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Änderungen – Lexikon Traumkultur

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''La Tregua'' [Die Atempause] ist ein 1963 erstmals veröffentlichter autobiografischer Bericht des italienischen Autors Primo Levi (geb. 31. Juli 1919 in Turin, gest. 11. April 1987 ebd.). Er schildert in 17 Kapiteln die Rückkehr des Erzählers aus dem Konzentrationslager Auschwitz in seine Heimatstadt Turin. Träume spielen in diesem Text eine entscheidende Rolle für die Vermittlung seiner Erfahrungen als Shoah-Überlebender.
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''La Tregua'' (Die Atempause) ist ein 1963 erstmals veröffentlichter autobiografischer Bericht des italienischen Autors Primo Levi (geb. 31. Juli 1919 in Turin, gest. 11. April 1987 ebd.). Er schildert in 17 Kapiteln die Rückkehr des Erzählers aus dem Konzentrationslager Auschwitz in seine Heimatstadt Turin. Träume spielen in diesem Text eine entscheidende Rolle für die Vermittlung seiner Erfahrungen als Shoah-Überlebender.
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==Die Träume==
 
==Die Träume==
Der Text Levis wird in programmatischer Weise durch Träume gerahmt. Dem eigentlichen Bericht ist ein vom Autor verfasstes Gedicht als Motto vorangestellt, das die Träume der KZ-Häftlinge, die von der Rückkehr in die Normalität handeln, mit der Allgegenwart der traumatischen Erfahrung nach dem Krieg verbindet. Das Schusskapitel „Il risveglio" (Erwachen; Levi 2014, 197-201) endet mit einem immer wiederkehrenden Alptraum des Erzählers, in dem sich der neu gewonnene Alltag des Träumers als trügerische Illusion entpuppt. Das siebte Kapitel „I sognatori" (Die Träumer; Levi 2014, 85-95) hingegen hat nicht tatsächliche (Nacht-)Träume zum Thema, sondern versammelt Geschichten aus dem Leben der ehemaligen Mitgefangenen, die sich in einem unsicheren Status zwischen Faktizität, Fantasie und Wunschtraum bewegen.
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Der Text Levis wird in programmatischer Weise durch Träume gerahmt. Dem eigentlichen Bericht ist ein vom Autor verfasstes Gedicht als Motto vorangestellt, das die Träume der KZ-Häftlinge, die von der Rückkehr in die Normalität handeln, mit der Allgegenwart der traumatischen Erfahrung nach dem Krieg verbindet. Das Schusskapitel „Il risveglio" (Erwachen; LT 197-201) endet mit einem immer wiederkehrenden Alptraum des Erzählers, in dem sich der neu gewonnene Alltag des Träumers als trügerische Illusion entpuppt. Das siebte Kapitel „I sognatori" (Die Träumer; LT 85-95) hingegen hat nicht tatsächliche (Nacht-)Träume zum Thema, sondern versammelt Geschichten aus dem Leben der ehemaligen Mitgefangenen, die sich in einem unsicheren Status zwischen Faktizität, Fantasie und Wunschtraum bewegen.
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: Il comando straniero:
 
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: „Wstawać".
 
: „Wstawać".
<div style='padding-left: 120px;'>11 gennaio 1946 (Levi 2014, 1)</div>
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====Situierung====
 
====Situierung====
Das die autobiographische Erzählung eröffnende Gedicht wurde von Primo Levi während der Rückkehr nach Turin im Juli 1945 im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Eingangsgedicht zu ''Se questo è un uomo'' verfasst. Durch den zweifachen Imperativ „Wstawać“, den Befehl zum Aufstehen im Konzentrationslager Auschwitz, konstruiert Levi zum einen den thematischen und formalen Rahmen seines Berichtes (vgl. Kapser 2016, 105). Der polnische Befehl schließt auch den am Ende des Werkes erzählten Alptraum, und damit das Buch als Ganzes ab. Zum anderen wird durch dieses Wort die entscheidende Verbindung zu ''Se questo è un uomo'', Levis Erzählung aus dem Inneren des Lagers, hergestellt. Es findet sich nämlich ebenso im Zentrum des fünften Kapitels über den Bericht vom Grauen des Lageralltags: Der Abschnitt „Le nostre notti" ([Unsere Nächte] Levi 2005, 50-57) erzählt von den Bedingungen des Schlafes in den Lagerbaracken, den Alpträumen der KZ-Häftlinge und dem Befehl im Morgengrauen, mit dem die Lagerrealität unausweichlich ins Bewusstsein der Träumenden eindringt.
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Das die autobiographische Erzählung eröffnende Gedicht wurde von Primo Levi während der Rückkehr nach Turin im Juli 1945 im unmittelbaren Zusammenhang mit dem Eingangsgedicht zu ''Se questo è un uomo'' verfasst. Durch den zweifachen Imperativ „Wstawać“, den Befehl zum Aufstehen im Konzentrationslager Auschwitz, konstruiert Levi zum einen den thematischen und formalen Rahmen seines Berichtes (vgl. Kapser 2016, 105). Der polnische Befehl schließt auch den am Ende des Werkes erzählten Alptraum, und damit das Buch als Ganzes ab. Zum anderen wird durch dieses Wort die entscheidende Verbindung zu ''Se questo è un uomo'', Levis Erzählung aus dem Inneren des Lagers, hergestellt. Es findet sich nämlich ebenso im Zentrum des fünften Kapitels über den Bericht vom Grauen des Lageralltags: Der Abschnitt „Le nostre notti" (Unsere Nächte; Levi 2005, 50-57) erzählt von den Bedingungen des Schlafes in den Lagerbaracken, den Alpträumen der KZ-Häftlinge und dem Befehl im Morgengrauen, mit dem die Lagerrealität unausweichlich ins Bewusstsein der Träumenden eindringt.
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===Der Alptraum im Schlusskapitel „Il risveglio"===
 
===Der Alptraum im Schlusskapitel „Il risveglio"===
 
====Situierung====
 
====Situierung====
Das gut vier Seiten umfassende Schlusskapitel von ''La Tregua'' (Levi 2014, 197-201) setzt sich in mehrfacher Hinsicht mit der Shoah als individuellem und kollektivem Trauma auseinander. Zum einen wird, Bezug nehmend auf den Titel des Werkes, die Rückkehr als ein Aufschub, eine Atempause zwischen Lagerterror und Normalität charakterisiert. Zum anderen durchquert das autobiographische Ich hier das Land der Täter: In Deutschland stellen sich die grundsätzlichen Fragen, wer in welchem Maße von den Verbrechen Kenntnis hatte, wie sich das Erlebte vermitteln, welcher Umgang sich zwischen Tätern und Opfern finden lässt (Cannon 2001, 9). Zugleich rückt die Ankunft in der Heimat in unmittelbare Nähe – und damit schiebt sich auch die Angst in den Vordergrund, die sämtliche KZ-Häftlinge in ihren Träumen umgetrieben hatte: dass Haus und Familie verschwunden sein könnten, die Sehnsucht nach einer Welt jenseits des Lagers und einer Fortführung des früheren Lebens also keine Erfüllung findet.  
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Das gut vier Seiten umfassende Schlusskapitel von ''La Tregua'' (LT 197-201) setzt sich in mehrfacher Hinsicht mit der Shoah als individuellem und kollektivem Trauma auseinander. Zum einen wird, Bezug nehmend auf den Titel des Werkes, die Rückkehr als ein Aufschub, eine Atempause zwischen Lagerterror und Normalität charakterisiert. Zum anderen durchquert das autobiographische Ich hier das Land der Täter: In Deutschland stellen sich die grundsätzlichen Fragen, wer in welchem Maße von den Verbrechen Kenntnis hatte, wie sich das Erlebte vermitteln, welcher Umgang sich zwischen Tätern und Opfern finden lässt (Cannon 2001, 9). Zugleich rückt die Ankunft in der Heimat in unmittelbare Nähe – und damit schiebt sich auch die Angst in den Vordergrund, die sämtliche KZ-Häftlinge in ihren Träumen umgetrieben hatte: dass Haus und Familie verschwunden sein könnten, die Sehnsucht nach einer Welt jenseits des Lagers und einer Fortführung des früheren Lebens also keine Erfüllung findet.  
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Dem Alptraumbericht, der das Ende des Kapitels und damit des gesamten Buches darstellt, geht die einigermaßen geglückte Eingliederung des Erzählers in den Familienalltag voraus: Das erzählende Ich berichtet von „amici pieni di vita“ (Freunde voller Leben; Levi 2014, 200), dem Einfinden am Tisch der Familie, befriedigenden Alltagsarbeiten und der befreienden Freude des Erzählens. Dennoch wird das abendliche Zubettgehen als sich stetig wiederholender Moment des Schreckens erlebt. Auch in die Bewegungen des Körpers hat sich das Trauma eingeschrieben: Der Erzähler bewegt sich noch immer mit zum Boden gesenktem Kopf vorwärts, als suche er nach etwas Essbarem, mit dem sich der Tod für einen Moment aufschieben lässt. An diese Selbstbeobachtung schließt sich der eigentliche Traumbericht an.
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Dem Alptraumbericht, der das Ende des Kapitels und damit des gesamten Buches darstellt, geht die einigermaßen geglückte Eingliederung des Erzählers in den Familienalltag voraus: Das erzählende Ich berichtet von „amici pieni di vita“ (Freunde voller Leben; LT 200), dem Einfinden am Tisch der Familie, befriedigenden Alltagsarbeiten und der befreienden Freude des Erzählens. Dennoch wird das abendliche Zubettgehen als sich stetig wiederholender Moment des Schreckens erlebt. Auch in die Bewegungen des Körpers hat sich das Trauma eingeschrieben: Der Erzähler bewegt sich noch immer mit zum Boden gesenktem Kopf vorwärts, als suche er nach etwas Essbarem, mit dem sich der Tod für einen Moment aufschieben lässt. An diese Selbstbeobachtung schließt sich der eigentliche Traumbericht an.
          
====Beschreibung====
 
====Beschreibung====
Der Traumbericht beginnt mit einer einleitenden Reflexion, die das Erzählte eindeutig als Traum markiert: Der Alptraum wiederholt sich unablässig in unterschiedlichen Variationen („vario nei particolari“, unterschiedlich in den Details; Levi 2014, 200) und besitzt eine in sich verschachtelte Struktur („un sogno entro un altro sogno“, ein Traum im Traum; ebd.). Er weist jedoch ein identisches Muster auf („unica nella sostanza“, gleichbleibend in der Substanz; ebd.), das der Erzähler schließlich in seiner Grundstruktur wiedergibt: Der Träumende befindet sich in einer friedlichen, geradezu idyllischen Situation. Diese bricht schrittweise in sich zusammen und entpuppt sich im Verlauf des Traums als Täuschung. Die Rückkehr an den heimischen Esstisch wird mit einem Mal als unheimlich, unwirklich und brüchig erlebt. Überlagert wird sie von einem untrüglichen Wissen, das der Auflösung dieses glücklichen Szenarios vorausgeht. Hier setzt der Traum im Traum ein; das plötzliche Bewusstsein, dass die Befreiung aus dem Lager nur ein Traum oder eine Sinnestäuschung gewesen sein kann. Der Träumer sieht sich ins Lager zurückversetzt. Als eindeutigen Hinweis auf die Allgegenwart von Auschwitz vernimmt er den gefürchteten polnischen Befehl zum Aufstehen („Wstawać“), mit dem die Lagerwirklichkeit unvermittelt in den Traum einbricht.
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Der Traumbericht beginnt mit einer einleitenden Reflexion, die das Erzählte eindeutig als Traum markiert: Der Alptraum wiederholt sich unablässig in unterschiedlichen Variationen („vario nei particolari“, unterschiedlich in den Details; LT 200) und besitzt eine in sich verschachtelte Struktur („un sogno entro un altro sogno“, ein Traum im Traum; ebd.). Er weist jedoch ein identisches Muster auf („unica nella sostanza“, gleichbleibend in der Substanz; ebd.), das der Erzähler schließlich in seiner Grundstruktur wiedergibt: Der Träumende befindet sich in einer friedlichen, geradezu idyllischen Situation. Diese bricht schrittweise in sich zusammen und entpuppt sich im Verlauf des Traums als Täuschung. Die Rückkehr an den heimischen Esstisch wird mit einem Mal als unheimlich, unwirklich und brüchig erlebt. Überlagert wird sie von einem untrüglichen Wissen, das der Auflösung dieses glücklichen Szenarios vorausgeht. Hier setzt der Traum im Traum ein; das plötzliche Bewusstsein, dass die Befreiung aus dem Lager nur ein Traum oder eine Sinnestäuschung gewesen sein kann. Der Träumer sieht sich ins Lager zurückversetzt. Als eindeutigen Hinweis auf die Allgegenwart von Auschwitz vernimmt er den gefürchteten polnischen Befehl zum Aufstehen („Wstawać“), mit dem die Lagerwirklichkeit unvermittelt in den Traum einbricht.
          
====Analyse und Interpretation====
 
====Analyse und Interpretation====
Auffällig an diesem Traumbericht ist die Vermischung von Traumreflexion und Traumerzählung. Es handelt sich hier um eine iterative Traumerzählung, in der zahlreiche Variationen desselben Alptraums gleich mit enthalten sind. Auch die Konstruktion eines Traums im Traum wird vom Erzähler bereits während der Erzählung des Trauminhalts offengelegt. Mit der Differenzierung in „sogno interno“ (innerer Traum) und „sogno esterno“ (äußerer Traum; Levi 2014, 201) werden mehrere Ebenen der Traumerfahrung hierarchisch geordnet und in eine irritierte Beziehung zur Wachwirklichkeit gesetzt. Denn der innere Traum, der eindeutig als Nachttraum markiert wird, lässt sich von der unmittelbar zuvor beschriebenen Situation der Wachwelt kaum unterscheiden. Doch auch der äußere Traum, der Traum von den Schrecken des Lagers, entspricht den tatsächlichen Erfahrungen des Träumers, die in der Traumerinnerung vergegenwärtigt werden (Boulé 1995, 171). Beide Traumebenen weisen also ausschließlich Elemente auf, die der Leser bereits aus der Wachwelt des Träumers kennt. Seine besondere Wirkung erzielt der Bericht durch die spezifisch literarisch-ästhetische Dimension (vgl. Prosperi 1995, 90), die sowohl Traum-Reflexion als auch Traum-Erzählung kennzeichnen: Durch verschiedene rhetorische Gestaltungsverfahren und die schlichte Bildlichkeit werden die Scheinhaftigkeit und Instabilität des alltäglichen Erlebens eindringlich, jedoch ohne jedes Pathos in Szene gesetzt. Mehrfach verbundene Reihungen mit „oder“ bzw. „und“ sowie Einschübe der sich anbahnenden Bedrohung unterstreichen den Prozess, der die ‚heile Welt’ des Träumers zusammenbrechen lässt: Die Umgebung wird zunehmend als unwirklich erlebt. Die Normalität wirkt wie eine illusorische, artifizielle Theaterkulisse („tutto cade e si disfa [...], lo scenario, i pareti", die Umgebung, die Wände [...] weichen zurück; Levi 2014, 200), die sich angesichts der unmittelbaren Gewissheit der Lagererfahrung auflöst. Auch die Wahrnehmung von Farben und Umrissen („campagna verde“, grüne Landschaft; „nulla grigio“, graues Nichts) sowie die sinnlichen Eindrücke der Traumerfahrung („calore“, Wärme; „gelido“, eisig; „voce sommessa“, gedämpfte Stimme) verstärken das immer näher rückende Grauen, das in dem fremdsprachigen Befehl zum Aufstehen kulminiert. Der Imperativ „Wstawać" (Levi 2014, 201) steht metonymisch für den gesamten Lagerterror, in dem Erinnerung an Vergangenes und gegenwärtiges Erleben, Träumen und Wachen, Einbildung und Wirklichkeit zusammenfallen. Das mit „Erwachen“ überschriebene Kapitel endet also programmatisch mit einem Traum, dem der Erzähler nicht entkommt (Druker 2011, 63-77). Damit werden in diesem Alptraum nicht die Schrecken des Lagers selbst evoziert. Geträumt wird vielmehr, dass das Erwachen aus dem Alptraum des Lagers nur geträumt sein könnte.
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Auffällig an diesem Traumbericht ist die Vermischung von Traumreflexion und Traumerzählung. Es handelt sich hier um eine iterative Traumerzählung, in der zahlreiche Variationen desselben Alptraums gleich mit enthalten sind. Auch die Konstruktion eines Traums im Traum wird vom Erzähler bereits während der Erzählung des Trauminhalts offengelegt. Mit der Differenzierung in „sogno interno“ (innerer Traum) und „sogno esterno“ (äußerer Traum; LT 201) werden mehrere Ebenen der Traumerfahrung hierarchisch geordnet und in eine irritierte Beziehung zur Wachwirklichkeit gesetzt. Denn der innere Traum, der eindeutig als Nachttraum markiert wird, lässt sich von der unmittelbar zuvor beschriebenen Situation der Wachwelt kaum unterscheiden. Doch auch der äußere Traum, der Traum von den Schrecken des Lagers, entspricht den tatsächlichen Erfahrungen des Träumers, die in der Traumerinnerung vergegenwärtigt werden (Boulé 1995, 171). Beide Traumebenen weisen also ausschließlich Elemente auf, die der Leser bereits aus der Wachwelt des Träumers kennt.  
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Seine besondere Wirkung erzielt der Bericht durch die spezifisch literarisch-ästhetische Dimension (vgl. Prosperi 1995, 90), die sowohl Traum-Reflexion als auch Traum-Erzählung kennzeichnen: Durch verschiedene rhetorische Gestaltungsverfahren und die schlichte Bildlichkeit werden die Scheinhaftigkeit und Instabilität des alltäglichen Erlebens eindringlich, jedoch ohne jedes Pathos in Szene gesetzt. Mehrfach verbundene Reihungen mit „oder“ bzw. „und“ sowie Einschübe der sich anbahnenden Bedrohung unterstreichen den Prozess, der die ‚heile Welt’ des Träumers zusammenbrechen lässt: Die Umgebung wird zunehmend als unwirklich erlebt. Die Normalität wirkt wie eine illusorische, artifizielle Theaterkulisse („tutto cade e si disfa [...], lo scenario, i pareti", die Umgebung, die Wände [...] weichen zurück; LT 200), die sich angesichts der unmittelbaren Gewissheit der Lagererfahrung auflöst. Auch die Wahrnehmung von Farben und Umrissen („campagna verde“, grüne Landschaft; „nulla grigio“, graues Nichts) sowie die sinnlichen Eindrücke der Traumerfahrung („calore“, Wärme; „gelido“, eisig; „voce sommessa“, gedämpfte Stimme) verstärken das immer näher rückende Grauen, das in dem fremdsprachigen Befehl zum Aufstehen kulminiert. Der Imperativ „Wstawać" (LT 201) steht metonymisch für den gesamten Lagerterror, in dem Erinnerung an Vergangenes und gegenwärtiges Erleben, Träumen und Wachen, Einbildung und Wirklichkeit zusammenfallen.  
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Das mit „Erwachen“ überschriebene Kapitel endet also programmatisch mit einem Traum, dem der Erzähler nicht entkommt (Druker 2011, 63-77). Damit werden in diesem Alptraum nicht die Schrecken des Lagers selbst evoziert. Geträumt wird vielmehr, dass das Erwachen aus dem Alptraum des Lagers nur geträumt sein könnte.
          
==Einordnung==
 
==Einordnung==
Mittels der in ''La Tregua'' thematisierten Träume zeigt Primo Levi paradigmatisch auf, wie sich für das traumatisierte Individuum die Wahrnehmung von Traum und Wirklichkeit verkehren. Die Erfahrung der Shoah hat sich derart in das Bewusstsein des Überlebenden eingegraben, dass sich vergangene Erfahrung, erlebte Gegenwart und bevorstehende Zukunft nicht voneinander trennen lassen. Im Traum werden sowohl die zeitlichen als auch die räumlichen Grenzen aufgehoben; sie weichen einem leiblich erfahrenen, überzeitlichen und omnipräsenten Wissen („io so [...] ed anche so di averlo siempre saputo“ [weiß ich [...], und weiß auch, dass ich es immer gewusst habe] (Kursivierung im Original)). Damit bringt der „Traum ein Wissen über die Konzentrationslager zum Ausdruck [...], das über die bewusste Gedächtnisarbeit hinausgeht“ (Nickenig 2011, 288). Das Grauen des Lagers erweist sich als die einzige unhintergehbare Realität des Träumers. Auf dem Grund dieser Erfahrung wird die Nachkriegswirklichkeit als irreal und traumhaft erlebt. Der prekäre Status dieser Normalität innerhalb der Wachwelt bildet eine ständige Bedrohung und damit für den Überlebenden den eigentlichen Alptraum, weil er „die Evidenz von Wirklichkeit grundsätzlich in Frage stellt“ (Nickenig 2011, 287).
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Mittels der in ''La Tregua'' thematisierten Träume zeigt Primo Levi paradigmatisch auf, wie sich für das traumatisierte Individuum die Wahrnehmung von Traum und Wirklichkeit verkehren. Die Erfahrung der Shoah hat sich derart in das Bewusstsein des Überlebenden eingegraben, dass sich vergangene Erfahrung, erlebte Gegenwart und bevorstehende Zukunft nicht voneinander trennen lassen. Im Traum werden sowohl die zeitlichen als auch die räumlichen Grenzen aufgehoben; sie weichen einem leiblich erfahrenen, überzeitlichen und omnipräsenten Wissen („io so [...] ed anche so di averlo siempre saputo“, weiß ich [...], und weiß auch, dass ich es immer gewusst habe). Damit bringt der „Traum ein Wissen über die Konzentrationslager zum Ausdruck [...], das über die bewusste Gedächtnisarbeit hinausgeht“ (Nickenig 2011, 288). Das Grauen des Lagers erweist sich als die einzige unhintergehbare Realität des Träumers. Auf dem Grund dieser Erfahrung wird die Nachkriegswirklichkeit als irreal und traumhaft erlebt. Der prekäre Status dieser Normalität innerhalb der Wachwelt bildet eine ständige Bedrohung und damit für den Überlebenden den eigentlichen Alptraum, weil er „die Evidenz von Wirklichkeit grundsätzlich in Frage stellt“ (Nickenig 2011, 287).
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* Levi, Primo: La tregua [1963]. Torino: Einaudi 2014.
 
* Levi, Primo: La tregua [1963]. Torino: Einaudi 2014.
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(= zitierte Ausgabe)
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(= zitierte Ausgabe; zitiert als: LT)
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* Levi, Primo: Die Atempause. übers. von Barbara und Robert Picht. München: Hanser 1988.
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* Levi, Primo: Die Atempause. Übers. von Barbara und Robert Picht. München: Hanser 1988.
    
(= deutsche Übersetzung)
 
(= deutsche Übersetzung)
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===Forschungsliteratur===
 
===Forschungsliteratur===
* Amsellem, Daniela: Images littéraires et figures mythiques dans l’oeuvre de Primo Levi. In: Chroniques italiennes 31-32 (1992), 7-26, 7-11.
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* Amsellem, Daniela: Images littéraires et figures mythiques dans l’oeuvre de Primo Levi. In: Chroniques italiennes 31 u. 32 (1992), 7-26 u. 7-11.
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* Belpoliti, Marco (Hg.): Primo Levi: conversazioni e interviste 1963 - 1987. Torino: Einaudi 1997.
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* Belpoliti, Marco (Hg.): Primo Levi: conversazioni e interviste 1963-1987. Torino: Einaudi 1997.
    
* Boulé, Anne: ''La Tregua'' ou l’infini retour. In: La Licorne 33 (1995), 155-172.
 
* Boulé, Anne: ''La Tregua'' ou l’infini retour. In: La Licorne 33 (1995), 155-172.
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* Cannon, JoAnn: Storytelling and the Picaresque in Levi’s ''La Tregua''. In: Modern Language Studies 31 (2001), 1-10.
 
* Cannon, JoAnn: Storytelling and the Picaresque in Levi’s ''La Tregua''. In: Modern Language Studies 31 (2001), 1-10.
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* Druker, Jonathan: Trauma and Latency in Primo Levi’s ''The Reawakening''. In: Sodi, Risa / Marcus, Millicent (Hg.): New Reflections on Primo Levi: Before and After Auschwitz. New York: Palgrave Macmillan, 63-77.
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* Druker, Jonathan: Trauma and Latency in Primo Levi’s ''The Reawakening''. In: Risa Sodi/Millicent Marcus (Hg.): New Reflections on Primo Levi. Before and After Auschwitz. New York: Macmillan, 63-77.
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* Farell, Joseph (Hg.): Primo Levi: The Austere Humanist. Oxford: Peter Lang 2004.
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* Farell, Joseph (Hg.): Primo Levi. The Austere Humanist. Oxford: Lang 2004.
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* Gordon, Robert S. C. (Hg.): The Cambridge Companion to Primo Levi. Cambridge: Cambridge University Press 2007.
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* Gordon, Robert S.C. (Hg.): The Cambridge Companion to Primo Levi. Cambridge: Cambridge UP 2007.
    
* Kasper, Judith: Der traumatisierte Raum. Insistenz, Inschrift, Montage bei Freud, Levi, Kertész, Sebald und Dante, Berlin: de Gruyter 2016.
 
* Kasper, Judith: Der traumatisierte Raum. Insistenz, Inschrift, Montage bei Freud, Levi, Kertész, Sebald und Dante, Berlin: de Gruyter 2016.
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* Nickenig, Annika: "Arrach[é] au rêve de la vie". Häftlingsträume und Lagertrauma in literarischen Texten über die Shoah (Levi, Antelme, Semprun). In: Goumegou, Susanne/ Guthmüller, Marie (Hg.): Traumwissen und Traumpoetik. Onirische Schreibweisen von der literarischen Moderne bis zur Gegenwart. Würzburg: Königshausen und Neumann 2011, 285-300.
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* Nickenig, Annika: "Arrach[é] au rêve de la vie". Häftlingsträume und Lagertrauma in literarischen Texten über die Shoah (Levi, Antelme, Semprun). In: Susanne Goumegou/Marie Guthmüller (Hg.): Traumwissen und Traumpoetik. Onirische Schreibweisen von der literarischen Moderne bis zur Gegenwart. Würzburg: Königshausen und Neumann 2011, 285-300.
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* Ferrero, Ernesto (Hg.): Primo Levi: un'antologia della critica. Turin: Einaudi 1997.
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* Ferrero, Ernesto (Hg.): Primo Levi. Un'antologia della critica. Turin: Einaudi 1997.
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* Prosperi, Carlo: La gioa liberatrice del raccontare: una lettura de ''La Tragua'' di Primo Levi. In: Ioli, Giovanna (Hg.) Primo Levi: Memoria e invenzione; atti del convegno internazionale, San Salvatore Monferrato, 26 - 27 - 28 settembre 1991. San Salvatore Monferrto: Ed. della Biennale "Piemonte e Letteratura" 1995, 85-101.
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* Prosperi, Carlo: La gioa liberatrice del raccontare: una lettura de ''La Tragua'' di Primo Levi. In: Giovanna Ioli (Hg.) Primo Levi: Memoria e invenzione; atti del convegno internazionale, San Salvatore Monferrato, 26-27-28 settembre 1991. San Salvatore Monferrto: Ed. della Biennale "Piemonte e Letteratura" 1995, 85-101.
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* Poli, Gabriella und Calcagno, Giorgio (Hg.): Echi di una voce perduta: Incontri, interviste e conversazioni con Primo Levi. Milano: Mursia 1992.
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* Poli, Gabriella und Calcagno, Giorgio (Hg.): Echi di una voce perduta. Incontri, interviste e conversazioni con Primo Levi. Milano: Mursia 1992.
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* Sossi, Federica: L’oblio del ricordo. La scrittura sognata di Primo Levi. In: Nuova corrente XLVII (2000), 227-244.
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* Sossi, Federica: L’oblio del ricordo. La scrittura sognata di Primo Levi. In: Nuova corrente 47 (2000), 227-244.
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[http://www.primolevi.it Centro internazionale di studi]
 
[http://www.primolevi.it Centro internazionale di studi]
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[[Kategorie:20._Jahrhundert]]
 
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[[Kategorie:Nachkriegszeit]]
 
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[[Kategorie: Shoah]]

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