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Änderungen – Lexikon Traumkultur

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Die Grundidee, artifizielle Träume und Erinnerungen als Dienstleistungen anzubieten, ist schon in Hans Richters (1888-1976) Film ''Dreams That Money Can Buy'' (1947) zu finden, später dann (teilweise aber sicher ohne Bezug auf das Hörspiel) als Topos in der Science Fiction-Literatur - beispielsweise in Philip K. Dicks (1928–1982) Short Story ''We Can Remember it for You Wholesale'' (1966) und der darauf basierenden Verfilmung ''Total Recall'' (1990) von Paul Verhoeven (geb. 1938), wo in ähnlicher Weise künstliche Erinnerungen in einem Geschäft verkauft werden.
 
Die Grundidee, artifizielle Träume und Erinnerungen als Dienstleistungen anzubieten, ist schon in Hans Richters (1888-1976) Film ''Dreams That Money Can Buy'' (1947) zu finden, später dann (teilweise aber sicher ohne Bezug auf das Hörspiel) als Topos in der Science Fiction-Literatur - beispielsweise in Philip K. Dicks (1928–1982) Short Story ''We Can Remember it for You Wholesale'' (1966) und der darauf basierenden Verfilmung ''Total Recall'' (1990) von Paul Verhoeven (geb. 1938), wo in ähnlicher Weise künstliche Erinnerungen in einem Geschäft verkauft werden.
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==Träume käuflich zu erwerben==
 
==Träume käuflich zu erwerben==
 
===Von der Erzählung zum Hörspiel===
 
===Von der Erzählung zum Hörspiel===
Aus der Ich-Perspektive (in der narratologischen Terminologie von Gérard Genette also eine homodiegetische Erzählung) erzählt ein penibel arbeitender Büroangestellter iterativ von seinem Arbeitsalltag: Abends verlässt er müde die Firma und läuft abgestumpft durch die Straßen, vorbei an hell erleuchteten Geschäften mit buntem Neonlicht und Leuchtreklamen. An einem Sommerabend fällt ihm ein Laden auf, im Schaufenster "kleine und größere Pakete, unregelmäßig in der Form und mit Schleifen gebunden" (Bachmann 2010b, 42), aber ohne Firmenname an der Türe. Neugierig geworden, spricht er den 'interesselosen' Verkäufer an, und die Pakete entpuppen sich im abgedunkelten Geschäft als Träume.
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Aus der Ich-Perspektive (in der narratologischen Terminologie von Gérard Genette also 'autodiegetisch') erzählt ein penibel arbeitender Büroangestellter iterativ von seinem Arbeitsalltag: Abends verlässt er müde die Firma und läuft abgestumpft durch die Straßen, vorbei an hell erleuchteten Geschäften mit buntem Neonlicht und Leuchtreklamen. An einem Sommerabend fällt ihm ein Laden auf, im Schaufenster "kleine und größere Pakete, unregelmäßig in der Form und mit Schleifen gebunden" (GmT_E 42), aber ohne Firmenname an der Türe. Neugierig geworden, spricht er den 'interesselosen' Verkäufer an - und die Pakete entpuppen sich im abgedunkelten Geschäft als Träume.
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Das erzählende Ich möchte einen Traum "von dem Mädchen auf dem großen weißen Schiff" (ebd., 45) kaufen, vom Ladeninhaber zu einem ungewöhnlichen Preis angeboten: "Einen Monat." Für das Ich ist dies in seinem Arbeitsalltag nicht zu leisten, allerdings lässt ihm der Traum keine Ruhe – doch als er später wieder zu dem Geschäft kommt, existiert der Laden nicht mehr. In der Folge von einer "wohltätigen, fast schmerzlosen Krankheit ans Bett gefesselt" (ebd., 47) verliert er schließlich seine Arbeit: "Ich hatte mir eben zuviel Zeit genommen, und nun wurde mir noch einmal Zeit auf lange Zeit geschenkt. Zeit wofür?" (ebd., 47)
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Das erzählende Ich möchte einen Traum "von dem Mädchen auf dem großen weißen Schiff" (45) kaufen, vom Ladeninhaber zu einem ungewöhnlichen Preis angeboten: "Einen Monat." Für das Ich ist dies in seinem Arbeitsalltag nicht zu leisten, allerdings lässt ihm der Traum keine Ruhe – doch als er später wieder zu dem Geschäft kommt, existiert der Laden nicht mehr. In der Folge von einer "wohltätigen, fast schmerzlosen Krankheit ans Bett gefesselt" (47) verliert er schließlich seine Arbeit: "Ich hatte mir eben zuviel Zeit genommen, und nun wurde mir noch einmal Zeit auf lange Zeit geschenkt. Zeit wofür?" (47)
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Interessant ist nun, dass die kurze Prosaversion nicht nur Träume und das Träumen innerhalb der Handlung thematisiert, sondern – ähnlich wie Bachmanns Erzählung ''Der Kommandant'', als Fragment des frühen Romans ''Stadt ohne Namen'' wohl zwischen 1947 und 1951 entstanden – auch mit traumtypischen Elementen arbeitet. Dabei erinnert bereits die Ich-Perspektive im Präteritum wie auch die ausgeprägte Bildhaftigkeit (Ladeneinrichtung, Beschreibung des Traums, Wasserfrau) an die typische Nacherzählung eines vom Ich geträumten Traums; die Figur ist durch Ambivalenzen (ein "Schauen, das sich mehr nach innen als nach außen kehrte"; ebd., 41), eine tiefe Unruhe und plötzliche Handlungen ("planlos"; ebd., 42) gezeichnet, die im Widerspruch zum rational geplanten Arbeitsalltag scheinen; die Temporalität ("kaum spürend, dass ich stehenblieb"; ebd., 41) und das Verhältnis zur Zeit (Zeitdauer, Zeitwahrnehmung) wirken gestört; der scheinbar magische Raum ("wie von einem Wind bewegt"; ebd., 42) und Elemente der Phantastik (das Vorführen und Verkaufen von Träume, Zeit als Währung) widersprechen physikalischen oder logischen Gesetzen; das Spiel mit Undeutlichkeiten (Licht und Dunkelheit, Handlungsmotivation, Sprunghaftigkeit des Geschehens, später die vergebliche Suche nach dem Geschäft) wie auch die hohe Dichte von Motiven und Symbolen ist für literarische Traumdarstellungen der Moderne (etwa von Arthur Schnitzler, Franz Kafka oder Hugo von Hofmannsthal) durchaus charakteristisch.
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Interessant ist nun, dass die kurze Prosaversion nicht nur Träume und das Träumen innerhalb der Handlung thematisiert, sondern – ähnlich wie Bachmanns Erzählung ''Der Kommandant'' (als Fragment des frühen Romans ''Stadt ohne Namen'' wohl zwischen 1947 und 1951 entstanden) – auch mit traumtypischen Elementen arbeitet. Dabei erinnert bereits die Ich-Perspektive im Präteritum wie auch die ausgeprägte Bildhaftigkeit (Ladeneinrichtung, Beschreibung des Traums, Wasserfrau) an die typische Nacherzählung eines vom Ich geträumten Traums; die Figur ist durch Ambivalenzen (ein "Schauen, das sich mehr nach innen als nach außen kehrte"; 41), eine tiefe Unruhe und plötzliche Handlungen ("planlos"; 42) gezeichnet, die im Widerspruch zum rational geplanten Arbeitsalltag scheinen; die Temporalität ("kaum spürend, dass ich stehenblieb"; 41) und das Verhältnis zur Zeit (Zeitdauer, Zeitwahrnehmung) wirken gestört; der scheinbar magische Raum ("wie von einem Wind bewegt"; 42) und Elemente der Phantastik (das Vorführen und Verkaufen von Träume, Zeit als Währung) widersprechen physikalischen oder logischen Gesetzen; das Spiel mit Undeutlichkeiten (Licht und Dunkelheit, Handlungsmotivation, Sprunghaftigkeit des Geschehens, später die vergebliche Suche nach dem Geschäft) wie auch die hohe Dichte von Motiven und Symbolen ist durchaus charakteristisch für literarische Traumdarstellungen der Moderne (etwa bei Arthur Schnitzler, Franz Kafka oder Hugo von Hofmannsthal).
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Versteht man diese narrativen Aspekte als traumtypisch, würde sich, von der Markierung abgesehen, allerdings kein Unterschied zwischen dem 'Binnen-Traum' (im Geschäft) und der restlichen Ich-Erzählung ergeben – in dieser Lesart wäre also die gesamte Geschichte ein Traum. Das Hörspiel hingegen wählt, sicherlich auch aufgrund des Medienwechsels, nun eine andere Herangehensweise an die inhaltlich größtenteils ähnliche Geschichte.
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Versteht man diese narrativen Aspekte als traumtypisch, würde sich, von der Markierung abgesehen, allerdings kein Unterschied zwischen dem 'Binnen-Traum' (im Geschäft) und der restlichen Ich-Erzählung ergeben – in dieser Lesart wäre also die gesamte Geschichte ein Traum. Das Hörspiel hingegen wählt, sicherlich auch aufgrund des Medienwechsels, eine andere Herangehensweise an die inhaltlich größtenteils ähnliche Geschichte.
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Hier beginnt die Erzählung unvermittelt mit einem Einblick in den Büroalltag einer Firma: Die Sekretärin und Stenotypistin Anna nimmt gerade einen Brief des Angestellten Mandl auf, der dann etwas früher aufbrechen möchte, um noch ein Geburtstagsgeschenk für seine Frau zu kaufen. Der herrische Generaldirektor – die Szenenanweisung schreibt ihm ein "unangenehmes Organ" (Bachmann 2010a, 181) zu – lässt seinen Mitarbeiter Laurenz rufen, den Anna als "sehr fleißig und so bescheiden" (ebd., 183) beschreibt, und ihn schließlich nach Hause gehen. Laurenz gibt den Schlüssel beim Portier ab und macht sich müde auf den Heimweg durch die laute Großstadt. Unterwegs trifft er auf Mandl, den er (noch ein Geschenk suchend) ein Stück begleitet. Der Straßenlärm und die Hektik der Großstadt steigern sich in eine Collage aus Geräuschen und Gesprächsfetzen, und Laurenz wird – durch "eine leise irritierende Musik" (ebd., 191) – von einem geheimnisvollen Ladengeschäft angezogen.
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Hier beginnt die Erzählung unvermittelt mit einem Einblick in den Büroalltag einer Firma: Die Sekretärin und Stenotypistin Anna nimmt gerade einen Brief des Angestellten Mandl auf, der etwas früher aufbrechen möchte, um noch ein Geburtstagsgeschenk für seine Frau zu kaufen. Der herrische Generaldirektor – die Szenenanweisung schreibt ihm ein "unangenehmes Organ" (GMT 181) zu – lässt seinen Mitarbeiter Laurenz rufen, den Anna als "sehr fleißig und so bescheiden" (183) beschreibt, und ihn schließlich nach Hause gehen. Laurenz gibt den Schlüssel beim Portier ab und macht sich müde auf den Heimweg durch die laute Großstadt. Unterwegs trifft er auf Mandl, den er (noch ein Geschenk suchend) ein Stück begleitet. Der Straßenlärm und die Hektik der Großstadt steigern sich in eine Collage aus Geräuschen und Gesprächsfetzen, und Laurenz wird – durch "eine leise irritierende Musik" (191) – von einem geheimnisvollen Ladengeschäft angezogen.
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Schließlich betritt er diesen im Gegensatz dazu ruhigen "Traumladen", wo ihm der Verkäufer drei Träume vorführt: Einen Angsttraum, in dem er vom Generaldirektor seiner Firma verfolgt wird; einen Allmachtstraum, der ihn nun selbst zum mächtigen Kapitalisten macht; sowie einen Traum, der ihn mit seiner Kollegin Anna zusammenbringt. Als er diesen letzten Traum erwerben möchte, eröffnet ihm der Verkäufer den Preis – einen Monat: "Sie müssen mit Zeit bezahlen. Träume kosten Zeit, manche sehr viel Zeit." (ebd., 213) Da es bereits morgen geworden ist, eilt Laurenz zurück an seinen Arbeitsplatz und wird sogleich vom Generaldirektor herbeigerufen.
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Schließlich betritt er diesen im Gegensatz dazu ruhigen "Traumladen", wo ihm der Verkäufer drei Träume vorführt: Einen Angsttraum, in dem er vom Generaldirektor seiner Firma verfolgt wird; einen Allmachtstraum, der ihn nun selbst zum mächtigen Kapitalisten macht; sowie einen Traum, der ihn mit seiner Kollegin Anna zusammenbringt. Als er diesen letzten Traum erwerben möchte, eröffnet ihm der Verkäufer den Preis – einen Monat: "Sie müssen mit Zeit bezahlen. Träume kosten Zeit, manche sehr viel Zeit." (213) Da es bereits morgen geworden ist, eilt Laurenz zurück an seinen Arbeitsplatz und wird sogleich vom Generaldirektor herbeigerufen.
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Im Gegensatz zur Erzählung zuvor scheinen hier Traum und Realität deutlich stärker abgegrenzt zu sein – einerseits inhaltlich durch die verhältnismäßig ausführliche Exposition (Büroalltag in der Firma, Figur der Anna), die dann den Rahmen bildet, andererseits akustisch durch das musikalische Thema, das den Gegensatz zu den sonstigen Straßengeräuschen darstellt. Diese "leise irritierende Musik" setzt erstmals als 'verlockender' Klang ein, als sich Laurenz dem Traumladen nähert (ebd., 191) und wird dann beim ersten Verlassen kurzzeitig etwas leiser (vgl. ebd., 193); ebenso werden auch die drei Träume durch verschiedene Musikstücke eingeleitet und illustriert (ebd., 195, 197, 200, 205, 207, 211).
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Im Gegensatz zur Erzählung scheinen hier Traum und Realität deutlich stärker voneinander abgegrenzt zu sein – einerseits inhaltlich durch die verhältnismäßig ausführliche Exposition (Büroalltag in der Firma, Figur der Anna), die dann den Rahmen bildet, andererseits akustisch durch das musikalische Thema, das den Gegensatz zu den sonstigen Straßengeräuschen darstellt. Diese "leise irritierende Musik" setzt erstmals als 'verlockender' Klang ein, als sich Laurenz dem Traumladen nähert (191) und wird dann beim ersten Verlassen kurzzeitig etwas leiser (vgl. 193); ebenso werden auch die drei Träume durch verschiedene Musikstücke eingeleitet und illustriert (195, 197, 200, 205, 207, 211).
    
===Beschreibung und Analyse der Träume im Hörspiel===
 
===Beschreibung und Analyse der Träume im Hörspiel===
Während also in der Erzählung die Grenzen zwischen 'Traum' (Vorführung im Geschäft) und der 'Wirklichkeit' verfließen und sich quasi die gesamte Geschichte narrativ wie symbolisch an das Traumerleben anlehnt, sind die Übergänge im Hörspiel deutlicher, sodass sich die drei im Laden präsentierten Träume separiert analysieren lassen.
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Während also in der Erzählung die Grenzen zwischen 'Traum' (Vorführung im Geschäft) und 'Wirklichkeit' verfließen und sich quasi die gesamte Geschichte narrativ wie symbolisch an das Traumerleben anlehnt, sind die Übergänge im Hörspiel deutlicher, sodass sich die drei im Laden präsentierten Träume separiert analysieren lassen.
    
====Erster Traum====
 
====Erster Traum====
Nach dem Betreten des 'Traumladens' wird Laurenz ein erster Traum präsentiert – ein beklemmender Angsttraum: Die Büroangestellten (Laurenz, Mandl, Anna) werden von einem sich rasant nähernden Zug zu einem Tunnel gejagt. Erscheint dieser zunächst als rettender Zufluchtsort, den die drei verletzten und blutenden Kollegen unbedingt erreichen müssen, geht es nun darum, die Lokomotive aufzuhalten:
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Nach dem Betreten des 'Traumladens' wird Laurenz ein erster Traum präsentiert – ein beklemmender Angsttraum: Die Büroangestellten (Laurenz, Mandl, Anna) werden von einem sich rasant nähernden Zug zu einem Tunnel gejagt. Erscheint dieser zunächst als rettender Zufluchtsort, den die drei blutenden Verletzten unbedingt erreichen müssen, geht es nun darum, die Lokomotive aufzuhalten:
 
: LAURENZ: Das Herz durch den Tunnel. Das Herz zuerst.
 
: LAURENZ: Das Herz durch den Tunnel. Das Herz zuerst.
 
: MANDL: Wir müssen uns vor die Lokomotive werfen.
 
: MANDL: Wir müssen uns vor die Lokomotive werfen.
 
: ANNA: Laurenz, Sie müssen die Lokomotive aufhalten.
 
: ANNA: Laurenz, Sie müssen die Lokomotive aufhalten.
Plötzlich bereitet der Generaldirektor einen Angriff aus der Luft vor und wirft Bomben ab. Zu den Geräuschen der Detonation ruft Laurenz: "Erbarmen!" aus, und der Verkäufer bricht die Vorführung ab.
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Plötzlich bereitet der Generaldirektor einen Angriff aus der Luft vor und wirft Bomben ab. Bei den Geräuschen der Detonation ruft Laurenz: "Erbarmen!" aus, und der Verkäufer bricht die Vorführung ab.
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Das kurze Fragment ist durch seine traumtypische, fast schon stereotype Motivik gekennzeichnet (Tunnel, Eisenbahn, Herz, Blut, Flucht, Hilflosigkeit), sodass sich eine Freudianische Analyse des latenten Trauminhalts durch eine Analyse des manifesten Trauminhalts geradezu verlockend anbietet. Eine psychoanalytische Deutung würde dabei die Gefahr und Bedrohung durch den Zug (phallisches Symbol), die Rettung in den Tunnel (die weibliche Sexualität – zumeist Geschlecht oder Geburt – symbolisierend), das 'Hinaufsteigen' (Laurenz möchte eine Leiter) wie auch das Bluten insgesamt als Symbolisierungen des Geschlechtsverkehrs interpretieren (vgl. Freud 2009, 351–404, besonders 356f., 365f. und 392). Diese Liebe (Herz) wird nun aber durch den Generaldirektor bedroht, wenn sich die 'kanonischen' Bilder mit dem Thema des Luftkriegs (Bomben), womöglich als Symbol für den Zweiten Weltkrieg, vermischen. Der Angsttraum würde in dieser Lesart also die Unmöglichkeit der Liebe zwischen Laurenz und Anna spiegeln und hierbei auch keinen Ausweg eröffnen.
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Der kurze Traum ist durch seine traumtypische, fast schon stereotype Motivik gekennzeichnet (Tunnel, Eisenbahn, Herz, Blut, Flucht, Hilflosigkeit), sodass sich eine Freudianische Analyse des latenten Trauminhalts durch eine Analyse des manifesten Trauminhalts geradezu verlockend anbietet. Eine psychoanalytische Deutung würde dabei die Gefahr und Bedrohung durch den Zug (phallisches Symbol), die Rettung in den Tunnel (die weibliche Sexualität – zumeist Geschlecht oder Geburt – symbolisierend), das 'Hinaufsteigen' (Laurenz wünscht sich eine Leiter) wie auch das Bluten insgesamt als Symbolisierungen des Geschlechtsverkehrs interpretieren (vgl. Freud 2009, 351–404, besonders 356 f., 365 f. und 392). Diese Liebe (Herz) wird nun aber durch den Generaldirektor bedroht, wenn sich die 'kanonischen' Bilder mit dem Thema des Luftkriegs (Bomben) vermischen. Der Angsttraum würde in dieser Lesart also die Unmöglichkeit der Liebe zwischen Laurenz und Anna spiegeln und hierbei auch keinen Ausweg eröffnen.
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Bachmann hat sich wohl intensiv mit Sigmund Freud auseinandergesetzt – in ihrer Bibliothek finden sich mehrere Bücher des Wiener 'Übervaters' (u.a. die im Fischer-Verlag erschienene Studienausgabe sowie verschiedene Briefwechsel) –, sodass die bildhafte Symbolik dieses ersten Traums sicherlich begründbar mit der Psychoanalyse zu verbinden ist. Wenn allerdings im späteren ''Wüstenbuch'' (einer Vorstufe zu ihrem ''Todesarten''-Zyklus) "in ihren Träumen Schlangen und Feuer und Sümpfe und Flüge vorkommen" (Bachmann 1995, 240), wirkt die plakative Symbolik wiederum fast schon ironisch gebrochen.
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Bachmann hat sich wohl intensiv mit Sigmund Freud auseinandergesetzt – in ihrer Bibliothek finden sich mehrere Bücher des Wiener 'Übervaters' (u.a. die im Fischer-Verlag erschienene Studienausgabe sowie verschiedene Briefwechsel) –, sodass die bildhafte Symbolik dieses ersten Traums sicherlich begründbar mit der Psychoanalyse zu verbinden ist. Wenn allerdings im späteren ''Wüstenbuch'' (einer Vorstufe zu ihrem ''Todesarten''-Zyklus) "in ihren Träumen Schlangen und Feuer und Sümpfe und Flüge vorkommen" (Bachmann 1995, 240), wirkt die plakative Symbolik fast schon ironisch gebrochen.
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Gleichzeitig scheint "Anna" nicht nur als Sehnsuchtsfigur für Laurenz offenbar das kollektiv Weibliche zu verkörpern, sondern in Bachmanns Schreiben für einen 'Archetypus' zu stehen: Wie auch der (ebenfalls christliche) Name Maria (etwa in der frühen Erzählung ''Die Fähre'') taucht der Vorname Anna in mehreren ihrer Erzählungen und Romane auf, darunter im unvollendeten ''Porträt von Anna Maria'' (1955/57), im Erzählfragment ''Der Tod wird kommen'' (um 1965) sowie in den um 1960 erschienenen Erzählungen ''Alles'' (als Hanna) und ''Ein Wildermuth'' (als Anni). Im sogenannten "Anna-Fragment" des frühen Romans ''Stadt ohne Namen'' (1947–51) steht die Frau mit dem Palindrom-Namen – in Verbindung mit der Traum-Erzählung Der Kommandant, in einem biblischen Erzählduktus und mit einer starken christlichen Aufladung – als Personifikation für die weibliche Befreiung vom väterlichen Patriarchat und symbolisiert die heilsgeschichtliche 'Offenbarung'.
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Gleichzeitig scheint "Anna" nicht nur als Sehnsuchtsfigur für Laurenz offenbar das kollektiv Weibliche zu verkörpern, sondern in Bachmanns Schreiben für einen 'Archetypus' zu stehen: Wie auch der (ebenfalls christliche) Name Maria (etwa in der frühen Erzählung ''Die Fähre'') taucht der Vorname Anna in mehreren ihrer Erzählungen und Romane auf, darunter im unvollendeten ''Porträt von Anna Maria'' (1955/57), im Erzählfragment ''Der Tod wird kommen'' (um 1965) sowie in den um 1960 erschienenen Erzählungen ''Alles'' (als Hanna) und ''Ein Wildermuth'' (als Anni). Im sogenannten "Anna-Fragment" des frühen Romans ''Stadt ohne Namen'' (1947–51) steht die Frau mit dem Palindrom-Namen – in Verbindung mit der Traum-Erzählung ''Der Kommandant'' in biblischem Erzählduktus und mit stark christlicher Aufladung – als Personifikation für die weibliche Befreiung vom väterlichen Patriarchat und symbolisiert die heilsgeschichtliche 'Offenbarung'.
    
====Zweiter Traum====
 
====Zweiter Traum====
In der zweiten 'Vorführung' wird Laurenz nun selbst zum Generaldirektor: Der Traum beginnt mit mehreren Telefonistinnen, die Anruft in das Chefbüro weiterleiten; doch nun hat Laurenz die Macht, die anderen warten zu lassen, sogar den Minister (Bachmann 2010a, 198). Inzwischen ist Anna seine Sekretärin geworden, allerdings ist er mit ihrer Arbeit nicht zufrieden und lässt sie – nachdem er den Mond 'in Besitz genommen' hat, auf den Erdtrabanten verbannen (ebd., 203):
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In der zweiten 'Vorführung' wird Laurenz nun selbst zum Generaldirektor: Der Traum beginnt mit mehreren Telefonistinnen, die Anrufe in das Chefbüro weiterleiten; doch nun hat Laurenz die Macht, die anderen warten zu lassen, sogar den Minister (Bachmann 2010a, 198). Inzwischen ist Anna seine Sekretärin geworden, allerdings ist er mit ihrer Arbeit nicht zufrieden und lässt sie – nachdem er den Mond 'in Besitz genommen' hat, auf den Erdtrabanten verbannen (ebd., 203):
 
: ANNA: Ich liebe Sie und Sie verstoßen mich. Ich will nichts, ich will nur zu Ihren Füßen sitzen dürfen, Ihre Sklavin sein, Ihre Befehle erfüllen dürfen. […] Machen Sie zu meiner Nachfolgerin, wen Sie wollen, lassen Sie mich ihr und Ihnen dienen… ach, Laurenz.
 
: ANNA: Ich liebe Sie und Sie verstoßen mich. Ich will nichts, ich will nur zu Ihren Füßen sitzen dürfen, Ihre Sklavin sein, Ihre Befehle erfüllen dürfen. […] Machen Sie zu meiner Nachfolgerin, wen Sie wollen, lassen Sie mich ihr und Ihnen dienen… ach, Laurenz.
 
Laurenz wird in der Folge – "ja, sie konnte mir nichts bedeuten" – von einer "traurige[n] Langeweile" (ebd., 204) befallen und beschließt, einfach ‚den Krieg‘ zu erklären. Unmittelbar bevor der Traum endet, kündigt eine Durchsage an:
 
Laurenz wird in der Folge – "ja, sie konnte mir nichts bedeuten" – von einer "traurige[n] Langeweile" (ebd., 204) befallen und beschließt, einfach ‚den Krieg‘ zu erklären. Unmittelbar bevor der Traum endet, kündigt eine Durchsage an:
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* Bachmann, Ingeborg: Laurenz träumt von der Liebe. In: Stimmen der Gegenwart 3 (1953), 41–48.
 
* Bachmann, Ingeborg: Laurenz träumt von der Liebe. In: Stimmen der Gegenwart 3 (1953), 41–48.
 
(= textabweichender Ausschnitt aus dem Hörspiel)
 
(= textabweichender Ausschnitt aus dem Hörspiel)
* Bachmann, Ingeborg: Ein Geschäft mit Träumen. In: I.B.: Werke. 4 Bde. Hg. von Christine Koschel, Inge von Weidenbaum und Clemens Münster. Bd. 1: Gedichte, Hörspiele, Libretti, Übersetzungen. München: Piper 2010a, 177–216.
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* Bachmann, Ingeborg: Ein Geschäft mit Träumen. In: I.B.: Werke. 4 Bde. Hg. von Christine Koschel, Inge von Weidenbaum und Clemens Münster. Bd. 1: Gedichte, Hörspiele, Libretti, Übersetzungen. München: Piper 2010a, 177–216, zitiert als GmT.
 
(= Bachmann-Werkausgabe)
 
(= Bachmann-Werkausgabe)
       
===Ausgaben der Erzählung===
 
===Ausgaben der Erzählung===
* Bachmann, Ingeborg: Ein Geschäft mit Träumen. In: I.B.: Werke. 4 Bde. Hg. von Christine Koschel, Inge von Weidenbaum und Clemens Münster. Bd. 2: Erzählungen. München: Piper 2010b, 41–47.
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* Bachmann, Ingeborg: Ein Geschäft mit Träumen. In: I.B.: Werke. 4 Bde. Hg. von Christine Koschel, Inge von Weidenbaum und Clemens Münster. Bd. 2: Erzählungen. München: Piper 2010b, 41–47, zitiert als GmT_E.
 
(= Erstdruck in der Bachmann-Werkausgabe)
 
(= Erstdruck in der Bachmann-Werkausgabe)
  

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