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Änderungen – Lexikon Traumkultur

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Das Abendlied erschien erstmals 1642 unter dem Titel ''Christliches Abend=Lied/ Sich dem Schutz des Allerhöhesten zu befehlen'' im dritten Band von Johann Rists Liedersammlung ''Himlische Lieder'' (1641/42). Die Sammlung wurde zusammen mit dem Hamburger Ratsmusiker und Kantor Johann Schop (1590-1644) herausgegeben, welcher die Melodien der meisten darin enthaltenen Lieder komponierte. In der überarbeiteten, neu angeordneten Ausgabe der ''Himlische[n] Lieder'' von 1652 ist das Abendlied in einer von der Erstveröffentlichung minimal abweichenden Version im fünften und letzten Teil unter der Rubrik „Lob= und Danklieder“ vorzufinden; eingeleitet wird es dort mit der Angabe „Das siebende Lied/ Ist Ein Abendgesang/ Mit welcher sich ein jedweder frommer Christ/ weil er sich zur Ruhe wil legen/ der gnädigen Obhuht und väterlichen Beschirmung des Allerhöchsten kan befehlen“. Es liegen einige weitere Bearbeitungen des Abendliedes vor, welche teilweise durch den Verfasser selbst, teilweise bei der Aufnahme des Liedes in verschiedene Gesangbücher zustande kamen. Während die ältere Forschung die 1657 im ersten Teil von Rists ''Geistliche[n] Poetische[n] Schriften'' erschienene Fassung des Abendliedes bevorzugt, „da man sie in Wahrheit eine verbesserte nennen“ könne (Fischer 1878, 356; mit Verweis auf Mützell 1855), wird im vorliegenden Artikel der Originaltext von 1642 nach der kritischen Ausgabe ''Himmlische Lieder'' (2012) zitiert.
 
Das Abendlied erschien erstmals 1642 unter dem Titel ''Christliches Abend=Lied/ Sich dem Schutz des Allerhöhesten zu befehlen'' im dritten Band von Johann Rists Liedersammlung ''Himlische Lieder'' (1641/42). Die Sammlung wurde zusammen mit dem Hamburger Ratsmusiker und Kantor Johann Schop (1590-1644) herausgegeben, welcher die Melodien der meisten darin enthaltenen Lieder komponierte. In der überarbeiteten, neu angeordneten Ausgabe der ''Himlische[n] Lieder'' von 1652 ist das Abendlied in einer von der Erstveröffentlichung minimal abweichenden Version im fünften und letzten Teil unter der Rubrik „Lob= und Danklieder“ vorzufinden; eingeleitet wird es dort mit der Angabe „Das siebende Lied/ Ist Ein Abendgesang/ Mit welcher sich ein jedweder frommer Christ/ weil er sich zur Ruhe wil legen/ der gnädigen Obhuht und väterlichen Beschirmung des Allerhöchsten kan befehlen“. Es liegen einige weitere Bearbeitungen des Abendliedes vor, welche teilweise durch den Verfasser selbst, teilweise bei der Aufnahme des Liedes in verschiedene Gesangbücher zustande kamen. Während die ältere Forschung die 1657 im ersten Teil von Rists ''Geistliche[n] Poetische[n] Schriften'' erschienene Fassung des Abendliedes bevorzugt, „da man sie in Wahrheit eine verbesserte nennen“ könne (Fischer 1878, 356; mit Verweis auf Mützell 1855), wird im vorliegenden Artikel der Originaltext von 1642 nach der kritischen Ausgabe ''Himmlische Lieder'' (2012) zitiert.
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Rists Abendlied wurde von Zeitgenoss:innen vielfach rezipiert: Es findet sich in zahlreichen Kirchenliedersammlungen, etwa in verschiedenen Ausgaben von Johann Crügers (1598-1662) Gesangbuch ''Praxis Pietatis Melica'' (seit 1648), einer der bedeutendsten protestantischen Liedersammlungen des 17. Jahrhunderts. Auch in die Hildesheimer Ausgabe des ''Neu=vermehrte[n] Geistliche[n] Gesangbuch[s]'' von 1700 wurde das Lied aufgenommen. Wie für die frühneuzeitliche Lieddichtung und -rezeption typisch, finden sich zahlreiche Variationen des Abendliedes: Die von Schop stammende Melodie wurde mehrfach wiederverwendet, Rists Text, wie erwähnt, teilweise von ihm selbst, teilweise durch andere Dichter:innen umgestaltet. Die Gräfin Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt (auch: Emilie; 1637-1706) beispielsweise verwendete Rists Abendlied als Vorlage für ihren Text ''Ein Lied einer Person/ welche die Letzte von ihrem Geschlechte''.<ref>Schwarzburg-Rudolstadt ist bekannt für ihre Arbeit nach der Kontrafakturmethode, einem (literarischen) Produktionsverfahren, bei dem ein neues Werk durch Übernahme von Elementen eines bereits existierenden Werks geschaffen wird (Auerochs 2007, 398 f.). Für ihr ''Lied einer Person/ welche die Letzte von ihrem Geschlechte'', das 1714 in ihrer Werksammlung ''Der Freundin des Lammes Geistlicher Braut=Schmuck'' erschien, entlehnte sie die Melodie sowie den ersten Vers von Rists ''Werde munter mein Gemüte''.</ref>
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Rists Abendlied wurde von Zeitgenoss:innen vielfach rezipiert: Es findet sich in zahlreichen Kirchenliedersammlungen, etwa in verschiedenen Ausgaben von Johann Crügers (1598-1662) Gesangbuch ''Praxis Pietatis Melica'' (seit 1648), einer der bedeutendsten protestantischen Liedersammlungen des 17. Jahrhunderts. Auch in die Hildesheimer Ausgabe des ''Neu=vermehrte[n] Geistliche[n] Gesangbuch[s]'' von 1700 wurde das Lied aufgenommen. Wie für die frühneuzeitliche Lieddichtung und -rezeption typisch, finden sich zahlreiche Variationen des Abendliedes: Die von Schop stammende Melodie wurde mehrfach wiederverwendet, Rists Text, wie erwähnt, teilweise von ihm selbst, teilweise durch andere Dichter:innen umgestaltet. Die Gräfin Aemilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt (auch: Emilie; 1637-1706) beispielsweise verwendete Rists Abendlied als Vorlage für ihren Text ''Ein Lied einer Person/ welche die Letzte von ihrem Geschlechte''.<ref>Schwarzburg-Rudolstadt ist bekannt für ihre Arbeit nach der Kontrafakturmethode, einem (literarischen) Produktionsverfahren, bei dem ein neues Werk durch Übernahme von Elementen eines bereits existierenden Werks geschaffen wird (Auerochs 2007, 398 f.). Für ihr ''Lied einer Person/ welche die Letzte von ihrem Geschlechte'', das 1714 in ihrer Werksammlung ''Der Freundin des Lammes Geistlicher Braut=Schmuck'' erschien, entlehnte sie die Melodie sowie den ersten Vers von Rists ''Werde munter mein Gemüte''.</ref>
    
Auch über das 17. Jahrhundert hinaus verlor Rists Abendlied nicht an Aktualität: In Fischers Kirchenlieder-Lexikon aus dem Jahr 1879 ist es als „Kernlied“ markiert, was bedeutet, dass es in nahezu allen für die Zusammenstellung des Lexikons verwendeten Quellen aus dem 18. und 19. Jahrhundert vertreten ist. Heute ist es als Lied Nr. 475 unter der Rubrik „Abend“ in aktuellen Ausgaben des Evangelischen Gesangbuchs abgedruckt. Der Text dieser Version unterscheidet sich an einigen Stellen von Rists Erstfassung: Die Eröffnungsstrophe beispielweise schließt nicht mit dem Dank des Sprecher-Ichs für Gottes Schutz vor dem Teufel („da er mich den gantzen Tag/ für so mancher schweren Plag’/ hat erhalten und beschützet/ daß mich Satan nicht beschmitze“), sondern listet andere Qualen auf, vor denen Gott das Ich bewahrt hat: „da er mich den ganzen Tag vor so mancher schweren Plag, vor Betrübnis, Schand und Schaden treu behütet hat in Gnaden“. Weitere Abweichungen vom Original sind u. a. in der dritten („mich umgebe und beschütze“ statt „Und mein kaltes Hertz erhitze“) und vierten Strophe („lösen von der Sünde Ketten“ statt „Straffe nicht mein Ubertretten“) festzustellen. Zudem wurde Rists Abendlied hier auf acht der ursprünglich zwölf Strophen gekürzt: Die Strophen 3, 7 und 8 sowie die für vorliegenden Artikel interessante ‚Traumstrophe‘ (Str. 9) der Originalfassung sind nicht mehr enthalten.
 
Auch über das 17. Jahrhundert hinaus verlor Rists Abendlied nicht an Aktualität: In Fischers Kirchenlieder-Lexikon aus dem Jahr 1879 ist es als „Kernlied“ markiert, was bedeutet, dass es in nahezu allen für die Zusammenstellung des Lexikons verwendeten Quellen aus dem 18. und 19. Jahrhundert vertreten ist. Heute ist es als Lied Nr. 475 unter der Rubrik „Abend“ in aktuellen Ausgaben des Evangelischen Gesangbuchs abgedruckt. Der Text dieser Version unterscheidet sich an einigen Stellen von Rists Erstfassung: Die Eröffnungsstrophe beispielweise schließt nicht mit dem Dank des Sprecher-Ichs für Gottes Schutz vor dem Teufel („da er mich den gantzen Tag/ für so mancher schweren Plag’/ hat erhalten und beschützet/ daß mich Satan nicht beschmitze“), sondern listet andere Qualen auf, vor denen Gott das Ich bewahrt hat: „da er mich den ganzen Tag vor so mancher schweren Plag, vor Betrübnis, Schand und Schaden treu behütet hat in Gnaden“. Weitere Abweichungen vom Original sind u. a. in der dritten („mich umgebe und beschütze“ statt „Und mein kaltes Hertz erhitze“) und vierten Strophe („lösen von der Sünde Ketten“ statt „Straffe nicht mein Ubertretten“) festzustellen. Zudem wurde Rists Abendlied hier auf acht der ursprünglich zwölf Strophen gekürzt: Die Strophen 3, 7 und 8 sowie die für vorliegenden Artikel interessante ‚Traumstrophe‘ (Str. 9) der Originalfassung sind nicht mehr enthalten.
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=Kontextualisierung=
 
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==Abendliedgenre==
 
==Abendliedgenre==
Der heute geläufige Titel ''Werde munter mein Gemüte'' ergibt sich durch den ersten Vers des barocken Abendliedes. Die darin enthaltene Aufforderung erstreckt sich noch weiter über die erste Strophe: „WErde munter mein Gemüte/ vnd jr Sinne geht herfür/ Daß jhr preiset Gottes Güte“. Sie erinnert an das wenig später erschienene, vermutlich prominenteste Abendlied des 17. Jahrhunderts, Paul Gerhardts (1607-1676) ''Nun ruhen alle Wälder'' (ED 1647), welches mit einem ähnlichen Aufruf beginnt: „Ihr aber/ meine sinnen/ Auf/ auf/ ihr sollt beginnen/ Was eurem Schöpffer wol gefällt.<ref>Gerhardts Abendlied ''Nun ruhen alle Wälder'' erschien erstmals 1647 als Lied Nr. 19 in Crügers ''Praxis Pietatis Melica''.</ref> Beide Appelle an das eigene Gemüt bzw. die eigenen Sinne spiegeln die praktische Ausrichtung des Abendliedgenres wider: Abendlieder sind einerseits als Handlung zu verstehen, als „Aufruf zum Lob oder Trost oder Wendung an Gott in Bitte und Dank und Preis“, andererseits als „Heilmittel des inwendigen Menschen“ (Thomas/Ameln 1930, 5 f.). Eine heilende Wirkung soll vor allem dadurch erzielt werden, dass das Abendlied, gerade im Barockzeitalter, einen Moment des Innehaltens bedeutet: Hübert beschreibt die frühneuzeitliche Empfindung von Abend und Nacht „als Zeit der Stille zwischen Tag und Traum, in der die Seele, befreit von dem tätigen Einsatz des Menschen bei Tage, endlich 'zu Wort' kommen kann“ (Hübert 1963, 223). Die dem Abendlied folglich zufallende „Funktion eines Zwiegesprächs mit Gott“ (Scherf 2020, 6) kann in Rists ''Werde munter mein Gemüte'' anschaulich beobachtet werden. Daneben erfüllt sein Gedicht durch die Schlussstrophe auch die dem Abendliedgenre zugesprochene Gebetsfunktion (Scherf 2020, 6).
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Der heute geläufige Titel ''Werde munter mein Gemüte'' ergibt sich durch den ersten Vers des barocken Abendliedes. Die darin enthaltene Aufforderung erstreckt sich noch weiter über die erste Strophe: „WErde munter mein Gemüte/ vnd jr Sinne geht herfür/ Daß jhr preiset Gottes Güte“. Sie erinnert an das wenig später erschienene, vermutlich prominenteste Abendlied des 17. Jahrhunderts, Paul Gerhardts (1607-1676) ''Nun ruhen alle Wälder'' (ED 1647), welches mit einem ähnlichen Aufruf beginnt: „Ihr aber/ meine sinnen/ Auf/ auf/ ihr sollt beginnen/ Was eurem Schöpffer wol gefällt“.<ref>Gerhardts Abendlied ''Nun ruhen alle Wälder'' erschien erstmals 1647 als Lied Nr. 19 in Crügers ''Praxis Pietatis Melica''.</ref> Beide Appelle an das eigene Gemüt bzw. die eigenen Sinne spiegeln die praktische Ausrichtung des Abendliedgenres wider: Abendlieder sind einerseits als Handlung zu verstehen, als „Aufruf zum Lob oder Trost oder Wendung an Gott in Bitte und Dank und Preis“, andererseits als „Heilmittel des inwendigen Menschen“ (Thomas/Ameln 1930, 5 f.). Eine heilende Wirkung soll vor allem dadurch erzielt werden, dass das Abendlied, gerade im Barockzeitalter, einen Moment des Innehaltens bedeutet: Hübert beschreibt die frühneuzeitliche Empfindung von Abend und Nacht „als Zeit der Stille zwischen Tag und Traum, in der die Seele, befreit von dem tätigen Einsatz des Menschen bei Tage, endlich 'zu Wort' kommen kann“ (Hübert 1963, 223). Die dem Abendlied folglich zufallende „Funktion eines Zwiegesprächs mit Gott“ (Scherf 2020, 6) kann in Rists ''Werde munter mein Gemüte'' anschaulich beobachtet werden. Daneben erfüllt sein Gedicht durch die Schlussstrophe auch die dem Abendliedgenre zugesprochene Gebetsfunktion (Scherf 2020, 6).
    
==(Alb-)Träume in Abendliedern==
 
==(Alb-)Träume in Abendliedern==
Das Motiv des Traums, das Rist in seinem Abendlied als Verbindungsmöglichkeit zu Gott fruchtbar macht, ist im Abendliedgenre nicht unüblich. In Scherfs Abendliedersammlung beispielsweise finden sich mindestens um die 40 von insgesamt 526 Abendliedern aus fünf Jahrhunderten, in denen der Traum zur Sprache kommt (Scherf 2020). Auffällig ist, dass etwa die Hälfte dieser Lieder (1) der Barockepoche zuzuordnen ist und (2) den Traum in einen negativen Zusammenhang stellt: So werden in der Regel nur „böse“ Träume in einer Reihe mit Gespenstern und anderen Gefahren der Nacht thematisiert, wie etwa bei Johann Franck (auch: Frank; 1618-1677): „Oeffne deiner güte fenster/ Sende deine macht herab/ Daß die schwartzen nacht=gespenster/ Daß des todes finstres grab/ Daß das übel so bey nacht/ Unsern leib zu fällen tracht’t/ Mich nicht mit dem netz ümdecke/ Noch ein böser traum mich schrecke.“ (Str. 5)<ref>Francks Abendlied beginnt mit den Versen „UNsre müden augen=lieder/ Schliessen sich itzt schläffrig zu“ und findet sich als Lied Nr. 709 in der Hildesheimer Ausgabe des ''Neu=vermehrte[n] Geistliche[n] Gesangbuch[s]'' von 1700.</ref> In einem vergleichbaren Abendlied soll Gott, so bittet das Ich, dabei helfen, „[d]aß kein gespenst im schlaff mich thör/ Noch böser traum mein ruh verstöhr“ (Str. 9);<ref>Lied Nr. 710 mit dem Liedanfang „DUhast/ o Vater/ tag und nacht“ (ohne Verfasserangabe) in der Hildesheimer Ausgabe des ''Neu=vermehrte[n] Geistliche[n] Gesangbuch[s]'' von 1700.</ref> in einem anderen Beispiel heißt es: „Für bösen träumen mich bewahr/ Entzeuch mich aller angst=gefahr“ (Str. 4).<ref>Lied Nr. 723 mit dem Liedanfang „HJnunter ist der sonnen=schein“ (ohne Verfasserangabe) in der Hildesheimer Ausgabe des ''Neu=vermehrte[n] Geistliche[n] Gesangbuch[s]'' von 1700.</ref> Auch in der Abendlieddichtung Georg Philipp Harsdörffers (1607-1658) ist das Träumen mit negativen Implikationen verbunden; in einem seiner Lieder bittet die Sprechinstanz beispielsweise um ruhigen Schlaf „[o]hn böse Träum und Schmertz“ (Str. 7).<ref>Harsdörffers Abendlied beginnt mit den Versen „DEr Tag ist nun vergangen mit seiner Sorgenlast“ und erschien erstmals 1647 in Dilherrs ''Weg zur Seligkeit''.</ref>
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Das Motiv des Traums, das Rist in seinem Abendlied als Verbindungsmöglichkeit zu Gott fruchtbar macht, ist im Abendliedgenre nicht unüblich. In der Anthologie Scherfs beispielsweise finden sich mindestens um die 40 von insgesamt 526 Abendliedern aus fünf Jahrhunderten, in denen der Traum zur Sprache kommt (Scherf 2020). Auffällig ist, dass etwa die Hälfte dieser Lieder (1) der Barockepoche zuzuordnen ist und (2) den Traum in einen negativen Zusammenhang stellt: So werden in der Regel nur „böse“ Träume in einer Reihe mit Gespenstern und anderen Gefahren der Nacht thematisiert, wie etwa bei Johann Franck (auch: Frank; 1618-1677): „Oeffne deiner güte fenster/ Sende deine macht herab/ Daß die schwartzen nacht=gespenster/ Daß des todes finstres grab/ Daß das übel so bey nacht/ Unsern leib zu fällen tracht’t/ Mich nicht mit dem netz ümdecke/ Noch ein böser traum mich schrecke“ (Str. 5).<ref>Francks Abendlied beginnt mit den Versen „UNsre müden augen=lieder/ Schliessen sich itzt schläffrig zu“ und findet sich als Lied Nr. 709 in der Hildesheimer Ausgabe des ''Neu=vermehrte[n] Geistliche[n] Gesangbuch[s]'' von 1700.</ref> In einem vergleichbaren Abendlied soll Gott, so bittet das Ich, dabei helfen, „[d]aß kein gespenst im schlaff mich thör/ Noch böser traum mein ruh verstöhr“ (Str. 9);<ref>Lied Nr. 710 mit dem Liedanfang „DUhast/ o Vater/ tag und nacht“ (ohne Verfasserangabe) in der Hildesheimer Ausgabe des ''Neu=vermehrte[n] Geistliche[n] Gesangbuch[s]'' von 1700.</ref> in einem anderen Beispiel heißt es: „Für bösen träumen mich bewahr/ Entzeuch mich aller angst=gefahr“ (Str. 4).<ref>Lied Nr. 723 mit dem Liedanfang „HJnunter ist der sonnen=schein“ (ohne Verfasserangabe) in der Hildesheimer Ausgabe des ''Neu=vermehrte[n] Geistliche[n] Gesangbuch[s]'' von 1700.</ref> Auch in der Abendlieddichtung Georg Philipp Harsdörffers (1607-1658) ist das Träumen mit negativen Implikationen verbunden; in einem seiner Lieder bittet die Sprechinstanz beispielsweise um ruhigen Schlaf „[o]hn böse Träum und Schmertz“ (Str. 7).<ref>Harsdörffers Abendlied beginnt mit den Versen „DEr Tag ist nun vergangen mit seiner Sorgenlast“ und erschien erstmals 1647 in Dilherrs ''Weg zur Seligkeit''.</ref>
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Rists ''Werde munter mein Gemüte'' präsentiert einen Gegenentwurf zu dieser im Abendliedgenre verbreiteten negativen Trauminszenierung: In seinem Abendlied geht es nicht um böse, sondern um göttliche, vor den Gefahren der Nacht schützende Träume. Statt dass der Traum die Ängste vor Nacht und Schlaf noch steigert, erfüllt er hier eine Verbindungs- und zugleich eine Art Wächterfunktion: Über ihn wird eine Glaubensbindung an Gott geschaffen, die selbst im Schlaf eine bestimmte Form der Wachsamkeit und dadurch einen gewissen Schutz vor den Gefahren der Nacht ermöglichen soll. Andere Abendliedbeispiele, in denen der Traum auf diese produktive Weise eingesetzt wird, finden sich etwa im Werk der bereits erwähnten Gräfin Ämilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt.<ref>Vgl. die Abendlieder mit den Liedanfängen „GOtt Lob! der Tag ist auch mit seiner Plag verschwunden“, „IN JEsu Nahmen will ich nun zu Bette gehen“ sowie „WEr kan so frölich/ als wie ich“ in Schwarzburg-Rudolstadts Werksammlung ''Der Freundin des Lammes Geistlicher Braut=Schmuck'' von 1714.</ref>
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Rists ''Werde munter mein Gemüte'' präsentiert einen Gegenentwurf zu dieser im Abendliedgenre verbreiteten negativen Trauminszenierung: In seinem Abendlied geht es nicht um Albträume, sondern um beschützende, göttliche Träume. Statt dass der Traum die Ängste vor Nacht und Schlaf noch steigert, erfüllt er hier eine Verbindungs- und zugleich eine Art Wächterfunktion: Über ihn wird eine Glaubensbindung an Gott geschaffen, die selbst im Schlaf eine bestimmte Form der Wachsamkeit und dadurch einen gewissen Schutz vor nächtlichen Gefahren ermöglichen soll. Andere Abendliedbeispiele, in denen der Traum auf diese produktive Weise eingesetzt wird, finden sich etwa im Werk der bereits erwähnten Gräfin Aemilie Juliane von Schwarzburg-Rudolstadt.<ref>Vgl. die Abendlieder mit den Liedanfängen „GOtt Lob! der Tag ist auch mit seiner Plag verschwunden“, „IN JEsu Nahmen will ich nun zu Bette gehen“ sowie „WEr kan so frölich/ als wie ich“ in Schwarzburg-Rudolstadts Werksammlung ''Der Freundin des Lammes Geistlicher Braut=Schmuck'' von 1714.</ref>
    
=Analyse und Interpretation=
 
=Analyse und Interpretation=
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==Thema und Hinführung==
 
==Thema und Hinführung==
Zentrales Thema des Abendliedes ist die Bitte um göttlichen Schutz vor der Bedrohlichkeit der Nacht. Dieses transportiert Rist u. a. über die Gegenspieler Gott und Teufel bzw. Satan sowie verwandte Antonyme, etwa Segen versus Unheil, Licht versus Finsternis, Tag versus Nacht. Das letzte Gegensatzpaar findet explizite Erwähnung in der vierten Strophe durch die Antithese „Dieser Tag ist nun vergangen Die betrübte Nacht bricht an“, die zugleich den (späten) Abend als konkreten Sprechzeitpunkt des Textes markiert. In den drei vorangehenden Strophen findet eine Art Tagesrekapitulation und eine daraus hervorgehende Lobrede auf Gott statt, in der das Sprecher-Ich letzterem für das Be- und Überstehen der täglichen Aufgaben und Herausforderungen dankt. Der in der vierten Strophe angekündigte Eintritt der Nacht ist mit Ängsten des sich zu Bett begebenden Ichs besetzt: Die bevorstehende Schlafenszeit bedeutet eine Beeinträchtigung der tagsüber gegebenen Wachsamkeit und somit eine Anfälligkeit für potenzielle Gefahren der Nacht. Zur Veranschaulichung des verängstigten Zustands des Ichs wird das Bild eines in der Nacht erkalteten Herzens entworfen, das durch den „Glantz“ Gottes „erhitz[t]“ werden soll (Str. 4). Dieses Bild wird im Folgenden weitergeführt: In der fünften Strophe beschreibt die Sprechinstanz ihr Herz als von Sünden und schlechten Taten „beladen/ Und so gar vergifftet“, was sie für den Teufel empfänglich mache: „Daß auch Satan durch sein Spiel Mich zur Hellen stürtzen wil“ (Str. 5). Dem entgegen steht die positive Darstellung des von Gott erfüllten Herzens in der achten Strophe: „Wenn ich dich nur hab’ im Hertzen Fühl’ ich nicht der Seelen Schmertzen.
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Zentrales Thema des Abendliedes ist die Bitte um göttlichen Schutz vor der Bedrohlichkeit der Nacht. Dieses transportiert Rist u. a. über die Gegenspieler Gott und Teufel bzw. Satan sowie verwandte Antonyme, etwa Segen versus Unheil, Licht versus Finsternis, Tag versus Nacht. Das letzte Gegensatzpaar findet explizite Erwähnung in der vierten Strophe durch die Antithese „Dieser Tag ist nun vergangen Die betrübte Nacht bricht an“, die zugleich den (späten) Abend als konkreten Sprechzeitpunkt des Textes markiert. In den drei vorangehenden Strophen findet eine Art Tagesrekapitulation und eine daraus hervorgehende Lobrede auf Gott statt, in der das Sprecher-Ich letzterem für das Be- und Überstehen der täglichen Aufgaben und Herausforderungen dankt. Der in der vierten Strophe angekündigte Eintritt der Nacht ist mit Ängsten des sich zu Bett begebenden Ichs besetzt: Die bevorstehende Schlafenszeit bedeutet eine Beeinträchtigung der tagsüber gegebenen Wachsamkeit und somit eine Anfälligkeit für potenzielle Gefahren der Nacht. Zur Veranschaulichung des verängstigten Zustands des Ichs wird das Bild eines in der Nacht erkalteten Herzens entworfen, das durch den „Glantz“ Gottes „erhitz[t]“ werden soll (Str. 4). Dieses Bild wird im Folgenden weitergeführt: In der fünften Strophe beschreibt die Sprechinstanz ihr Herz als von Sünden und schlechten Taten „beladen/ Und so gar vergifftet“, was sie für den Teufel empfänglich mache: „Daß auch Satan durch sein Spiel Mich zur Hellen stürtzen wil“ (Str. 5). Dem entgegen steht die positive Darstellung des von Gott erfüllten Herzens in der achten Strophe: „Wenn ich dich nur hab’ im Hertzen Fühl’ ich nicht der Seelen Schmertzen“.
    
==Traumdarstellung==
 
==Traumdarstellung==
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Das Bild vom göttlichen Beschützer in der Nacht wird in den abschließenden drei Strophen erweitert: Der Segen Gottes wird als Bettdecke metaphorisiert, die sich schützend über das schlafende Ich legen soll. Gott soll jedoch nicht nur das Ich selbst behüten, sondern, den christlichen Wertevorstellungen der Zeit folgend, auch all das, was diesem zugehörig oder wichtig ist – selbst seine Feinde: „Leib und Seele/ Muth und Blut/ Weib und Kinder/ Haab’ und Gut/ Freunde/ Feind’ und Haußgenossen/ Seyn in deinen Schutz geschlossen“ (Str. 10). Mit der Formulierung „Weib und Kinder“ wird dabei erstmals eine geschlechtliche Markierung des lyrischen Ichs angedeutet. Eine männliche Sprechinstanz erscheint insofern plausibel, als davon auszugehen ist, dass das Vorsingen von Abendliedern traditionell durch den Hausvater erfolgte, dem in der frühen Neuzeit sowie darüber hinaus die (An-)Leitung häuslicher Andachten zufiel (Meyer 2020, 476), wie etwa auch das ein Jahrhundert später erschienene Abend- und heutige Volkslied ''Der Mond ist aufgegangen'' (ED 1779)<ref>Claudius’ Abendlied ''Der Mond ist aufgegangen'' erschien erstmals 1779 im ''Musen Almanach''.</ref> von Matthias Claudius (1740-1815) impliziert (Str. 3 und 7).
 
Das Bild vom göttlichen Beschützer in der Nacht wird in den abschließenden drei Strophen erweitert: Der Segen Gottes wird als Bettdecke metaphorisiert, die sich schützend über das schlafende Ich legen soll. Gott soll jedoch nicht nur das Ich selbst behüten, sondern, den christlichen Wertevorstellungen der Zeit folgend, auch all das, was diesem zugehörig oder wichtig ist – selbst seine Feinde: „Leib und Seele/ Muth und Blut/ Weib und Kinder/ Haab’ und Gut/ Freunde/ Feind’ und Haußgenossen/ Seyn in deinen Schutz geschlossen“ (Str. 10). Mit der Formulierung „Weib und Kinder“ wird dabei erstmals eine geschlechtliche Markierung des lyrischen Ichs angedeutet. Eine männliche Sprechinstanz erscheint insofern plausibel, als davon auszugehen ist, dass das Vorsingen von Abendliedern traditionell durch den Hausvater erfolgte, dem in der frühen Neuzeit sowie darüber hinaus die (An-)Leitung häuslicher Andachten zufiel (Meyer 2020, 476), wie etwa auch das ein Jahrhundert später erschienene Abend- und heutige Volkslied ''Der Mond ist aufgegangen'' (ED 1779)<ref>Claudius’ Abendlied ''Der Mond ist aufgegangen'' erschien erstmals 1779 im ''Musen Almanach''.</ref> von Matthias Claudius (1740-1815) impliziert (Str. 3 und 7).
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An die Wünsche für die Mitmenschen schließt sich die Bitte um Schutz vor Unheil an: Gott soll das Sprecher-Ich vor Krankheit, Krieg und Umweltkatastrophen bewahren. Wie aus der Bitte „Laß mich nicht in Sünden sterben Noch an Leib’ und Seel verderben“ (Str. 11) hervorgeht, fürchtet sich das Ich insbesondere vor einem sündvollen Tod. Beim zweiten Teil dieses Verses, der als Anspielung auf die Machenschaften des Teufels zu verstehen ist und damit einen Rückbezug zu den ersten drei Strophen herstellt, handelt es sich vermutlich um eine weitere Bibelreferenz: „VND fürchtet euch nicht fur denen/ die den Leib tödten/ vnd die Seele nicht mögen tödten. Fürchtet euch aber viel mehr fur ''dem/ der Leib vnd Seele verderben mag/ in die Helle'' [Hervorh. d. Verf.].“ (Mt 10,28)
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An die Wünsche für die Mitmenschen schließt sich die Bitte um Schutz vor Unheil an: Gott soll das Sprecher-Ich vor Krankheit, Krieg und Umweltkatastrophen bewahren. Wie aus der Bitte „Laß mich nicht in Sünden sterben Noch an Leib’ und Seel verderben“ (Str. 11) hervorgeht, fürchtet sich das Ich insbesondere vor einem sündvollen Tod. Beim zweiten Teil dieses Verses, der als Anspielung auf die Machenschaften des Teufels zu verstehen ist und damit einen Rückbezug zu den ersten drei Strophen herstellt, handelt es sich vermutlich um eine weitere Bibelreferenz: „VND fürchtet euch nicht fur denen/ die den Leib tödten/ vnd die Seele nicht mögen tödten. Fürchtet euch aber viel mehr fur ''dem/ der Leib vnd Seele verderben mag/ in die Helle'' [Hervorh. d. Verf.]“ (Mt 10,28).
Der Gebetscharakter des Liedes kommt in der letzten Strophe am stärksten zum Vorschein: „Amen/ ja/ das sol geschehen.“ (Str. 10) Indem das lyrische Ich seine bittenden Worte an Gott, Jesus und den Heiligen Geist richtet, wird der christliche Trinitätsgedanke aufgegriffen. Schlaf und Traum kommen hier zwar nicht mehr zur Sprache, jedoch spielt die Metaphorisierung des Geistes als „Hort“ auf ein (endgültiges) Ruhen des Ichs in Gott an.
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Der Gebetscharakter des Liedes kommt in der letzten Strophe am stärksten zum Vorschein: „Amen/ ja/ das sol geschehen“ (Str. 10). Indem das lyrische Ich seine bittenden Worte an Gott, Jesus und den Heiligen Geist richtet, wird der christliche Trinitätsgedanke aufgegriffen. Schlaf und Traum kommen hier zwar nicht mehr zur Sprache, jedoch spielt die Metaphorisierung des Geistes als „Hort“ auf ein (endgültiges) Ruhen des Ichs in Gott an.
    
<div style="text-align: right;">[[Autoren|Lina Saar]]</div>
 
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[[Kategorie:Rist,_Johann|Johann Rist]]
    
[[Kategorie:17. Jahrhundert]]
 
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