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Änderungen – Lexikon Traumkultur

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Das Motiv, das diesen Traum von den anderen unterscheidet, ist die extreme Hitze, bzw. das Feuer. Dies lässt sich nicht nur mit dem Tod der Schwester in Verbindung bringen, sondern auch mit dem geschichtlichen Kontext. In den zahlreichen rassistischen Anschlägen, die in den 90er Jahren in Deutschland verübt wurden, ist ein Muster zu erkennen: Molotov-Cocktails in den Händen der Angreifer*innen, brennende Flüchtlingsunterkünfte, eine desinteressierte Politik (Stichwort: „Beileidstourismus“) und eine Polizei, die darum bemüht war, die Brandanschläge als Einzelfälle abzutun. Im Traum spiegelt sich Angst und Panik, selbst das Opfer eines rassistischen Anschlags zu werden und die Hilflosigkeit, da keiner der Menschen in der Schlange Nasrins Verzweiflung wahrzunehmen scheint: „''Verstehen Sie es denn nicht?'', will ich brüllen. Vielleicht verstehen sie es ja doch, und es ist ihnen einfach egal.“
 
Das Motiv, das diesen Traum von den anderen unterscheidet, ist die extreme Hitze, bzw. das Feuer. Dies lässt sich nicht nur mit dem Tod der Schwester in Verbindung bringen, sondern auch mit dem geschichtlichen Kontext. In den zahlreichen rassistischen Anschlägen, die in den 90er Jahren in Deutschland verübt wurden, ist ein Muster zu erkennen: Molotov-Cocktails in den Händen der Angreifer*innen, brennende Flüchtlingsunterkünfte, eine desinteressierte Politik (Stichwort: „Beileidstourismus“) und eine Polizei, die darum bemüht war, die Brandanschläge als Einzelfälle abzutun. Im Traum spiegelt sich Angst und Panik, selbst das Opfer eines rassistischen Anschlags zu werden und die Hilflosigkeit, da keiner der Menschen in der Schlange Nasrins Verzweiflung wahrzunehmen scheint: „''Verstehen Sie es denn nicht?'', will ich brüllen. Vielleicht verstehen sie es ja doch, und es ist ihnen einfach egal.“
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===Wohnwagen===
 
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Die Traumgrenzen werden bei dieser Passage verunsichert – Nasrins Erwachen kann als ''false awakening'' gedeutet werden. Mit den Albtraumbildern beschäftigt steht die Erzählerin nachts auf und geht ins Wohnzimmer, wo sie ihre Nichte auf dem Sofa sitzend vorfindet. Parvin antwortet nicht und der Protagonistin kommt die Szene irgendwie irreal vor: „Träume ich immer noch?“ Am nächsten Morgen sagt ihr Parvin, dass es keine nächtliche Begegnung gegeben habe.
 
Die Traumgrenzen werden bei dieser Passage verunsichert – Nasrins Erwachen kann als ''false awakening'' gedeutet werden. Mit den Albtraumbildern beschäftigt steht die Erzählerin nachts auf und geht ins Wohnzimmer, wo sie ihre Nichte auf dem Sofa sitzend vorfindet. Parvin antwortet nicht und der Protagonistin kommt die Szene irgendwie irreal vor: „Träume ich immer noch?“ Am nächsten Morgen sagt ihr Parvin, dass es keine nächtliche Begegnung gegeben habe.
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===Telefon===
 
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Die Träumerin, die sich immer wieder fragt, ob sie wirklich allein im Gebäude ist, bewaffnet sich mit einer Metallstange, die zwischen dem Schrott liegt, bevor sie einen weiteren, von bunt blinkenden Neonlichtern erleuchteten Raum betritt. In der Mitte steht eine pinke Telefonzelle. Der Raum erinnert Nasrin an eine moderne Kunstgalerie und prompt fällt ihr Blick auf ein übergroßes Portrait von Andy Warhol, darunter ein Verweis auf das Attentat, das 1968 vor seiner „Factory“ auf ihn verübt wurde („''Doch was wäre ein Genie, wenn er nicht einen Anschlag in seiner eigenen Traumfabrik überlebt?''“). Das Telefon in der pinken Zelle klingelt. Aus dem Hörer ertönt die Stimme einer Person, die Nasrin nicht identifizieren kann. Die Stimme spricht von mehreren Personen, einem „wir“: „Bist du beleidigt, weil wir uns so lange versteckt haben? […] Aber immerhin bist du jetzt hier. Nun kann uns niemand mehr trennen.“ Als Nasrin fragt, wo denn „hier“ sei – erklingt aus dem Hörer das Lachen mehrerer Personen: „Du Dummerchen […]. Du bist am Ziel. Willkommen in der Traumafabrik.“
 
Die Träumerin, die sich immer wieder fragt, ob sie wirklich allein im Gebäude ist, bewaffnet sich mit einer Metallstange, die zwischen dem Schrott liegt, bevor sie einen weiteren, von bunt blinkenden Neonlichtern erleuchteten Raum betritt. In der Mitte steht eine pinke Telefonzelle. Der Raum erinnert Nasrin an eine moderne Kunstgalerie und prompt fällt ihr Blick auf ein übergroßes Portrait von Andy Warhol, darunter ein Verweis auf das Attentat, das 1968 vor seiner „Factory“ auf ihn verübt wurde („''Doch was wäre ein Genie, wenn er nicht einen Anschlag in seiner eigenen Traumfabrik überlebt?''“). Das Telefon in der pinken Zelle klingelt. Aus dem Hörer ertönt die Stimme einer Person, die Nasrin nicht identifizieren kann. Die Stimme spricht von mehreren Personen, einem „wir“: „Bist du beleidigt, weil wir uns so lange versteckt haben? […] Aber immerhin bist du jetzt hier. Nun kann uns niemand mehr trennen.“ Als Nasrin fragt, wo denn „hier“ sei – erklingt aus dem Hörer das Lachen mehrerer Personen: „Du Dummerchen […]. Du bist am Ziel. Willkommen in der Traumafabrik.“
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Dem Traum geht eine Rückblende voraus (1995): Nasrin und ihre Jugendclique werden bei einem Jahrmarktbesuch von Skinheads angegriffen und entgehen nur knapp körperlicher Gewalt. Dabei hatte sich einer der Skinheads mit einer Metallstange bewaffnet, die der Traum wiederaufgreift. Im nächsten Kapitel ist Nasrin in der Gegenwart nach Lübeck gereist, um dort dem Tod ihrer Schwester nachzugehen, womit sie gewissermaßen den Stimmen aus dem Traum folgt, die mit ihrer Clique, die sie seit Jahren nicht gesehen hat, verbunden werden können.
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Aufschluss über das im Traum erkundete Industriegebäude kann eine Lesung von Yaghoobifarah mit Margarete Stokowski geben: Hier beschreibt Yaghoobifarah, dass der Titel des Romans – ''Ministerium der Träume'' – als eine Metapher für den Kopf zu verstehen sei, als Ort der Wünsche, Ängste, Erinnerungen und Träume. Diese Metapher scheint in dem geträumten Ort aufgegriffen zu werden – so werden beispielsweise Erinnerungen durch den „Schrottberg“ vergegenständlicht, der gleichzeitig auf die Fragmentierung derselben verweist (alle Gegenstände, die hier liegen, sind nicht mehr intakt: „zerrupfte Spielzeuge, Autoteile und zerbrochene Handyhüllen“). Die Glasscherben – viel größer als die Träumerin – verweisen auf zwei der anderen Träume, in denen das Glas einer Telefonzelle drohte zu zerbrechen und gleichzeitig scheinen sie, wie die Krater, eine Metapher für die schwer zu bewältigende Vergangenheit zu sein (der Traum scheint hier auch eine Aussage von Nasrins Psychologin aufzunehmen: „''Ihr lückenhaftes Gedächtnis oder Ihre Krater, wie Sie sagen, die sind nicht größer als Sie''“ (MdT 206)). Die Träumerin fühlt sich, anders als in den anderen Träumen, allerdings nicht machtlos, ergreift mit der Metallstange sogar eine Waffe, die in der Vergangenheit gegen sie und ihre Freund*innen gerichtet wurde. Die verschiedenen Räume, die Nasrin betritt, ließen sich ebenfalls in die Kopf-Metapher einfügen – der Maschinenraum, in denen Geräte auf Hochtouren laufen; die verlassene und eingestaubte Fabrikhalle. Farbe spielt in dem Bereich, den Nasrin danach betritt, eine herausragende Rolle: Selbst die Telefonzelle erscheint hier neu, in pinker Farbe und gleichzeitig weniger bedrohlich (Nasrin erscheint sie vor allem lästig – „O nee, denke ich, nicht schon wieder“), was darauf deuten mag, dass Nasrin schrittweise ein neuen Umgang mit ihren traumatischen Erfahrungen findet (gleichzeitig könnte die Veränderung der Farbe auch auf die historische Entwicklung der Telefonzellen, die in Deutschland zeitweise zumindest ein pinkfarbenes Dach hatten, verweisen).
     
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