"Marianne Dreams" (Catherine Storr)

Aus Lexikon Traumkultur

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Marianne Dreams, engl. Erstausgabe

Marianne Dreams ist ein 1958 erschienener Jugendroman der englischen Autorin Catherine Storr (1913-2001). Der Roman zählt zu den erfolgreichsten Werken der Autorin und wurde mehrfach adaptiert, etwa für die ITV-Fernsehserie Escape into Night (1972) sowie den Horrorfilm Paperhouse (Bernhard Rose, 1988). Zudem entstanden zahlreiche Theater- und Radio-Produktionen sowie eine im Jahr 2004 in London uraufgeführte, von Andrew Lowe-Watson vertonte gleichnamige Oper, für die Catherine Storr im Jahr 1999 das Libretto schrieb (S. Schuler 2004). Unter dem Titel Marianne and Mark erschien im Jahr 1960 ein Sequel, das jedoch nicht an den Erfolg des Romans anknüpfen konnte.

Catherine Storr

Die ausgebildete Literaturwissenschaftlerin und Psychiaterin verfasste zahlreiche kinder- und jugendliterarische Texte, aber auch einige Werke für eine erwachsene Leserschaft. Sie wurde am 21. Juli 1913 in London geboren und studierte in Cambridge englische Literatur, Medizin und Psychiatrie. Nachdem sie 15 Jahre lang als Psychiaterin in London tätig war, wechselte sie ins Verlagswesen und nahm bei Penguin Books eine Herausgeberinnentätigkeit auf. In dieser Zeit begann sie, eigene literarische Werke zu verfassen. Sie schrieb über 30 kinder- und jugendliterarische Erzählungen sowie einige Romane für erwachsene Lesende. Zu ihren erfolgreichsten Texten zählen Clever Polly and the Stupid Wolf (1955) und Marianne Dreams (1958). Mit ihrem ersten Ehemann, dem Schriftsteller und Psychiater Anthony Storr, hatte sie drei Kinder, für die sie ihre ersten kinderliterarischen Texte schrieb. Während sie an Marianne Dreams schrieb, hatte sie gemäß eigenen Angaben ihre älteste Tochter im Sinn. Catherine Storr verstarb im Alter von 87 Jahren, am 6. Januar 2001 in London (S. Eccleshare 2001).


Inhalt und Aufbau

Die Erzählung beginnt mit dem 10. Geburtstag der Protagonistin Marianne. An diesem Tag wird sie von einer ernsten Krankheit erfasst, sodass sie die kommenden Wochen, über die sich die Erzählung erstreckt, im Bett zubringen muss. Während sie auf den Arzt wartet, findet sie im Nähkästchen ihrer Großmutter einen alten Bleistift, mit dem sie ein Haus nebst Landschaft zeichnet. In der folgenden Nacht träumt sie von diesem Ort. Sie nähert sich aus einiger Entfernung dem Haus an und verspürt einen großen Drang, hinein zu gelangen, da sie sich außerhalb des Hauses unsicher fühlt. Doch das Haus ist leer:

“Why isn’t there someone in the house?” she cried to the empty world around her. “Put someone there,” a silent answer said. “How can I?” Marianne protested.“How can I put someone in the house? I can’t get in myself! And I’ve got to get in!” “I’ve got to get in!” she heard herself say, and the words woke her up. (MD 13 f.)

Im Laufe des folgenden Tages erkennt sie, dass sie im Traum ihr Bild erkundet hat und dass sie nicht in das Haus gelangen konnte, da Details wie Klingel und Türklinke auf der Zeichnung fehlen. Diese ergänzt sie, ebenso wie den Kopf und die Schultern eines Jungen in einem der Fenster, um sicherzustellen, dass ihr jemand öffnen könnte, sofern sie erneut von diesem Ort träumen sollte:

“I almost wish I would dream the same dream again, so that I could get inside and see what the house is like.“ (MD 17)

Storr greift mit der Vorstellung eines wiederkehrenden Traums die schon im 17. Jahrhundert von Blaise Pascal (1623-1662) artikulierte und auch von anderen kinderliterarischen Autor:innen wie etwa Paul Maar verwendete Idee eines Traums, der jede Nacht aufs neue geträumt werden kann auf.1 Ästhetisiert wird demnach ein serielles Träumen, das es der Figur erlaubt, das tagsüber gezeichnete Traumsetting nachts zu erkunden. Die Verschränkung der beiden Bewusstseinszustände wird Marianne immer schneller bewusst. Interessanterweise besitzt Marianne die mit luzidem Träumen üblicherweise verbundenen Fähigkeiten nur während ihrer wachen künstlerischen Aktivitäten. In ihren Träumen hat sie keinen Einfluss auf das Traumsetting, die erträumten Figuren oder Begebenheiten, sodass sie die mit ihrer unbenannten Krankheit verbundene Passivität auch in ihren seriellen Träumen erlebt. Mit dieser Konstellation lenkt Storr den Fokus auf die Zustände der Ungewissheit und der Einsamkeit, die sowohl das Onirische als auch das Pathologische betreffen.

Da die Verbindung von Zeichnung und Traumsetting bzw. Zeichnen und Träumen auf die Künstlichkeit literarischer (Traum-)Erzählungen übertragbar sind, kommt in der künstlerischen Aktivität auch eine Selbstreferenzialität zum Ausdruck. Enggeführt werden auf diese Weise die Figuren des Kindes, des/der Künstler:in und Erkrankten. Mariannes Motivation für das tägliche Zeichnen oszilliert zwischen Pragmatismus, um das Traumsetting angenehmer zu gestalten und ästhetischem Spiel, das im Sinne eines freien Assoziierens dem Bild auch die im Wachen unterdrückten, unerwünschten Gefühle einschreibt. So finden die vielfältigen, etwa im Gespräch mit ihrer Hauslehrerin demonstrativ verschwiegenen Gefühlsregungen im Zuge der stetigen Überarbeitung und Erweiterung einen Weg in ihre Zeichnung und folglich auch in ihre Träume. Hier wird sie mit den Auswirkungen dieser Regungen konfrontiert, wenn sie z. B. bemerkt, dass die um das Haus stehenden Steine plötzlich Augen aufweisen und eine bedrohliche Aura ausstrahlen. Eine dramatische Zuspitzung erfährt die Wechselwirkung zwischen täglicher künstlerischer Betätigung und nächtlicher Erkundung der Zeichnung durch den Umstand, dass sie dasjenige, was sie mit dem magischen Bleistift zeichnet, nicht ausradieren bzw. ungeschehen machen kann. Die auf diese Weise kreierte logische Struktur wird immer wieder brüchig, etwa wenn Marianne tagsüber im Zwiegespräch mit verschiedenen Persönlichkeitsanteilen ihrer selbst darüber sinniert, ob der von ihr gezeichnete und sich als ein weiterer Patient bzw. Schüler ihrer Hauslehrerin entpuppende Junge mit Namen Mark, sich auch an diesem Ort aufhält, wenn sie wach ist, oder er sie darum bittet, in ihrem Traum mit dem magischen Stift zeichnen und somit Einfluss auf das Traumsetting nehmen zu dürfen. Zentral ist demnach die Frage nach der Bedeutung von Träumen und der Auswirkung von Traumhandlungen auf das wache Leben. Abgesehen von existenzial-philosophischen Fragen gelangen auch intertextuelle Verweise zu Darstellung, lässt sich doch Marks Äußerung:

“You’ll be saying next that I’m just part of your dream and if you chose not to draw me or dream about me, I wouldn’t be anywhere at all.“ (MD 56 f.)

unmittelbar auf Alices im Spiegelland geführte Unterhaltung mit Tweedledee and Tweedledum übertragen, in der ihr suggeriert wird, sie sei lediglich “a sort of thing” im Traum des Roten Königs (S. Carroll 2015, 167).

Die Betonung von (existenzial-)philosophischen Themen hat dieser Text mit anderen literarischen Krankheitserzählungen gemein, da sich Marianne aufgrund ihrer Versehrtheit zu ihrem plötzlich als fremd und anders wahrgenommenen unversehrten Umfeld neu positionieren muss (S. Schäfer 2016). Ihre diesbezügliche Unsicherheit kommt etwa darin zum Ausdruck, dass sie sich als „queer and unreal“ (MD 4) beschreibt. Die anfänglichen Streitgespräche mit dem erkrankten Jungen im seriellen Traum können demnach auf eine sich zunächst als problematisch gestaltende Auseinandersetzung mit ihrer Krankheit bezogen werden. Parallel zu ihrem Genesungsprozess im wachen Erleben, unterstützt sie in ihren Träumen Mark bei dessen Genesung und verlässt schließlich gemeinsam mit ihm das Haus.

Die Verbindung der beiden Figuren ist von einem Abhängigkeitsverhältnis geprägt, das zunächst nur Marianne wahrnimmt. Denn im Unterschied zu ihr, ist sich Mark keiner zweiten Daseinsebene bewusst. Er kann nicht sagen, seit wann und warum er sich in dem zunächst geisterhaften Haus befindet. Seine primäre Intension besteht darin, diesen in seinen Augen unsicheren Ort zu verlassen. Die Ungewissheit seiner Situation erfährt dadurch eine Reduktion, dass Marianne weiß woran er leidet und sich mit ihrem Arzt darüber austauscht, wie einem Kind, das an Polio leidet, am besten geholfen werden kann. Er erklärt ihr, dass Fahrradfahren ein probates Mittel sei, um den Heilungsprozess zu beschleunigen. Marianne zeichnet sodann ein Fahrrad in eines der Zimmer und hilft Mark im Traum dabei, es zu besteigen. Die motorischen Einschränkungen, die sie selbst im Wachen erlebt, werden in ihrem seriellen Traum nicht erwähnt. Hier kann sie sich frei bewegen und Mark bei seinem Heilungsprozess unterstützen. Mit Hilfe von Fahrrädern ist es den beiden Kindern möglich, noch rechtzeitig vor den immer bedrohlicher werdenden, mit Augen versehenen Steinen zu fliehen. Ihre Flucht führt sie zu einem Leuchtturm, den Marianne in den Hintergrund des Bildes gezeichnet hat und nun stetig mit Unterhaltungsutensilien und Lebensmitteln anreichert. Als ihr Zeichenblock nahezu voll ist und sich die Kinder allmählich langweilen, beschließen sie, auch diesen Ort zu verlassen. Mark schlägt vor, dass Marianne einen Hubschrauber zeichnen sollte, der sie mitnimmt, doch dies übersteigt ihre kreativen Fähigkeiten. Als er sie daraufhin im Traum darum bittet, mit ihrem magischen Bleistift zeichnen zu dürfen, stellt sich für Marianne erneut die Frage nach der logischen Verbindung beider Ebenen, was sie Mark gegenüber wie folgt darlegt:

“what I draw with it comes true here. You came because I drew you. If I gave you the pencil perhaps I wouldn’t be here myself.” (MD 168)

Nachdem ihr ihre Mutter am Folgetag offenbart, dass sie mit ihr ans Meer fahren wird, um den Heilungsprozess abzuschließen, übergibt Marianne den ins Bild gezeichneten magischen Bleistift im folgenden Traum an Mark, der nun seinerseits Bedenken äußert:

“But if I take your pencil, perhaps you won’t be able to get back here.” “I don’t want to get back. I want to get out, like you.” “Yes, I know, but you’ve got to get back here so that you can get out. I mean, if you just stay away in what you call real life, you’ll never know whether you’re really not still here. Not free. See what I mean?” “Yes. But in my real life I am free, and I’m going to the sea,” Marianne said. (MD 173)

Als Mark in Mariannes Traum schließlich mit ihrem magischen Bleistift an einem eigenen Bild arbeitet, während Marianne das Meer beobachtet, einschläft und darüber aufwacht, entsteht eine spannende Wendung, denn nun ist es eine Figur in ihrem Traum, die das Setting ihrer Träume beeinflusst bzw. zum Regisseur und zur Hauptfigur einer eigenen Traum-Serie wird. Marianne ist es in den folgenden Nächten nicht mehr möglich, zu diesem Ort zurückzukehren. Erst in der Nacht vor ihrer Abreise gelingt ihr dies; doch nun ist sie ganz alleine im Leuchtturm, wo sie ein Gemälde und einige Zeilen von Mark vorfindet. Er lässt sie wissen, dass er mit dem gezeichneten Hubschrauber fortgeflogen ist und zurückkehren wird, um sie abzuholen. Obwohl die Ungewissheit dieser Situation durchaus beängstigend wirken könnte, stimmt Marianne diese Nachricht optimistisch. Mit diesem Bild endet die Erzählung. Im Unterschied zu zahlreichen fantastischen kinderliterarischen Traumerzählungen, die mit dem Prozess des Einschlafens beginnen und mit dem Erwachen enden, um die fantastischen Elemente der Erzählung zu legitimieren, endet Storrs Erzählung nicht mit einer Heimkehr, sondern in einem Traum, mit einem angedeuteten Aufbruch in ungewisse Fremde. Durch die Ohnmacht, die Marianne aufgrund der Weitergabe des magischen Stifts in ihrem Traum erfährt, wird die Möglichkeit nahegelegt, dass ihr Heilungsverlauf nicht glückt und sie nicht mehr erwachen wird. Storr zeigt demnach keine einfache Lösung für das ambivalente Verhältnis von wachem und traumhaftem Erleben auf, sondern gibt die Frage nach der Deutung des Geschehens durch das offene Ende an die Leserschaft weiter. So erfährt der Traum hier keine Rationalisierung, sondern entspricht auch in der künstlerischen Ausgestaltung einem höchst ambivalenten Phänomen.

Zur erträumten Behausung/Zeichnung

Das in ihrem seriellen Traum erkundete und tagsüber stetig überarbeitete und erweiterte Haus weist zunächst nur eine Fassade auf. Erst nach und nach wird der Innenraum erschlossen, wobei der Fokus auf bestimmte Räume gerichtet wird. Beispielsweise gibt es keine Küche, sondern lediglich einen am ehesten als Schlaf- bzw. Kinderzimmer identifizierbaren Raum, ein Treppenhaus sowie einen Keller. Storr setzt mit dieser Gewichtung die kindliche Perspektive bzw. Raumwahrnehmung ins Bild, da der familiären Gemeinschaft vorbehaltene Orte, wie Küche oder Wohnzimmer, hier keine Bedeutung beigemessen wird. Auch wenn Marianne und Mark gemeinsam essen, oder Kartenspielen, tun sie dies stets in Marks Schlafzimmer, was allerdings auch seiner eingeschränkten Bewegungsfreiheit geschuldet sein mag. In dieser Darstellung gelangt demnach sowohl eine Ermächtigungsfantasie als auch eine Notsituation zum Ausdruck. Da erwachsene Instanzen abwesend sind, sind die Kinder auf sich alleine gestellt. Wenn sie hungrig sind, zeichnet Marianne im nächsten Tag Lebensmittel in den Bildraum, die sich im seriellen Traum als unerschöpflich entpuppen. Auf metaphorischer Ebene lässt sich das gezeichnete Haus als Visualisierung eines Krankheitszustandes bzw. erkrankten Körpers lesen. Der Umstand, dass Marianne die Zeichnung ausgerechnet in dem Moment beginnt, als sie auf ihren Arzt wartet, der ihrem aktuellen, ungewissen Zustand bzw. Leiden ein Ende bereiten könnte, erscheint aufschlussreich, wird doch das mit ihrer Krankheit in Verbindung stehende Haus auf diese Weise als Symbol des Leidens und der unbenannten Krankheit lesbar. Gleichzeitig kann es auf den erkrankten Körper bezogen werden, der seine Funktion als verlässliche und funktionstüchtige Behausung verloren hat, sodass sich die Figur einen neuen Raum schafft, den sie nach Belieben ausstatten kann und den sie unbedingt erkunden möchte. Die Zustände des Träumens und der Erkrankung werden auch darüber miteinander verbunden, dass Marianne ein anderes erkranktes Kind in dieses Haus platziert, das sich nichts sehnlicher wünscht als diesen in seinen Augen unsicheren Ort bzw. Zustand zu verlassen. Im künstlerischen Prozess des Zeichnens werden die beiden Handlungsstränge des wachen und traumhaften Erlebens miteinander verbunden. Das essenzielle Verbindungsglied zwischen den beiden Bewusstseinsebenen ist der magische Bleistift, den Marianne in der Hand hält als sie sich wünscht, erneut von ihrem Bild zu träumen. Auch erkennt sie, dass sie sich immer dann in ihre Zeichnung hineinträumen kann, wenn sie tagsüber an dem Bild gearbeitet hat. Als sie sich über Mark ärgert und einige Tage nicht an dem Bild zeichnet, kehrt sie auch nicht zu ihrem Traum zurück, sondern erleidet einen Angsttraum, in dem sie mit ihrer körperlichen Schwäche konfrontiert wird:

„She dreamed that she was lame and couldn’t walk without a crutch. It was terribly important to get somewhere in time, an appointment, a train to catch, she wasn’t sure what, but she couldn’t hurry because she had lost her crutch and though she looked everywhere for it, she couldn’t find it and the time was getting shorter and shorter. She woke out of breath and anxious,…“ (MD 68)

Während dieser Traum einem Fiebertraum entspricht, ist die um ihre Zeichnung kreisende Traum-Serie als Wunsch- und Sehnsuchts- aber auch als Fluchttraum lesbar. Das gezeichnete Haus wird unmittelbar mit ihren unartikulierten Wünschen verbunden, etwa wenn es heißt:

„She didn’t just go to sleep – she dropped thousands of feet into sleep, with the rapidity and soundless perfection of a gannet’s dive. It was completely satisfying and quite inescapable. At once she was in the house.“ (MD 70)

Das von ihr geschaffene Traumsetting ist sowohl befriedigend als auch einengend, womit die kindliche Sehnsucht und die Ohnmacht im Angesicht der Krankheit aber auch des Träumens zur Darstellung gelangen.

Interpretation

Der Umstand, dass die Krankheit, an der Marianne leidet, an keiner Stelle eine Diagnose erfährt, trägt dazu bei, den Spannungsbogen aufrecht zu erhalten. Auf diese Weise bleiben die Ungewissheiten, die mit dem Zustand der Krankheit verbunden sind und die ebenso in der nächtlichen Erkundung ihrer Zeichnung zur Darstellung gelangen, über die gesamte Erzählung hinweg präsent. Enggeführt werden die Zustände der Rekonvaleszenz und des Träumens auch mit jenem der Adoleszenz. Auch in diesem Zwischenstadium fehlt es an Orientierung, was die Figur wie folgt zum Ausdruck bringt: „It’s neither one thing nor the other, not being well and not being ill, and I hate it.“ (MD 141) In einem Vortrag zum Thema Horror und Angst in kinder- und jugendliterarischen Werken hat Storr ausgeführt, dass die fantastische Literatur dazu prädestiniert sei, die paradoxen und mitunter beängstigenden Gefühle im Angesicht der Aufgabe, erwachsen zu werden, zu veranschaulichen. Durch die unmittelbare Verbindung ihrer Zeichnung zu ihren seriellen Träumen wird Marianne mit den im Wachen verdrängten und im Traum verdichteten ambivalenten Gefühlen, wie etwa Ungeduld, Missgunst und Eifersucht konfrontiert. Gleichzeitig erfährt sie eine Ermächtigung durch den magischen Bleistift, sodass sie sich in ihren Träumen, etwa im Streitgespräch mit Mark, der nicht einsieht, dass es noch eine andere, wache Realitätsebene gibt, Omnipotenzfantasien hingibt, die auf den Konstruktionscharakter des erträumten Hauses bezogen sind:

„I will show you. First of all I’ll rub you out so I never have to see you again, and then I’ll scribble over the whole house so it’s dark all the time and you’ll never get out, and then I’ll stop dreaming about you and you’ll die! You’ll be dead if I won’t dream about you, and I won’t! There won’t be any house and there won’t be any you and then perhaps you’ll believe me.“ (MD 58)

Im hellen Licht des Tages bereut sie ihren nächtlichen Wutausbruch und sinniert über die möglichen Auswirkungen ihrer künstlerischen Aktivitäten auf Marks Leben, dessen Zustand sich verschlechtert nachdem sie im Traum gestritten haben. Eine psychoanalytische oder tiefenpsychologische Analyse des Romans erscheint daher durchaus naheliegend, ebenso wie eine vergleichende Analyse, die solche Texte berücksichtigt, auf die die intertextuellen Verweise Bezug nehmen.

Auch für raumtheoretische Analysen bietet die Erzählung ein reichhaltiges Potenzial. Insbesondere Theorien, die von einem anthropologischen Raumverständnis geleitet sind wie Birgit Haupts Kategorien des gestimmten Raums, Wahrnehmungs- und Erfahrungsraums, oder Ulf Abrahams Konzepts des „elementar Poetischen“ in Raumkonzepten der fantastischen Kinder- und Jugendliteratur erweisen sich als fruchtbar. Abrahams Annahme, der Mensch sei „ein Orte schaffendes, Räume gestaltendes und seine Wünsche und Ängste auf sie projizierendes Wesen“ (S. Abraham 314) wird in Storrs Erzählung durch das Traumsetting ästhetisch ausgestaltet. Die Annahme, dass jede Bewegung im Raum Ausdruck einer Entwicklungsaufgabe sei, findet ebenfalls eine Bestätigung. Bemerkenswert ist jedoch der Umstand, dass die Protagonistin über nahezu die gesamte Erzähldauer hinweg im Bett liegt. Die Bewegung findet demnach lediglich im Geiste bzw. der Traumsphäre statt. Doch entspricht diese Darstellung keineswegs dem Klischee eskapistischen Traumerzählungen, das dem Gros kinderliterarischer Traumreisen (wie etwa den Alice-Texten oder Peterchens Mondfahrt) anhängt, da die träumende Protagonistin den Ort ihres seriellen Traumes zunehmend als bedrohlich und einengend erfährt. Eine durch psychologische oder philosophische Überlegungen erweiterte transdisziplinäre, Raumanalyse, etwa unter Bezugnahme auf Foucaults Überwachen und Strafen oder Funkes Ausführungen in Die Dritte Haut zur psychosozialen Bedeutung von Behausungen, die er als Abbild der seelischen Struktur wahrnimmt (s. Funke 87), scheint daher ebenso ergiebig. Aufschlussreich sind zudem Motivgeschichtliche Analyse, die die Bedeutung der erträumten Behausung(en) fokussieren, oder die ambivalente kindlich/adoleszente Wahrnehmung, die im Verhältnis von wacher künstlerischer Aktivität und nächtlichem Träumen zur Darstellung gelangt:

„She couldn’t remember why she had been so sure then that she was dreaming. Now it seemed to her that this house, this time, this boy, were as real as anything she had ever known, and yet she knew also that there was another life, an ordinary life, which went on at the same time as this one, but in a different place, and with different people, and that she belonged to both lives and both belonged to her.” (MD 75)

Auch die Sphären von Tag und Nacht bzw. Helligkeit und Dunkelheit sind auf erstaunliche Weise ausgestaltet. Sobald Marianne den magischen Stift in die Zeichnung integriert und nun im Traum vorfindet, ist es dort nicht mehr dunkel. In sämtlichen Träumen der Traumserie, mit Ausnahme der letzten beiden Träume, herrscht Dunkelheit. In ihrem finalen Traum, mit dem die Erzählung endet, ist es sonnig und friedlich. Die Veränderung, die durch die Integration des magischen Stifts in die Traumsphäre erfolgt, macht sich demnach auch in der Gestaltung der im Traum herrschenden Tageszeit bemerkbar.

Storr kreiert mit dieser jugendliterarischen Traumerzählung keinen in sich geschlossenen, kohärenten Text, sondern vermittelt durch das offene Ende einen Eindruck von den Ungewissheiten und ambivalenten Gefühlen, die das wache und traumhafte Erleben der Hauptfigur beeinflussen. Die für ihr Werk charakteristische doppelsinnige Erzählweise, die sie auch in Erzählungen für sehr junge Lesende, etwa Polly and the Giant’s Bride verwendet, eröffnet mehrere Deutungsmöglichkeiten des Geschilderten, sodass die literarästhetische Inszenierung des Traums hier keine Reduktion (etwa auf die Funktion der Legitimierung fantastischer Ereignisse) erfährt, sondern viel eher die Hybridität und Ambivalenz der Traumsphäre zur Darstellung bringt, die das Phänomen auch im wissenschaftlichen Diskurs auszeichnen.

Ausgaben

• Carroll, Lewis: Through the Looking-Glass and What Alice Found There. London: MacMillan 2015.

• Storr, Catherine: Clever Polly and the Stupid Wolf. London: Puffin 2015.

• Storr, Catherine: Marianne Dreams. London: Faber & Faber 2006 (zitierte Ausgabe).

• Storr, Catherine: Marianne Dreams. London: Faber & Faber 2014. [1958]

• Storr, Catherine: Marianne and Mark. London: Faber & Faber 1960.

• Storr, Catherine: Marianne träumt. Übersetzt von Christa Mitscha-Märheim. München: C. Bertelsmann 2002.


Verfilmungen

• Escape into Night. ITV, 1972

• Paperhouse. Bernhard Rose, 1988


Opern-Inszenierung

Marianne Dreams, Andrew Lowe-Watson (Musik) Catherine Storr (Libretto) 2004


Forschungsliteratur

• Abraham, Ulf: Bedeutende Räume. Elementar-Poetisches in Raumkonzepten der fantastischen Kinder- und Jugendliteratur. In: Caroline Roeder (Hrsg.): Topographien der Kindheit. Literarische, mediale und interdisziplinäre Perspektiven auf Orts- und Raum-konstruktionen. Bielefeld: Transcript, 2014, S. 313-328.

• Eccleshare, Julia: Catherine Storr. Author who wrote children's books now deemed classics. The Guardian (11.01.2001). URL: https://www.theguardian.com/news/2001/jan/11/guardianobituaries.books (Letzte Konsultation: 21.09.2021)

• Foucault, Michel: Überwachen und Strafen. Die Geburt des Gefängnisses. 20. Aufl., Frankfurt am Main: Suhrkamp 2017.

• Funke, Dieter: Die dritte Haut. Psychoanalyse des Wohnens. Gießen: Psychosozial-Verlag 2006, S. 13-16 und 83-134.

• Haupt, Birgit: Zur Analyse des Raums, in: Peter Wenzel (Hrsg.): Einführung in die Erzähltextanalyse. Kategorien, Modelle, Probleme. Trier: Wissenschaftlicher Verlag 2004, S. 69-87.

• Kreuzer, Stefanie: Traum und Erzählen in Literatur, Film und Kunst. Paderborn: Wilhelm Fink 2014.

• Schrage-Früh, Michaela: Philosophy, Dreaming and the Literary Imagination. Basingstoke: Palgrave Macmillan 2016.

• Schuler, C. J.: Something of the night. The classic children's novel Marianne Dreams is brought to life at Sadler's Wells. The Independent (15.06.2004). URL: https://web.archive.org/web/20070927210943/http://arts.independent.co.uk/music/features/article42724.ece (Letzte Konsultation: 21.09.2021)

• Schäfer, Iris: Von der Hysterie zur Magersucht. Adoleszenz und Krankheit in Romanen und Erzählungen der Jahrhundert- und der Jahrtausendwende. Frankfurt am Main: Lang 2016.

• Storr, Catherine: Fear and Evil in Children’s Books. In: Children’s Literature in Education 1, S. 22-40 (März 1970). URL: https://link.springer.com/content/pdf/10.1007/BF01140654.pdf (Letzte Konsultation: 21.09.2021)


Anmerkungen 1 Als Widmung zu Lippels Traum zitiert Paul Maar Pascal wie folgt: „Wenn ein Handwerker sicher sein könnte, jede Nacht zwölf Stunden lang zu träumen, er sei König, so wäre er ebenso glücklich wie ein König, der jede Nacht zwölf Stunden lang träumte, er sei ein Handwerker.“ Pascal nach Maar 1984.

Iris Schäfer