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Änderungen – Lexikon Traumkultur

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Das Werk der Publizistin Charlotte Beradt, geboren am 7. Dezember 1907 in Forst in der Lausitz, gestorben am 15. Mai 1986 im Exil in New York, umfasst unter anderem eine Biographie des Politikers Paul Levi, die Übersetzung mehrerer politischer Essays von Hannah Arendt aus dem Amerikanischen ins Deutsche sowie die Herausgabe der Briefe Rosa Luxemburgs an ihre Freundin Mathilde Jacob. Bekannt ist die Journalistin aus jüdischer Familie, die in den 1920er und 30er Jahren Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands ist, heute jedoch vor allem für ihre Sammlung politischer Träume, die sie zwischen 1933 und 1939 aufzeichnet und später unter dem Titel ''Das Dritte Reich des Traums'' publiziert. Ab 1933 aufgrund einer Denunziation vorübergehend inhaftiert und unmittelbar darauf mit einem Berufsverbot belegt (Steuwer 2017, 534), befragt Beradt seit Beginn der Machtergreifung Hitlers Bekannte, Freunde und weitere Personen in ihrem Umfeld nach deren politischen Träumen, notiert diese in verschlüsselter Form, versteckt sie und schickt sie schließlich ins Ausland, bevor sie mit ihrem Ehemann 1938 über London nach New York ins Exil flieht, wo sie ab 1939 bis zu ihrem Tode bleibt (vgl. Bulkeley 1994, 115).
 
Das Werk der Publizistin Charlotte Beradt, geboren am 7. Dezember 1907 in Forst in der Lausitz, gestorben am 15. Mai 1986 im Exil in New York, umfasst unter anderem eine Biographie des Politikers Paul Levi, die Übersetzung mehrerer politischer Essays von Hannah Arendt aus dem Amerikanischen ins Deutsche sowie die Herausgabe der Briefe Rosa Luxemburgs an ihre Freundin Mathilde Jacob. Bekannt ist die Journalistin aus jüdischer Familie, die in den 1920er und 30er Jahren Mitglied der Kommunistischen Partei Deutschlands ist, heute jedoch vor allem für ihre Sammlung politischer Träume, die sie zwischen 1933 und 1939 aufzeichnet und später unter dem Titel ''Das Dritte Reich des Traums'' publiziert. Ab 1933 aufgrund einer Denunziation vorübergehend inhaftiert und unmittelbar darauf mit einem Berufsverbot belegt (Steuwer 2017, 534), befragt Beradt seit Beginn der Machtergreifung Hitlers Bekannte, Freunde und weitere Personen in ihrem Umfeld nach deren politischen Träumen, notiert diese in verschlüsselter Form, versteckt sie und schickt sie schließlich ins Ausland, bevor sie mit ihrem Ehemann 1938 über London nach New York ins Exil flieht, wo sie ab 1939 bis zu ihrem Tode bleibt (vgl. Bulkeley 1994, 115).
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1943 publiziert sie auf Anraten von Karl Otten in der Zeitschrift Free World den Essay „Dreams under Dictatorship“, in dem sie einen Teil des gesammelten Materials zum ersten Mal für eine öffentliche Leserschaft aufbereitet und kommentiert (vgl. Hahn in Beradt 2016, 148-150). Mit einem Abstand von 20 Jahren wird es im Rahmen einer Radiosendung des Westdeutschen Rundfunks zum ersten Mal auch in Deutschland zugänglich gemacht (Beradt 1963). 1966 gibt der Münchner Nymphenburg Verlag eine ausführliche, in elf Kapitel unterteilte Version der Traumsammlung heraus (Beradt 1966), die 1981 und 1994 vom Suhrkamp Verlag wieder aufgelegt und von Reinhart Koselleck mit einem Nachwort versehen wird (Beradt 1981 und 1994). Seitdem gilt die mittlerweile in mehrere Sprachen übersetze Sammlung der Traumaufzeichnungen (u.a. Beradt 1968, Beradt 1991, Beradt 2002), die Beradt als „kleine(n) Beitrag zur Geschichte des Totalitarismus“ versteht (zit. nach Hahn in Beradt 2016, 149), als bedeutsame Quelle zur Erforschung der Alltagsgeschichte des Nationalsozialismus (vgl. Steuwer 2017, 536 und 539) und als eindrücklicher Einblick in die Mechanismen und Strategien zur Durchsetzung totalitärer Herrschaft (z.B. Bettelheim in Beradt 1968, 167).
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1943 publiziert sie auf Anraten von Karl Otten in der Zeitschrift ''Free World'' den Essay „Dreams under Dictatorship“, in dem sie einen Teil des gesammelten Materials zum ersten Mal für eine öffentliche Leserschaft aufbereitet und kommentiert (vgl. Hahn in Beradt 2016, 148-150). Mit einem Abstand von 20 Jahren wird es im Rahmen einer Radiosendung des Westdeutschen Rundfunks zum ersten Mal auch in Deutschland zugänglich gemacht (Beradt 1963). 1966 gibt der Münchner Nymphenburg Verlag eine ausführliche, in elf Kapitel unterteilte Version der Traumsammlung heraus (Beradt 1966), die 1981 und 1994 vom Suhrkamp Verlag wieder aufgelegt und von Reinhart Koselleck mit einem Nachwort versehen wird (Beradt 1981 und 1994). Seitdem gilt die mittlerweile in mehrere Sprachen übersetze Sammlung der Traumaufzeichnungen (u.a. Beradt 1968, Beradt 1991, Beradt 2002), die Beradt als „kleine(n) Beitrag zur Geschichte des Totalitarismus“ versteht (zit. nach Hahn in Beradt 2016, 149), als bedeutsame Quelle zur Erforschung der Alltagsgeschichte des Nationalsozialismus (vgl. Steuwer 2017, 536 und 539) und als eindrücklicher Einblick in die Mechanismen und Strategien zur Durchsetzung totalitärer Herrschaft (z.B. Bettelheim in Beradt 1968, 167).
    
In einem literaturwissenschaftlichen Kontext ist die Sammlung insofern von Bedeutung, als die Traumaufzeichnungen von der Herausgeberin nicht nur programmatisch in einen literarischen Kontext eingebettet werden, sondern aufgrund ihrer eigenen literarischen Qualitäten gerade den Modus fiktionaler, ästhetischer Auseinandersetzung mit der politischen Wirklichkeit als Zugangsmöglichkeit zu den nicht realistisch darstellbaren Dimensionen der Realitätserfahrung vor Augen führen (vgl. Schmidt-Hannisa 2011, 121). Darüber hinaus dienen Beradts Traumprotokolle bis heute als Inspirationsquelle für zahlreiche spätere Beschäftigungen mit dem Verhältnis von Traum und Politik, insbesondere für Überlegungen zum Einfluss politischer Gewalt auf individuelle Erfahrungswelten und subjektive Wahrnehmungsmuster. So finden sich einige der von Beradt notierten Träume, die mittlerweile eine besondere Bekanntheit erlangt haben, in Durs Grünbeins autobiographischem „Kaleidoskop“ ''Die Jahre im Zoo'' (Grünbein 2015). Sie bilden ferner den Ausgangspunkt für das von W. Gordon Lawrence entwickelte Konzept des „Social Dreaming“ (Lawrence 2003 und Bain 2007), für Kulturprojekte wie die Theaterperformance „Die Träume von uns“ der Gruppe Helfersyndrom (Helfersyndrom 2015) oder für die philosophie-ästhetische Auseinandersetzung mit eigenen Träumen, wie sie Elisabeth Lenk vornimmt, die in ''Die unbewusste Gesellschaft'' den Traum in seiner spezifisch ästhetischen Form gegen die Reduktion auf Trauminhalte durch ihre Deuter verteidigt (Lenk 1983). Auch Georges Didi-Hubermans kunstphilosophische Perspektive auf Benjamin und Agamben widmet sich den von Beradt aufgezeichneten Kollektiv-Träumen: Er sieht in ihnen ein geheimes Wissen in Bildern aufgehoben, dessen widerständiges ästhetisches Potenzial er in besonderem Maße hervorhebt (Didi-Huberman 2009, 117 und 118).
 
In einem literaturwissenschaftlichen Kontext ist die Sammlung insofern von Bedeutung, als die Traumaufzeichnungen von der Herausgeberin nicht nur programmatisch in einen literarischen Kontext eingebettet werden, sondern aufgrund ihrer eigenen literarischen Qualitäten gerade den Modus fiktionaler, ästhetischer Auseinandersetzung mit der politischen Wirklichkeit als Zugangsmöglichkeit zu den nicht realistisch darstellbaren Dimensionen der Realitätserfahrung vor Augen führen (vgl. Schmidt-Hannisa 2011, 121). Darüber hinaus dienen Beradts Traumprotokolle bis heute als Inspirationsquelle für zahlreiche spätere Beschäftigungen mit dem Verhältnis von Traum und Politik, insbesondere für Überlegungen zum Einfluss politischer Gewalt auf individuelle Erfahrungswelten und subjektive Wahrnehmungsmuster. So finden sich einige der von Beradt notierten Träume, die mittlerweile eine besondere Bekanntheit erlangt haben, in Durs Grünbeins autobiographischem „Kaleidoskop“ ''Die Jahre im Zoo'' (Grünbein 2015). Sie bilden ferner den Ausgangspunkt für das von W. Gordon Lawrence entwickelte Konzept des „Social Dreaming“ (Lawrence 2003 und Bain 2007), für Kulturprojekte wie die Theaterperformance „Die Träume von uns“ der Gruppe Helfersyndrom (Helfersyndrom 2015) oder für die philosophie-ästhetische Auseinandersetzung mit eigenen Träumen, wie sie Elisabeth Lenk vornimmt, die in ''Die unbewusste Gesellschaft'' den Traum in seiner spezifisch ästhetischen Form gegen die Reduktion auf Trauminhalte durch ihre Deuter verteidigt (Lenk 1983). Auch Georges Didi-Hubermans kunstphilosophische Perspektive auf Benjamin und Agamben widmet sich den von Beradt aufgezeichneten Kollektiv-Träumen: Er sieht in ihnen ein geheimes Wissen in Bildern aufgehoben, dessen widerständiges ästhetisches Potenzial er in besonderem Maße hervorhebt (Didi-Huberman 2009, 117 und 118).
    
Nachdem ''Das Dritte Reich des Traums'' über lange Zeit hinweg vergriffen war, gibt Barbara Hahn im Jahre 2016 eine Neuauflage heraus, in der sich auch erstmals eine von der Herausgeberin verfasste Übersetzung des 1943 in ''Free World'' publizierten Essays findet (Hahn in Beradt 2016, 137-147). In diesem Zusammenhang zeigt Hahn auch pointiert die Unterschiede zwischen der Präsentation des Materials in Essay und Buch auf: Der historische Abstand von ca. 20 Jahren führt dazu, dass die Träumenden in der späteren Ausgabe mit ihrer extremen Emotionalität, ihrer individuellen Stimme und der unmittelbaren Körperlichkeit fast vollständig zurücktreten (Hahn 2016, 32). Stattdessen stellt Charlotte Beradt den Traumberichten Informationen voran, die allgemeine Identitätskategorien wie Alter, Geschlecht, Beruf oder politische und religiöse Haltung der Träumenden festhalten und die Bedeutung der berichteten Träume vorwegnehmen. Im Essay präsentiert Beradt also viele Träume auf vergleichsweise engem Raum. Hahn stellt hierfür eine Anordnung nach den Gesichtspunkten der Freud’schen Traumdeutung fest (Hahn 2016, 36). Während die Traumberichte des Essays damit mehr oder weniger für sich sprechen und auf diese Weise eine gewisse Autonomie erlangen, sind sie in der Buchsammlung Teil eines größeren Interpretations- und Verweisungszusammenhangs aus Zitaten, Motti sowie Parallelisierungen mit Motiven, Themen und Erzählverfahren aus der Literatur. Diese erfolgen, wie Janosch Steuwer kritisch anmerkt, aus der spezifischen Perspektive der Totalitarismus- und Nationalsozialismus-Forschung der 1960er Jahre, so dass mit der Sammlung Beradts eine ganz bestimmte Sichtweise auf das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit im Nationalsozialismus präsentiert und forciert wird (Steuwer 2017, 538ff.).
 
Nachdem ''Das Dritte Reich des Traums'' über lange Zeit hinweg vergriffen war, gibt Barbara Hahn im Jahre 2016 eine Neuauflage heraus, in der sich auch erstmals eine von der Herausgeberin verfasste Übersetzung des 1943 in ''Free World'' publizierten Essays findet (Hahn in Beradt 2016, 137-147). In diesem Zusammenhang zeigt Hahn auch pointiert die Unterschiede zwischen der Präsentation des Materials in Essay und Buch auf: Der historische Abstand von ca. 20 Jahren führt dazu, dass die Träumenden in der späteren Ausgabe mit ihrer extremen Emotionalität, ihrer individuellen Stimme und der unmittelbaren Körperlichkeit fast vollständig zurücktreten (Hahn 2016, 32). Stattdessen stellt Charlotte Beradt den Traumberichten Informationen voran, die allgemeine Identitätskategorien wie Alter, Geschlecht, Beruf oder politische und religiöse Haltung der Träumenden festhalten und die Bedeutung der berichteten Träume vorwegnehmen. Im Essay präsentiert Beradt also viele Träume auf vergleichsweise engem Raum. Hahn stellt hierfür eine Anordnung nach den Gesichtspunkten der Freud’schen Traumdeutung fest (Hahn 2016, 36). Während die Traumberichte des Essays damit mehr oder weniger für sich sprechen und auf diese Weise eine gewisse Autonomie erlangen, sind sie in der Buchsammlung Teil eines größeren Interpretations- und Verweisungszusammenhangs aus Zitaten, Motti sowie Parallelisierungen mit Motiven, Themen und Erzählverfahren aus der Literatur. Diese erfolgen, wie Janosch Steuwer kritisch anmerkt, aus der spezifischen Perspektive der Totalitarismus- und Nationalsozialismus-Forschung der 1960er Jahre, so dass mit der Sammlung Beradts eine ganz bestimmte Sichtweise auf das Verhältnis von Privatheit und Öffentlichkeit im Nationalsozialismus präsentiert und forciert wird (Steuwer 2017, 538ff.).
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==Die Träume==
 
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