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Änderungen – Lexikon Traumkultur

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===Übergreifende Funktion der Träume – der Prototyp des triadischen Traumes===
 
===Übergreifende Funktion der Träume – der Prototyp des triadischen Traumes===
In der Forschung wurde vor allem Traum I, der mit der blauen Blume scheinbar das zentrale Symbol des Romans enthält, Beachtung geschenkt. Traum II wurde weitaus weniger berücksichtigt, Traum III kaum Aufmerksamkeit geschenkt. Dabei liegt die besondere Leistung Novalis’ darin eine Konstruktion erfunden zu haben, die in der gesamten literarischen Romantik als vorbildhaft empfunden wurde und die sich als triadischer Traum bezeichnen lässt.  Es handelt sich dabei um eine Gruppe von Traumdarstellungen, deren Prototyp die beiden Träume Heinrichs sind und deren verbindendes Element vor allem das ihnen zugrundeliegende Konstruktionsprinzip ist. Diese Darstellung des Traumes orientiert sich nämlich an (1) dem triadischen Geschichtsmodell und (2) dem Prinzip der Mise en abyme. Das Modell des goldenen Zeitalters soll hier zur Erinnerung nochmals dargestellt werden: (I) Vergangenes goldenes Zeitalter, (II) (negativ konnotierte) Gegenwart, zugleich Übergangsphase zu einem neuen goldenen Zeitalter, (III) Wiederkehr eines neuen, höheren goldenen Zeitalters. Das Modell ist eigentlich progressiv gedacht: Immer wieder enden goldene Zeitalter, immer wieder kommen nach einer Übergangsphase neue goldene Zeitalter.  
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In der Forschung wurde vor allem Traum I, der mit der blauen Blume scheinbar das zentrale Symbol des Romans enthält, berücksichtigt. Traum II wurde weitaus weniger berücksichtigt, Traum III kaum Aufmerksamkeit geschenkt(vgl. Quintes 2019, 34f.). Dabei liegt die besondere Leistung Novalis’ darin, eine Konstruktion erfunden zu haben, die in der gesamten literarischen Romantik als vorbildhaft empfunden wurde und die sich als triadischer Traum bezeichnen lässt (vgl. Quintes 2019, S. 305–324).  Es handelt sich dabei um eine Gruppe von Traumdarstellungen, deren Prototyp die beiden Träume Heinrichs sind und deren verbindendes Element vor allem das ihnen zugrundeliegende Konstruktionsprinzip ist. Diese Darstellung des Traumes orientiert sich nämlich an (1) dem triadischen Geschichtsmodell und (2) dem Prinzip der Mise en abyme. Das Modell des goldenen Zeitalters soll hier zur Erinnerung nochmals dargestellt werden:  
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(I) Vergangenes goldenes Zeitalter  
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(II) (negativ konnotierte) Gegenwart, zugleich Übergangsphase zu einem neuen goldenen Zeitalter  
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(III) Wiederkehr eines neuen, höheren goldenen Zeitalters.  
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Das Modell ist eigentlich progressiv gedacht: Immer wieder enden goldene Zeitalter, immer wieder kommen nach einer Übergangsphase neue goldene Zeitalter.  
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Die beiden Träume Heinrichs bilden gemeinsam eine Triade. Der Traum von der blauen Blume, Traum I, steht am Anfang von Heinrichs äußerer Reise, Heinrichs zweiter Traum, Traum III, an deren Ende. Beide Träume, insbesondere der erste, lassen sich, wie bereits gezeigt wurde, nochmals weiter unterteilen, nur zusammen ergeben sie aber die Triade. Der erzähltechnische Clou liegt darin, dass der erste Traum den Anfang der Triade erzählt, vergangenes goldenes Zeitalter, der zweite Traum auf die Zukunft verweist, künftiges goldenes Zeitalter, und die Handlung dazwischen, welche in der Wachwelt angesiedelt ist, die Gegenwart zwischen den goldenen Zeitaltern abbildet. Wie aber kann man ein goldenes Zeitalter, in dem das Konzept ‚Zeit‘ keine Rolle mehr spielt, literarisch umsetzen? Wie gestaltet sich der Weg in das neue goldene Zeitalter?
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Die beiden Träume Heinrichs bilden gemeinsam eine Triade. Der Traum von der blauen Blume, Traum I, steht am Anfang von Heinrichs äußerer Reise, Heinrichs zweiter Traum, Traum III, an deren Ende. Beide Träume, insbesondere der erste, lassen sich nochmals weiter unterteilen, nur zusammen ergeben sie aber die Triade. Der erzähltechnische Clou liegt darin, dass der erste Traum den Anfang der Triade erzählt, vergangenes goldenes Zeitalter, der zweite Traum auf die Zukunft verweist, künftiges goldenes Zeitalter, und die Handlung dazwischen, welche in der Wachwelt angesiedelt ist, die Gegenwart zwischen den goldenen Zeitaltern abbildet. Wie aber kann man ein goldenes Zeitalter, in dem das Konzept ‚Zeit‘ keine Rolle mehr spielt, literarisch umsetzen? Wie gestaltet sich der Weg in das neue goldene Zeitalter?
    
Der Raum, in den Heinrich sich zu Beginn seiner Reise in Traum I begibt, ist ein Spiegel der idealistischen Philosophie: Er macht eine Reise zurück zum Ursprung des Seins, nämlich unmittelbar an den Punkt, an dem sich Betrachtung und Reflexion getrennt haben. Diese Reise spiegelt sich auch in der ihn umgebenden Landschaft wider, die die Entwicklung der Natur abbildet.  Am Beginn von Heinrichs Entwicklung steht also der Ausblick auf die erste Stufe der Triade.  Heinrichs Reise, die nach dem Erwachen (und dem Gespräch mit den Eltern) beginnt, orientiert sich an der Symbolik des Traumes; aus der Quelle ist im zweiten Traum ein Strom geworden. Nach dem missglückten Versuch, Mathilde zu retten, findet Heinrich sich mit dieser unter dem Strom wieder und trinkt dort aus einer Quelle. Der zweite Teil der Triade beinhaltet also einen Wechsel von einem real existierenden Raum (über den Fluss), in einen mythischen Raum (unter dem Fluss). Die Raumdarstellung trägt damit zur Verdeutlichung der grundlegenden Aussage des Traumes bei, sie verweist auf die bevorstehende Rückkehr des goldenen Zeitalters und die anstehende Poetisierung der Welt.
 
Der Raum, in den Heinrich sich zu Beginn seiner Reise in Traum I begibt, ist ein Spiegel der idealistischen Philosophie: Er macht eine Reise zurück zum Ursprung des Seins, nämlich unmittelbar an den Punkt, an dem sich Betrachtung und Reflexion getrennt haben. Diese Reise spiegelt sich auch in der ihn umgebenden Landschaft wider, die die Entwicklung der Natur abbildet.  Am Beginn von Heinrichs Entwicklung steht also der Ausblick auf die erste Stufe der Triade.  Heinrichs Reise, die nach dem Erwachen (und dem Gespräch mit den Eltern) beginnt, orientiert sich an der Symbolik des Traumes; aus der Quelle ist im zweiten Traum ein Strom geworden. Nach dem missglückten Versuch, Mathilde zu retten, findet Heinrich sich mit dieser unter dem Strom wieder und trinkt dort aus einer Quelle. Der zweite Teil der Triade beinhaltet also einen Wechsel von einem real existierenden Raum (über den Fluss), in einen mythischen Raum (unter dem Fluss). Die Raumdarstellung trägt damit zur Verdeutlichung der grundlegenden Aussage des Traumes bei, sie verweist auf die bevorstehende Rückkehr des goldenen Zeitalters und die anstehende Poetisierung der Welt.
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Diese Interpretation stützt auch die Symbolik der Traumdarstellungen. Ich erläutere dies anhand der beiden Symbole Strom und Barke: Ersterer hat Innerhalb des Romans in beiden Träumen Heinrichs eine zentrale Funktion inne. Für Schelling war Wasser das Element, „von dem alle Produktivität ausgeht, und in das sie zurückläuft“, es ist also quasi ein Spiegel des Verhältnisses von reeller und ideeller Tätigkeit. Dieses Bild des Wassers hatte Novalis in den Lehrlingen und im Ofterdingen aufgegriffen; es ist der Schlüssel zum Verständnis der beiden Traumdarstellungen. Der Weg Heinrichs von der Quelle aus dem ersten Traum hin zum fertigen Strom, dann unter den Strom, wo eine neue Quelle entspringt und darüber hinaus, spiegelt die zentrale Vorstellung des idealistischen Denkens wider. Alles geht von der (absoluten) Quelle aus, alles geht wieder dorthin zurück, in einem unendlichen Prozess, der im Ofterdingen am Beispiel Heinrichs abgebildet wird. Die Barke wiederum ist eigentlich das Attribut Charons, des Fährmanns, der die Toten über den Fluss Acheron bringt. Diesen symbolischen Übergang von einer Welt in die nächste hat Novalis im Ofterdingen im Sinne einer Neuen Mythologie auf Heinrich übertragen. Das Durchqueren des Flusses – Heinrich gelangt unter den Fluss – ist der Übergang in die nächste Welt. Damit vermitteln die beiden Träume Heinrichs in ihrer Gesamtheit als triadischer Traum ein Wissen, das über die Figur Heinrichs hinausgeht und sich direkt an den Leser richtet, sie sind metareflexiv.   
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Diese Interpretation stützt auch die Symbolik der Traumdarstellungen. Ich erläutere dies anhand der beiden Symbole Strom und Barke: Ersterer hat innerhalb des Romans in beiden Träumen Heinrichs eine zentrale Funktion inne. Für Schelling war Wasser das Element, „von dem alle Produktivität ausgeht, und in das sie zurückläuft“, es ist also quasi ein Spiegel des Verhältnisses von reeller und ideeller Tätigkeit. Dieses Bild des Wassers hatte Novalis in den Lehrlingen und im Ofterdingen aufgegriffen; es ist der Schlüssel zum Verständnis der beiden Traumdarstellungen. Der Weg Heinrichs von der Quelle aus dem ersten Traum hin zum fertigen Strom, dann unter den Strom, wo eine neue Quelle entspringt und darüber hinaus, spiegelt die zentrale Vorstellung des idealistischen Denkens wider. Alles geht von der (absoluten) Quelle aus, alles geht wieder dorthin zurück, in einem unendlichen Prozess, der im Ofterdingen am Beispiel Heinrichs abgebildet wird. Die Barke wiederum ist eigentlich das Attribut Charons, des Fährmanns, der die Toten über den Fluss Acheron bringt. Diesen symbolischen Übergang von einer Welt in die nächste hat Novalis im Ofterdingen im Sinne einer Neuen Mythologie auf Heinrich übertragen. Das Durchqueren des Flusses – Heinrich gelangt unter den Fluss – ist der Übergang in die nächste Welt. Damit vermitteln die beiden Träume Heinrichs in ihrer Gesamtheit als triadischer Traum ein Wissen, das über die Figur Heinrichs hinausgeht und sich direkt an den Leser richtet, sie sind metareflexiv.   
     
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