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"Tagebücher" (Ulrich Bräker)

482 Byte hinzugefügt, 18:07, 11. Dez. 2018
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[[Datei:Braeker portrait.jpg|thumb|right|148x217px|Ulrich Bräker (um 1793)]]
Der Schweizer Autodidakt, Autobiograph und Gelegenheitsschriftsteller Ulrich Bräker (* 22. Dezember 1735 in Näppis bei Wattwil, Toggenburg,<ref>Das Toggenburg (auch: Tockenburg) ist eine Tallandschaft im Schweizer Kanton St. Gallen, benannt nach dem Adelsgeschlecht der Toggenburger.</ref> Kanton St. Gallen; † im September 1798, begraben am 11. September 1798 in Wattwil) verfasste von 1770 bis zu seinem Tod regelmäßig Tagebuchaufzeichnungen, die auch 16 Traumberichte enthalten.<ref>Vgl. SW I, 541 (6.9.1773), 681 f. (14./18.9.1774); , 682 (18.9.1774), ; SW II, 102 (14.6.1779), 130 f. (4.1.1780), 353 f. (20.1.1783), 354 f. (22.1.1783), 358 (31.1.1783), 358 f. (1.2.1783), 417 (24.7.1783), 423 f. (29.8.1783), 634 f. (14.1.1788), 637-639 (20.1.1788), 786 (31.12.1788); SW III, 258-261 (November 1789), 578 (20.9.1795).</ref>
Bräkers literarische Ausgestaltung seiner Traumberichte gipfelt im letzten Beispieltext, der überschrieben ist „Belgrad erobert – ein traum –“. Historischer Hintergrund ist der Russisch-Österreichische Türkenkrieg von 1787-1792, in dem Belgrad am 8. Oktober 1789 von den Österreichern erobert wurde. Als Tagesrest wird gleich anfangs die Lektüre von Überlegungen zum möglichen Ausgang des Krieges aus der Feder des aufklärerischen Schriftstellers Christian Friedrich Daniel Schubarts (1739-1791) genannt.
Der sehr ausführliche Traumbericht lässt sich in zwei Traumteile gliedern, auf die jeweils Wachszenen folgen: (T1 – W1 – T2 – W2):
T1: Bräker sieht sich auf das Schlachtfeld vor Belgrad versetzt, das er ausführlich beschreibt. Dass er dabei auf Erinnerungen an seine eigene Militärzeit zurückgreift, zeigt sich schon daran, dass er die kämpfende Truppe fälschlich für Preußen hält. Wie im zweiten Traumbericht ist der Träumer auch hier in seiner Handlungsfähigkeit vielfältig gehemmt. So kann er, als er an einer Stelle die Befestigungsmauer einstürzen sieht und den Kommandanten auf die günstige Angriffsgelegenheit hinweisen will, „nicht von der stelle komen– mir war, als wenn mir die füsse gebunden, in tieffem sand staken – ich ward rassent böse – wolte einen kameraden senden – konte aber kein laut wort reden – wolte mich durch Zeichen und geberden zuverstehen geben – aber keiner wolte auf mich achten – wolte den säbel ziehn – und kont jhn nicht aus der scheide kriegen“. Da hört er, dass Belgrad gefallen sei, will aufspringen und „victoria victoria – Belgrad ist vorbey“ ausrufen, kann sich aber nicht bewegen und nicht sprechen.
Bräkers Traumberichte exemplifizieren die drei allgemeinen Entwicklungslinien im Umgang mit Träumen, die sich im 18. Jahrhundert beobachten lassen (Engel 1998): Erstens zeigt sich eine zunehmende Abkehr von einer religiösen, übernatürlich-christlichen Auffassung des Traumes (vgl. auch Leutert 2001) – in Bräkers Fall konkret als Übergang von pietistischer zu aufklärerischer Selbstbeobachtung. Dass dabei der Glaube an ein prophetisches Potential des Traumes nicht vollkommen getilgt wird, lässt sich an Bräkers Tagebüchern ebenfalls belegen: Als er, sechs Jahre nach dem Belgradtraum, sich nächtlings auf einer bevorstehenden Geschäftsfahrt von Räubern überfallen sieht, kann er sich nur mit Mühe dazu bringen, die Reise dennoch anzutreten (20.9.1795; SW III, 578). Zweitens wird durch das verstärkte Interesse an „natürlichen“ Träumen die Schilderung der Träume deutlich traumhafter, was sich bei Bräker etwa in Hemmungen von Bewegungs- und Handlungsfähigkeit, der genauen Schilderung phantastischer Details und den abrupten Szenewechseln zeigt. Zum dritten sind auch Bräkers Traumberichte von der schon in der späten Aufklärung immer wieder betonten Affinität von Traum und Dichtung bestimmt, die ihren Höhepunkt in der Romantik erreichen wird.
<div style="text-align: right;">[[Autoren|MEManfred Engel]]</div> 
==Literatur==
* Böning, Holger: Ulrich Bräker: Der arme Mann aus dem Toggenburg. Eine Biographie. Zürich: Füssli 1998.
* Engel, Manfred: Traumtheorie und literarische Träume im 18. Jahrhundert. Eine Fallstudie zum Verhältnis von Wissen und Literatur. In: Scientia Poetica 2 (1998), 97-128.
* Engel, Manfred: Traumtagebücher von Literaten Traumnotate in Dichter-Tagebüchern (Bräker, Keller, Schnitzler). In: Bernard Dieterle/M.E. (Hg.), : Writing the Dream/Écrire le rêve. Würzburg: Königshausen & Neumann 20152016 (= Cultural Dream Studies 1), ###211-###238.* Groppe, Sabine: Ulrich Bräker: . Tagebuchautor, Literaturkritiker und Autobiograph oder die Permanenz selbstbiographischen Schreibens. In: Dies.: Das Ich am Ende des Schreibens. Autobiographisches Erzählen im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Würzburg: Königshausen & Neumann 1990, 131-177.
* Holliger, Christian/Claudia Holliger-Wiesmann/Heinz Graber/Karl Pestalozzi: Chronik Ulrich Bräker. Auf der Grundlage der Tagebücher 1770-1798. Bern, Stuttgart: Haupt 1985.
* Leutert, Sebastian: „All dies, was mir mein Genius vorgezeichnet hatte“. Zur Psychologisierung des Traumes in Selbstzeugnissen des 18. Jahrhunderts. In: Kaspar von Greyertz/Hans Medick/Patrice Veit (Hg.), Von der dargestellten Person zum erinnerten Ich. Europäische Selbstzeugnisse als historische Quelle (1500–1850). Köln, Weimar: Böhlau 2001, 251–273.
* Messerli, Alfred/Adolf Muschg (Hg.), Schreibsucht. Autobiographische Schriften des Pietisten Ulrich Bräker (1735-1798). Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht 2004.
* Messerli, Alfred: Bräkers Schreibprogramme, Schreibmotive und Schreibpraktiken in seinen Tagebüchern. In: Messerli/Muschg 2004, 38-48.
* Schmidt-Hannisa, Hans-Walter: Göttliche Gesichte? Traumdarstellungen in pietistischen Lebensläufen. In: Udo Sträter u.a. (Hg.), : Interdisziplinäre Pietismusforschungen. Beiträge zum Ersten Internationalen Kongress für Pietismusforschung 2001. Bd. 2. Tübingen: Niemeyer 2005, 585–596.
* Volz-Tobler, Bettina: Ulrich Bräkers „Selbstaufklärung“ im Spiegel seiner frühen Tagebücher. In: Messerli/Muschg (2004), 72-91.
* Zeller, Rosemarie: Bräkers geselliger Umgang mit Büchern. In: Wolfgang Adam/Markus Fauser/Ute Pott (Hg.), Geselligkeit und Bibliothek. Lesekultur im 18. Jahrhundert. Göttingen: Wallstein 2005, 151-174.
 
 
==Weblinks==
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Zitiervorschlag für diesen Artikel:
 
Engel, Manfred: "Tagebücher" (Ulrich Bräker). In: Lexikon Traumkultur. Ein Wiki des Graduiertenkollegs "Europäische Traumkulturen", 2015; http://traumkulturen.uni-saarland.de/Lexikon-Traumkultur/index.php?title=%22Tageb%C3%BCcher%22_(Ulrich_Br%C3%A4ker) .
 
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