 165) mit Verdruss: „Das macht müde“ (ebd.). Während Calvino den weiblichen Körper in die Stadtarchitektonik projiziert und damit vergegenständlicht, erlangt das Weibliche bei Herta Müller Subjekthaftigkeit und Körperlichkeit. Irenes letzter Traum wird vom weiblichen Begehren dominiert, auch wenn sich diese Demaskierung der männlich konstruierten Weiblichkeit nur im imaginierten Raum des Traumes ereignet und daher eine weibliche Wunschprojektion bleibt.
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==Einordnung==
 
==Einordnung==
Die ganze Erzählung ''Reisende auf einem Bein'' weist eine Traumlogik auf, die aus der traumatischen Wahrnehmung Irenes resultiert und in der sich die Grenzen zwischen Irenes halluzinatorischem Blick und der Realität verflüssigen. Dennoch greift der Text auf die deutlich markierten nächtlichen Träume zurück. Während die ersten beiden Träume für Irene zu Alpträumen gerinnen, in denen sie das Trauma und die sie ständig begleitende Angst vor der totalitären Kontrolle reinszeniert, bietet der letzte Traum ein erlösendes Potenzial, das aus der Fähigkeit zur Imagination resultiert. Die Metamorphosen der männlichen Protagonisten und die Doppelung der Irenefigur werden zu einem Spiel mit Masken und verschiedenen Identitäten (Zur Selbstverdoppelung im Traum vgl. Solte-Gresser 2011, 255f.).
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Die ganze Erzählung ''Reisende auf einem Bein'' weist eine Traumlogik auf, die aus der traumatischen Wahrnehmung Irenes resultiert und in der sich die Grenzen zwischen Irenes halluzinatorischem Blick und der Realität verflüssigen. Dennoch greift der Text auf die deutlich markierten nächtlichen Träume zurück. Während die ersten beiden Träume für Irene zu Alpträumen gerinnen, in denen sie das Trauma und die sie ständig begleitende Angst vor der totalitären Kontrolle reinszeniert, bietet der letzte Traum ein erlösendes Potenzial, das aus der Fähigkeit zur Imagination resultiert. Die Metamorphosen der männlichen Protagonisten und die Doppelung der Irenefigur werden zu einem Spiel mit Masken und verschiedenen Identitäten (zur Selbstverdoppelung im Traum vgl. Solte-Gresser 2011, 255f.).
     

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