Deprecated: Use of Please install wikidiff2 to retain inline diff functionality. was deprecated in MediaWiki 1.35.0. [Called from SpecialMobileDiff::executeWhenAvailable in /data/TRAUMKULT/Lexikon-Traumkultur/extensions/MobileFrontend/includes/specials/SpecialMobileDiff.php at line 146] in /data/TRAUMKULT/Lexikon-Traumkultur/includes/debug/MWDebug.php on line 430
Änderungen – Lexikon Traumkultur

Änderungen

Zur Navigation springen Zur Suche springen
keine Bearbeitungszusammenfassung
Zeile 66: Zeile 66:  
Im Gegensatz zu Stewart, der in seinem ''Essay on Dreaming'' (1814) die Aufhebung jeglicher geistiger und perzeptiver Fähigkeiten im Traum annimmt, ist Hervey de Saint-Denys davon überzeugt, dass der Verstand im Traum ebenso wie im Wachleben Zugang zu den sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten hat und sie gezielt zur Beobachtung und kritischen Beurteilung der Traumwelt einsetzt (RMD 85 f.). Der Träumer verfügt für ihn letztlich über dasselbe Maß an freiem Willen und dieselben perzeptiven wie intellektuellen Fähigkeiten wie in der Realität (RMD 152, 270 f.).
 
Im Gegensatz zu Stewart, der in seinem ''Essay on Dreaming'' (1814) die Aufhebung jeglicher geistiger und perzeptiver Fähigkeiten im Traum annimmt, ist Hervey de Saint-Denys davon überzeugt, dass der Verstand im Traum ebenso wie im Wachleben Zugang zu den sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten hat und sie gezielt zur Beobachtung und kritischen Beurteilung der Traumwelt einsetzt (RMD 85 f.). Der Träumer verfügt für ihn letztlich über dasselbe Maß an freiem Willen und dieselben perzeptiven wie intellektuellen Fähigkeiten wie in der Realität (RMD 152, 270 f.).
   −
===Verschiedene Arten der Traumsteuerung===
+
===Luzides Träumen===
 
Nach Hervey de Saint-Denys können Träume durch das Zusammenwirken von Aufmerksamkeit und Wille des Träumers gesteuert werden (RMD 269). Grundsätzlich unterscheidet er zwischen unbewussten und bewussten Formen der Traumsteuerung, die in unterschiedlichen Bewusstseinsstadien (vom Wach-, Traumzustand oder hypnagogen Zustand aus) praktiziert werden können.
 
Nach Hervey de Saint-Denys können Träume durch das Zusammenwirken von Aufmerksamkeit und Wille des Träumers gesteuert werden (RMD 269). Grundsätzlich unterscheidet er zwischen unbewussten und bewussten Formen der Traumsteuerung, die in unterschiedlichen Bewusstseinsstadien (vom Wach-, Traumzustand oder hypnagogen Zustand aus) praktiziert werden können.
   −
In seinen Untersuchungen nennt Hervey de Saint-Denys drei Faktoren, die ein bewusstes Steuern der eigenen Träume ermöglichen (RMD 476):
+
In seinen Untersuchungen nennt Hervey de Saint-Denys drei Faktoren, die ein ''bewusstes'' Steuern der eigenen Träume ermöglichen (RMD 476):
   −
1. Das Erkennen des eigenen Traumzustandes – eine Fähigkeit, die durch das Führen eines Traumtagebuchs erlernt werden kann.
+
1. Das Induzieren von Träumen vom Wachzustand aus: Indem das Subjekt in der Wachwirklichkeit Erinnerungen, von denen es träumen möchte, mit gewissen Sinneseindrücken verknüpft, können diese Erinnerungsbilder durch Zuführung der entsprechenden externen Reize während des Traums hervorgerufen werden.
   −
2. Das Induzieren von Träumen vom Wachzustand aus: indem das Subjekt in der Wachwirklichkeit Erinnerungen, von denen es träumen möchte, mit gewissen Sinneseindrücken verknüpft, können diese Erinnerungsbilder durch Zuführung der entsprechenden externen Reize während des Traums hervorgerufen werden.
+
2. Das Steuern des Traumverlaufs durch bewusstes Denken an den gewünschten Trauminhalt.
   −
3. Das Steuern des Traumverlaufs durch bewusstes Denken an den gewünschten Trauminhalt.
+
3. Das Erkennen des eigenen Traumzustandes – eine Fähigkeit, die durch das Führen eines Traumtagebuchs erlernt werden kann.
   −
====Unbewusstes Steuern des Traums durch die Aufmerksamkeit des Träumers====
+
''Unbewussten'' Einfluss auf seine Träume kann der Träumer nehmen, wenn sich seine Aufmerksamkeit auf eine der in Traum an ihm assoziativ vorüberziehenden Ideen richtet, so dass er sie weiterverfolgt, ohne sich bewusst zu sein, dass er mittels seiner „attention dirigeante“ das Ruder des Traums selbst in die Hand genommen hat. In diesem Fall wird die Ideenassoziation zwar fortgesetzt, sie verweilt jedoch innerhalb des Themenbereichs des Bildes, dem der Träumer unbewusst seine Aufmerksamkeit geschenkt hat (RMD 191-193). In Alpträumen schüttelt die Seele ferner zuweilen willentlich den Schlaf ab und zwingt den sich widersetzenden Organismus des Träumers zum Erwachen (RMD 198 f.). Zwar ist eine Steuerung des eigenen Traums so auch ohne ein Bewusstsein des Traumzustandes möglich, jedoch bleibt die Interventionsmöglichkeiten deutlich eingeschränkter als in luziden Träumen.
Nach Hervey de Saint-Denys verfügt der Träumer auch in gewöhnlichen Träumen, in denen er sich nicht des Traumzustandes bewusst ist, über eine ausgeprägte Denkfähigkeit (RMD 293 f.). Der Umstand, dass er häufig falsche Schlüsse zieht, ist lediglich der Inkohärenz der Traumzusammenhänge geschuldet, über die er sein Urteil fällt (RMD 300). Allerdings ist der Geist im Traum einem stetigen Wechsel von Aktivität und Passivität unterworfen (RMD 190). In einem Moment gibt er sich der willkürlichen Ideenassoziation hin, aus der zusammenhanglose Träume resultieren, während er im nächsten Moment bereits eine der vorüberziehenden Ideen festhält (RMD 190 f.). Diese erregt derart die Aufmerksamkeit des Träumers, dass er sie weiterverfolgt, ohne sich bewusst zu sein, dass er mittels seiner „attention dirigeante“ (RMD 193) bereits das Ruder des Traums selbst in die Hand genommen hat (RMD 191, 193). In diesem Fall wird die Ideenassoziation zwar fortgesetzt, sie verweilt jedoch innerhalb des Themenbereichs des Bildes, dem der Träumer unbewusst seine Aufmerksamkeit geschenkt hat (RMD 191 f.). In Alpträumen schüttelt die Seele ferner zuweilen willentlich den Schlaf ab und zwingt den sich widersetzenden Organismus des Träumers zum Erwachen (RMD 198 f.). Zwar ist eine Steuerung des eigenen Traums demnach auch ohne ein Bewusstsein des Traumzustandes möglich, jedoch ist der gewöhnliche Träumer sehr viel eingeschränkter in seinen Interventionsmöglichkeiten als ein luzider Träumer.
      
====Traumsteuerung durch externe Reize====
 
====Traumsteuerung durch externe Reize====
Zeile 84: Zeile 83:     
====Willentliche Steuerung des Traums vom hypnagogen Zustand aus====
 
====Willentliche Steuerung des Traums vom hypnagogen Zustand aus====
Im Gegensatz zu Maury, der annimmt, dass hypnagoge Halluzinationen nur bei bestimmten Personen auftreten, geht Hervey davon aus, dass diese Bilder, die er als Vorbote des Schlafes und des Traums ansieht, grundsätzlich Bestandteil des Schlafvorgangs sind und von den letzten Gedanken, mit denen sich der Verstand beschäftigt hat, beeinflusst werden (RMD 220–222). Im Rahmen seiner Experimente gelingt es ihm, durch Denken an den gewünschten Trauminhalt im Moment des Einschlafens diesen in die Phase der hypnagogen Bilder und durch Festhalten eines dieser Bilder in den Traum zu transferieren (RMD 256, 258 f., 261). Damit belegt er, dass sich der Übergang vom Wachzustand in den Traum stufenweise vollzieht, ohne dass die Denkfähigkeit dabei verloren geht (RMD 259, 268).
+
Im Gegensatz zu Maury, der annimmt, dass hypnagoge Halluzinationen nur bei bestimmten Personen auftreten, geht Hervey davon aus, dass diese Bilder, die er als Vorbote des Schlafes und des Traums ansieht, grundsätzlich Bestandteil des Schlafvorgangs sind und dass sie beeinflusst werden von den letzten Gedanken, mit denen sich der Verstand beschäftigt hat (RMD 220–222). Im Rahmen seiner Experimente gelingt es ihm, durch Denken an den gewünschten Trauminhalt im Moment des Einschlafens diesen in die Phase der hypnagogen Bilder und durch Festhalten eines dieser Bilder in den Traum zu transferieren (RMD 256, 258 f., 261). Damit belegt er, dass sich der Übergang vom Wachzustand in den Traum stufenweise vollzieht, ohne dass die Denkfähigkeit dabei verloren geht (RMD 259, 268).
    
====Bewusstes Erleben und Steuern des Traums durch den luziden Träumer====
 
====Bewusstes Erleben und Steuern des Traums durch den luziden Träumer====
 
Albert Lemoine versteht unter dem Bewusstsein die Fähigkeit, aufmerksam die eigenen Empfindungen und Gedanken zu beobachten (RMD 205). Seiner Ansicht nach verfügt der Mensch jedoch lediglich über ein retrospektives Bewusstsein des Traums und kann sich nicht im Verlauf desselben seines Zustandes bewusst werden (RMD 205 f.). Hervey widerspricht Lemoine in dieser Hinsicht und betont, dass es ihm und unter seiner Anleitung mehreren seiner Freunde in einem Zeitraum von drei Monaten über das Führen eines Traumtagebuchs gelungen sei, die Fähigkeit des bewussten Träumens zu erlernen, die Voraussetzung für das gezielte Steuern des eigenen Traums ist (RMD 206 f.). Er gesteht jedoch ein, dass die Mehrheit der Menschen ohne Training nur selten im Traum Bewusstsein erlangt (RMD 206).
 
Albert Lemoine versteht unter dem Bewusstsein die Fähigkeit, aufmerksam die eigenen Empfindungen und Gedanken zu beobachten (RMD 205). Seiner Ansicht nach verfügt der Mensch jedoch lediglich über ein retrospektives Bewusstsein des Traums und kann sich nicht im Verlauf desselben seines Zustandes bewusst werden (RMD 205 f.). Hervey widerspricht Lemoine in dieser Hinsicht und betont, dass es ihm und unter seiner Anleitung mehreren seiner Freunde in einem Zeitraum von drei Monaten über das Führen eines Traumtagebuchs gelungen sei, die Fähigkeit des bewussten Träumens zu erlernen, die Voraussetzung für das gezielte Steuern des eigenen Traums ist (RMD 206 f.). Er gesteht jedoch ein, dass die Mehrheit der Menschen ohne Training nur selten im Traum Bewusstsein erlangt (RMD 206).
   −
====Methoden zur Erlangung des Bewusstseins im Schlaf====
   
Um sich insbesondere in „rêves très lucides“ (RMD 464), sehr detailreichen realitätsnahen Träumen, des Traumzustandes bewusst zu werden, testet Hervey de Saint-Denys, ob die physikalischen Gesetze der Realität noch wirksam sind (RMD 464 f.). Da er festgestellt hat, dass die Traumszene einer neuen weicht, wenn er sich kurz die Augen zuhält (RMD 284 f.), setzt er diese Methode zur Unterscheidung der ontologischen Ebenen ein: bleibt die Umgebung nach einem kurzen Schließen der Augen unverändert, so ist sie real, verändert sie sich, so gehört sie zum Inventar eines Traums (RMD 464 f.).
 
Um sich insbesondere in „rêves très lucides“ (RMD 464), sehr detailreichen realitätsnahen Träumen, des Traumzustandes bewusst zu werden, testet Hervey de Saint-Denys, ob die physikalischen Gesetze der Realität noch wirksam sind (RMD 464 f.). Da er festgestellt hat, dass die Traumszene einer neuen weicht, wenn er sich kurz die Augen zuhält (RMD 284 f.), setzt er diese Methode zur Unterscheidung der ontologischen Ebenen ein: bleibt die Umgebung nach einem kurzen Schließen der Augen unverändert, so ist sie real, verändert sie sich, so gehört sie zum Inventar eines Traums (RMD 464 f.).
 +
    
====Ausmaß der Steuerbarkeit der Traumwelt====
 
====Ausmaß der Steuerbarkeit der Traumwelt====
Die konkrete Traumkulisse sowie die darin stattfindenden Ereignisse sind zwar zunächst vom Gedächtnis und der Vorstellungskraft vorgegeben (RMD 211, 271, 301 f.), jedoch vermag der Träumer, sobald er sich des Träumens bewusst ist, durch Denken an den gewünschten Trauminhalt Änderungen daran vorzunehmen (RMD 271, 273 f., 299). Grundsätzlich vermag der luzide Träumer nicht nur deutlich erkennbare, kohärente Träume zu lenken, sondern auch zusammenhanglose oder affektdominierte Träume einer selbstgewählten Ordnung zu unterwerfen (RMD 276). So ist er etwa imstande, Richtung und Art seiner Fortbewegung zu bestimmen (RMD 270–272). In einem seiner luziden Träume gelangt Hervey de Saint-Denys an eine Weggabelung, an der es ihm freisteht, zu entscheiden, welchen Weg er einschlägt, ob er kurz anhält oder seinem Pferd die Sporen gibt (RMD 271 f.). In diesem luziden Traum und vielen weiteren habe er, laut eigener Aussage, denselben freien Willen wie in der Realität besessen und Bilder gesehen, die in Vielfalt und Detailreichtum realen Eindrücken in nichts nachstehen (RMD 272 f.). Überdies gelingt es Hervey im Traum, willentlich verstorbene Personen, Bekannte und Objekte erscheinen zu lassen, Gegenstände umzupositionieren, sie gegen andere auszutauschen beziehungsweise generell in Gedanken, Wünsche zu formulieren, die sogleich im Traum in Erfüllung gehen (RMD 278 f.). Gleichsam bleibt jedoch die Spannung erhalten, da die Fantasie des Träumers für die optische Ausgestaltung seiner Willensakte verantwortlich ist (RMD 451 f.): „La fantaisie avait ici, comme la réalité, son libre arbitre, et l’initiative demeurait à ma volonté.“ (RMD 452). Auch vermag Hervey angenehme Traumszenarien beizubehalten und unangenehme durch kurzzeitiges Schließen der Augen und Konzentrieren auf den gewünschten Trauminhalt auszutauschen oder sich ihnen durch willentliches Erwachen zu entziehen (RMD 29, 140, 156, 276, 283–285, 292). Um hingegen den Traum zu verlängern und ein Erwachen, das sich durch das allmähliche Verschwimmen der Traumbilder ankündigt, zu verhindern, empfiehlt Hervey de Saint-Denys, ein noch deutlich erkennbares Element der Traumumgebung oder die eigenen Hände anzuvisieren, wodurch alle übrigen Traumgegenstände an Klarheit zurückgewinnen (RMD 263, 449 f.).
+
Die konkrete Traumkulisse sowie die darin stattfindenden Ereignisse sind zwar zunächst vom Gedächtnis und der Vorstellungskraft vorgegeben (RMD 211, 271, 301 f.), jedoch vermag der Träumer, sobald er sich des Träumens bewusst ist, durch Denken an den gewünschten Trauminhalt Änderungen daran vorzunehmen (RMD 271, 273 f., 299). Grundsätzlich kann der luzide Träumer nicht nur deutlich erkennbare, kohärente Träume zu lenken, sondern auch zusammenhanglose oder affektdominierte Träume einer selbstgewählten Ordnung unterwerfen (RMD 276). So ist er etwa imstande, Richtung und Art seiner Fortbewegung zu bestimmen (RMD 270–272). In einem seiner luziden Träume gelangt Hervey de Saint-Denys an eine Weggabelung, an der es ihm freisteht, zu entscheiden, welchen Weg er einschlägt, ob er kurz anhält oder seinem Pferd die Sporen gibt (RMD 271 f.). In diesem luziden Traum und vielen weiteren habe er, laut eigener Aussage, denselben freien Willen wie in der Realität besessen und Bilder gesehen, die in Vielfalt und Detailreichtum realen Eindrücken in nichts nachstehen (RMD 272 f.). Überdies gelingt es Hervey im Traum, willentlich verstorbene Personen, Bekannte und Objekte erscheinen zu lassen, Gegenstände umzupositionieren, sie gegen andere auszutauschen beziehungsweise generell in Gedanken, Wünsche zu formulieren, die sogleich im Traum in Erfüllung gehen (RMD 278 f.). Gleichsam bleibt jedoch die Spannung erhalten, da die Fantasie des Träumers für die optische Ausgestaltung seiner Willensakte verantwortlich ist (RMD 451 f.): „La fantaisie avait ici, comme la réalité, son libre arbitre, et l’initiative demeurait à ma volonté“ (RMD 452). Auch vermag Hervey angenehme Traumszenarien beizubehalten und unangenehme durch kurzzeitiges Schließen der Augen und Konzentrieren auf den gewünschten Trauminhalt auszutauschen oder sich ihnen durch willentliches Erwachen zu entziehen (RMD 29, 140, 156, 276, 283–285, 292). Um hingegen den Traum zu verlängern und ein Erwachen, das sich durch das allmähliche Verschwimmen der Traumbilder ankündigt, zu verhindern, empfiehlt Hervey de Saint-Denys, ein noch deutlich erkennbares Element der Traumumgebung oder die eigenen Hände anzuvisieren, wodurch alle übrigen Traumgegenstände wieder an Klarheit gewinnen (RMD 263, 449 f.).
 +
 
 +
Die Kontrolle, die der luzide Träumer auf den Traum auszuüben vermag, hat jedoch auch Grenzen. Als besonders schwierig erweist sich etwa die Rekonstruktion von Elementen aus vergangenen Träumen, was Hervey im luziden Traum letztlich nur durch Schließen der Augen glückt (RMD 283). Um auszutesten, wie Imagination und Gedächtnis mit einem in der Realität nie erlebten Vorgang umgehen, unternimmt Hervey de Saint-Denys mehrmals vergeblich den Versuch, im Traum Suizid zu begehen (RMD 286–288). Es scheint jedoch, als ob eine innere Kraft, möglicherweise das Unbewusste des Träumers, ihn von dem Tabubruch des Selbstmordes abzuhalten versuche. Dahingegen gelingt es Hervey, sich im Traum willentlich selbst zu verletzen, ohne dabei Schmerz zu empfinden (RMD 460). Weiterhin scheint es unmöglich, dynamische Traumelemente wie etwa Gesichter länger anzuvisieren, ohne dass diese eine Reihe von Transformationen durchmachen (RMD 290 f.). Auch das Lesen von Texten gelingt nur, sofern der entsprechende Textinhalt in der Erinnerung und Vorstellungskraft des Träumers präsent ist (RMD 466 f., 470). Der geschriebene Text ist dabei nur ein Nebenprodukt des erinnerten Inhalts (RMD 467). Ist hingegen nur ein Bild des Aussehens eines Buches, Briefes oder Manuskriptes im Gedächtnis abgespeichert, so bleibt dessen Inhalt auch im Traum unzugänglich (RMD 466 f.). Obgleich, Hervey zufolge, die Erinnerungsfähigkeit im Traum oftmals sehr viel stärker ausgeprägt ist als im Wachzustand (RMD 306, 310 f.), scheitern einige seiner Traumexperimente gerade daran, dass das Gehirn nicht die passenden Erinnerungen zu den Traumbildern aufzurufen vermag (RMD 298).
 +
 
    
====Wie luzide ist ein luzider Träumer?====
 
====Wie luzide ist ein luzider Träumer?====
Die Fähigkeit des Träumers, rational zu denken und sich zu erinnern reicht, nach Hervey de Saint-Denys’ Erfahrungen, über das Erkennen des Traumzustandes, der eigenen Willens- und Gestaltungsfreiheit bis hin zum Reflektieren über zeitgenössische Traumtheorien (RMD 450 f.) und der korrekten Zuordnung von außen eindringender Reize (RMD 296). Dadurch, dass Herveys Muskelbewegungen zuweilen unwillkürlich mit den Bewegungen des Traumkörpers korrelieren, wird er sich überdies seines schlafenden physischen Körpers bewusst (RMD 453), den er jedoch selbst als luzider Träumer nicht zu steuern vermag (RMD 83). Jedoch reicht das Körperbewusstsein in einigen Fällen so weit, dass Hervey im Rahmen eines selbst eingeleiteten Erwachens auf den eigenen schlafenden Körper herabzublicken glaubt, bevor er abermals davon Besitz ergreift (RMD 470). 
+
Die Fähigkeit des Träumers, rational zu denken und sich zu erinnern reicht, nach Hervey de Saint-Denys’ Erfahrungen, über das Erkennen des Traumzustandes, der eigenen Willens- und Gestaltungsfreiheit bis hin zum Reflektieren über zeitgenössische Traumtheorien (RMD 450 f.) und der korrekten Zuordnung von außen eindringender Reize (RMD 296). Dadurch, dass Herveys Muskelbewegungen zuweilen unwillkürlich mit den Bewegungen des Traumkörpers korrelieren, wird er sich überdies seines schlafenden physischen Körpers bewusst (RMD 453), den er jedoch selbst als luzider Träumer nicht zu steuern vermag (RMD 83). Jedoch reicht das Körperbewusstsein in einigen Fällen so weit, dass Hervey im Rahmen eines selbst eingeleiteten Erwachens auf den eigenen schlafenden Körper herabzublicken glaubt, bevor er abermals davon Besitz ergreift (RMD 470).
    
Zeitweise büßt Hervey de Saint-Denys jedoch auch seine Gewissheit bezüglich des Traumzustandes ein (RMD 324). So beginnt er etwa während des Traums, seine Erfahrungen aufzuschreiben, erkennt jedoch im nächsten Moment bereits, dass dies zwecklos ist und leitet sein Erwachen ein (RMD 324). Auch kommt es vor, dass er im luziden Zustand eine Traumfigur, die in Gestalt seines Freundes erscheint, auffordert, sich den Traum einzuprägen, damit sie sich am Folgetag darüber unterhalten können (RMD 448). Das Bewusstsein des luziden Träumers bezüglich des Traumzustandes oder hinsichtlich einiger traumimmanenter Implikationen wie der Fiktionalität der Traumgegenstände und -figuren ist demnach nicht immer durchgehend vorhanden, sondern wird von Perioden des Vergessens durchbrochen (RMD 324, 448).
 
Zeitweise büßt Hervey de Saint-Denys jedoch auch seine Gewissheit bezüglich des Traumzustandes ein (RMD 324). So beginnt er etwa während des Traums, seine Erfahrungen aufzuschreiben, erkennt jedoch im nächsten Moment bereits, dass dies zwecklos ist und leitet sein Erwachen ein (RMD 324). Auch kommt es vor, dass er im luziden Zustand eine Traumfigur, die in Gestalt seines Freundes erscheint, auffordert, sich den Traum einzuprägen, damit sie sich am Folgetag darüber unterhalten können (RMD 448). Das Bewusstsein des luziden Träumers bezüglich des Traumzustandes oder hinsichtlich einiger traumimmanenter Implikationen wie der Fiktionalität der Traumgegenstände und -figuren ist demnach nicht immer durchgehend vorhanden, sondern wird von Perioden des Vergessens durchbrochen (RMD 324, 448).
   −
====Grenzen der Steuerbarkeit des Traums====
  −
Die Kontrolle, die der luzide Träumer auf den Traum auszuüben vermag, kennt jedoch auch Grenzen. Als besonders schwierig erweist sich etwa die Rekonstruktion von Elementen aus vergangenen Träumen, was Hervey im luziden Traum letztlich nur durch Schließen der Augen glückt (RMD 283). Um auszutesten, wie Imagination und Gedächtnis mit einem in der Realität nie erlebten Vorgang umgehen, unternimmt Hervey de Saint-Denys ferner mehrmals vergeblich den Versuch, im Traum Suizid zu begehen (RMD 286–288). Es scheint jedoch, als ob eine innere Kraft, möglicherweise das Unbewusste des Träumers, ihn von dem Tabubruch des Selbstmordes abzuhalten versuche. Dahingegen gelingt es Hervey aber, sich im Traum willentlich selbst zu verletzen, ohne dabei Schmerz zu empfinden (RMD 460). Weiterhin scheint es unmöglich, dynamische Traumelemente wie etwa Gesichter länger anzuvisieren, ohne dass diese eine Reihe von Transformationen durchmachen (RMD 290 f.). Auch das Lesen von Texten gelingt nur, sofern der entsprechende Textinhalt in der Erinnerung und Vorstellungskraft des Träumers präsent ist (RMD 466 f., 470). Der geschriebene Text ist dabei nur ein Nebenprodukt des erinnerten Inhalts (RMD 467). Ist hingegen nur ein Bild des Aussehens eines Buches, Briefes oder Manuskriptes im Gedächtnis abgespeichert, so bleibt dessen Inhalt auch im Traum unzugänglich (RMD 466 f.). Obgleich, Hervey zufolge, die Erinnerungsfähigkeit im Traum oftmals sehr viel stärker ausgeprägt ist als im Wachzustand (RMD 306, 310 f.), scheitern einige seiner Traumexperimente gerade daran, dass das Gehirn nicht die passenden Erinnerungen zu den Traumbildern aufzurufen vermag (RMD 298).
      
===Das Erkenntnis- und (künstlerische) Inspirationspotenzial des (bewusst erlebten) Traums===
 
===Das Erkenntnis- und (künstlerische) Inspirationspotenzial des (bewusst erlebten) Traums===
Zeile 111: Zeile 111:     
Ein wichtiger Erkenntnisaspekt des Traums liegt ferner im trauminternen Dialog mit dem eigenen Selbst. In luziden Träumen schwingt sich der Träumer oftmals unwissentlich zum Dramatiker mit ausgezeichnetem Talent für die Figurenzeichnung auf und lässt Bekannte im Traum ihre Meinung in einem Tonfall vortragen, wie sie es auch in der Realität getan hätten (RMD 313 f.). Dabei bewegt er sie dazu, Pro und Contra einer ihn beschäftigenden Angelegenheit zu diskutieren und lässt sie Argumente austauschen, die er selbst insgeheim bereits erwogen hat (RMD 315 f.). Über die Begegnung mit dem eigenen Selbst, verkörpert durch die Traumfiguren, trägt der Träumer somit innere Konflikte aus und gelangt zu neuen Erkenntnissen (RMD 315 f., 345 f.). In der Gestalt eines halb weißen, halb schwarzen Kindes, das behauptet er selbst zu sein, begegnet Hervey in einem seiner Träume sogar explizit sich selbst, wobei die Dualität der Farben möglicherweise Sinnbild seiner guten und schlechten Seiten ist, wie er selbst vermutet (RMD 345–347). Hervey de Saint-Denys schließt seine Untersuchung, indem er bekräftigt, dass er die Traumsteuerung nicht nur als ertragreich für den individuellen Inspirationsprozess und das private Vergnügen eines Jeden, sondern auch für die Wissenschaft, insbesondere die Physiologie und Medizin, ansieht (RMD, 477 f.).
 
Ein wichtiger Erkenntnisaspekt des Traums liegt ferner im trauminternen Dialog mit dem eigenen Selbst. In luziden Träumen schwingt sich der Träumer oftmals unwissentlich zum Dramatiker mit ausgezeichnetem Talent für die Figurenzeichnung auf und lässt Bekannte im Traum ihre Meinung in einem Tonfall vortragen, wie sie es auch in der Realität getan hätten (RMD 313 f.). Dabei bewegt er sie dazu, Pro und Contra einer ihn beschäftigenden Angelegenheit zu diskutieren und lässt sie Argumente austauschen, die er selbst insgeheim bereits erwogen hat (RMD 315 f.). Über die Begegnung mit dem eigenen Selbst, verkörpert durch die Traumfiguren, trägt der Träumer somit innere Konflikte aus und gelangt zu neuen Erkenntnissen (RMD 315 f., 345 f.). In der Gestalt eines halb weißen, halb schwarzen Kindes, das behauptet er selbst zu sein, begegnet Hervey in einem seiner Träume sogar explizit sich selbst, wobei die Dualität der Farben möglicherweise Sinnbild seiner guten und schlechten Seiten ist, wie er selbst vermutet (RMD 345–347). Hervey de Saint-Denys schließt seine Untersuchung, indem er bekräftigt, dass er die Traumsteuerung nicht nur als ertragreich für den individuellen Inspirationsprozess und das private Vergnügen eines Jeden, sondern auch für die Wissenschaft, insbesondere die Physiologie und Medizin, ansieht (RMD, 477 f.).
  −
       

Navigationsmenü