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Änderungen – Lexikon Traumkultur

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===Methode===
 
===Methode===
Im 19. Jahrhundert war Schlaf- und Traumforschung ein Bereich, dem sich sowohl Spezialisten aus der Medizin, der Philosophie etc. als auch interessierte Laien mit Kompetenzen in anderen Bereichen widmeten (Carroy 2013, 55). Hervey gehört zweiter Gruppe an, wie er selbst im ersten Teil seines Werkes bekennt: „L’auteur n’est point docteur en médecine, encore moins en philosophie“ (RMD 3). Seine Qualifikation für die Traumforschung sieht er in seinen langjährigen Traumaufzeichnungen, seiner guten Traumerinnerung und der Fähigkeit, im Traum Bewusstsein zu erlangen und diesen zu steuern (RMD 3–6). Als Jugendlicher hält er bereits seine Träume in Zeichnungen und Traumtagebüchern fest (RMD 4). Dadurch gelingt es ihm, seine Traumerinnerung derart zu steigern, dass er sich seiner Träume nahezu jede Nacht entsinnt (RMD 4 f.), was ihn zu der Annahme verleitet, dass es keinen Schlaf ohne Träume gebe (RMD 4 f., 14). Zudem entwickelt er im Zuge seiner Aufzeichnungspraxis die Fähigkeit, sich im Schlaf des Traumzustandes bewusst zu werden und den eigenen Traum zu lenken (RMD 4–6). Diese sogenannten luziden Träume ermöglichen es ihm, die Funktionsweise des Traums noch im Verlauf desselben zu untersuchen und nach Belieben zu erwachen, um die gewonnenen Erkenntnisse sogleich zu Papier zu bringen (RMD 6). Hervey de Saint-Denys setzt sich demnach nicht nur als „savant rêveur“ (Carroy 2013, 61), sondern auch als „rêveur savant“ (ebd.) in Szene (ebd.). Aufgrund seiner mangelnden Fachkenntnisse sieht er sich jedoch nicht als Traumtheoretiker, sondern lediglich als Beobachter, der ähnlich einem Reisenden seine fehlenden wissenschaftlichen Kenntnisse durch die Genauigkeit seiner Beobachtungen kompensiert und es anderen überlässt, das bereitgestellte Material zu komplementieren und daraus eine Theorie abzuleiten (RMD 8, 11 f.).
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Im 19. Jahrhundert war Schlaf- und Traumforschung ein Bereich, dem sich sowohl Spezialisten aus der Medizin, der Philosophie etc. als auch interessierte Laien mit Kompetenzen in anderen Bereichen widmeten (Carroy 2013, 55). Hervey gehört der zweiten Gruppe an, wie er selbst im ersten Teil seines Werkes bekennt: „L’auteur n’est point docteur en médecine, encore moins en philosophie“ (RMD 3). Seine Qualifikation für die Traumforschung sieht er in seinen langjährigen Traumaufzeichnungen, seiner guten Traumerinnerung und der Fähigkeit, luzide zu träumen (RMD 3–6). Bereits als Jugendlicher hält er seine Träume in Zeichnungen und Traumtagebüchern fest (RMD 4). Dadurch gelingt es ihm, seine Traumerinnerung derart zu steigern, dass er sich seiner Träume nahezu jede Nacht entsinnt (RMD 4 f.), was ihn zu der Annahme verleitet, dass es keinen Schlaf ohne Träume gebe (RMD 4 f., 14). Zudem entwickelt er im Zuge seiner Aufzeichnungspraxis die Fähigkeit, sich im Schlaf des Traumzustandes bewusst zu werden und den eigenen Traum zu lenken (RMD 4–6). Diese sogenannten luziden Träume ermöglichen es ihm, die Funktionsweise des Traums noch im Verlauf desselben zu untersuchen und nach Belieben zu erwachen, um die gewonnenen Erkenntnisse sogleich zu Papier zu bringen (RMD 6). Hervey de Saint-Denys setzt sich demnach nicht nur als „savant rêveur“, sondern auch als „rêveur savant“ in Szene (Carroy 2013, 61). Aufgrund seiner mangelnden Fachkenntnisse sieht er sich jedoch nicht als Traumtheoretiker, sondern lediglich als Beobachter, der ähnlich einem Reisenden seine fehlenden wissenschaftlichen Kenntnisse durch die Genauigkeit seiner Beobachtungen kompensiert und es anderen überlässt, das bereitgestellte Material zu komplettieren und daraus eine Theorie abzuleiten (RMD 8, 11 f.).
    
===Definition und Klassifikation von Träumen===
 
===Definition und Klassifikation von Träumen===
In seinen Untersuchungen geht Hervey de Saint-Denys von einer Grunddefinition des Traums als „la représentation aux yeux de notre esprit des objets qui occupent notre pensée“ (RMD 18) aus. Vor dem geistigen Auge des Träumers werden folglich nur solche Gegenstände abgebildet, die bei Tage in seinen Gedanken präsent waren (ebd.). Anders als der Mediziner Jacques-Louis Moreau de la Sarthe, der im ''Dictionnaire des Sciences médicales'' (1820) zwischen ›rêve‹ als Oberbegriff für morbide und gewöhnliche Träume und ›songe‹ als Bezeichnung für nicht morbide, realitätsbezogene Träume unterscheidet (RMD 101 f.), sieht Hervey de Saint-Denys diese Termini als Synonyme an (RMD 89).
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In seinen Untersuchungen geht Hervey de Saint-Denys von einer Grunddefinition des Traums als „la représentation aux yeux de notre esprit des objets qui occupent notre pensée“ (RMD 18) aus. Vor dem geistigen Auge des Träumers werden folglich nur solche Gegenstände abgebildet, die bei Tage in seinen Gedanken präsent waren. Anders als der Mediziner Jacques-Louis Moreau de la Sarthe, der im ''Dictionnaire des Sciences médicales'' (1820) zwischen ›rêve‹ als Oberbegriff für morbide und gewöhnliche Träume und ›songe‹ als Bezeichnung für nicht morbide, realitätsbezogene Träume unterscheidet (RMD 101 f.), sieht Hervey de Saint-Denys diese Termini als Synonyme an (RMD 89).
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Je nachdem, welche Ursache ihnen zugrunde liegt, unterscheidet Hervey zwischen:
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Je nach zugrundeliegender Ursache unterscheidet Hervey zwischen:
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1. Träumen, die durch reine Ideenassoziation hervorgerufen werden,
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1. Träumen, die durch reine Ideenassoziation hervorgerufen werden;
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2. Träumen, die durch interne Empfindungen verursacht werden,
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2. Träumen, die durch interne Empfindungen verursacht werden;
    
3. Träumen, die durch externe Reize ausgelöst werden (RMD 195 f.).
 
3. Träumen, die durch externe Reize ausgelöst werden (RMD 195 f.).
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Gleichsam nimmt er auf der Ebene der Wahrnehmung und der inhaltlichen Verknüpfung der Traumbilder eine Unterteilung in luzide im Sinne von (visuell) deutlich erkennbaren, kohärenten Träumen (RMD 260, 272, 276, 282, 349, 464, 469) und verschwommene, zusammenhanglose Träumen vor (RMD 276). Die Schärfe der Traumbilder hängt, nach Hervey, von der Qualität der zugrunde liegenden Erinnerungsnegative ab (RMD 20), derer sich das Subjekt nicht immer entsinnt, sodass es zuweilen glaubt, im Traum Dinge und Personen zu sehen, die ihm in der Realität noch nie begegnet sind (ebd.). Generell zeichnen sich die Traumbilder nur sehr selten mit gleicher Deutlichkeit ab; der Traum erscheint vielmehr als Patchwork-Teppich bestehend aus klar erkennbaren und verschwommenen, älteren verblichenen Erinnerungsnegativen (RMD 172).
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Gleichsam nimmt er auf der Ebene der Wahrnehmung und der inhaltlichen Verknüpfung der Traumbilder eine Unterteilung in luzide - visuell) deutlich erkennbare, kohärente - Träume (RMD 260, 272, 276, 282, 349, 464, 469) und verschwommene, zusammenhanglose Träumen vor (RMD 276). Die Schärfe der Traumbilder hängt, nach Hervey, von der Qualität der zugrundeliegenden Erinnerungsnegative ab (RMD 20), derer sich das Subjekt nicht immer entsinnt, sodass es zuweilen glaubt, im Traum Dinge und Personen zu sehen, die ihm in der Realität noch nie begegnet sind (ebd.). Generell zeichnen sich die Traumbilder nur sehr selten mit gleicher Deutlichkeit ab; der Traum erscheint vielmehr als Patchwork-Teppich bestehend aus klar erkennbaren und verschwommenen, älteren verblichenen Erinnerungsnegativen (RMD 172).
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Unter dem Begriffs ›rêve lucide‹ fasst Hervey de Saint-Denys jedoch insbesondere solche Träume, in denen der Träumer derart luzide im Sinne von scharfsinnig ist, dass er sich des Träumens bewusst ist, die Traumumgebung klar und deutlich wahrnimmt und darüber hinaus auch den Handlungsverlauf bewusst zu steuern vermag (RMD 27–30, 256, 260, 273 f., 451). Im Gegensatz zu Moreau de la Sarthe, demzufolge luzide (im Sinne von visuell deutliche) Träume nicht kohärenter sind als gewöhnliche Träume, sondern lediglich intensiv wahrgenommen und besonders gut erinnert werden, stellt die Erinnerbarkeit des Traums für Hervey kein Kriterium für Luzidität dar (RMD 109). Dagegen sieht er das bewusste Träumen und die sich daraus ergebende Möglichkeit der Traumsteuerung, die Moreau de la Sarthe aufgrund seiner Vorstellung der Aufhebung intellektueller Fähigkeiten im Schlaf ausschließt, als essentielle Aspekte luziden Träumens an (RMD 109 f.).
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Unter dem Begriffs ›rêve lucide‹ fasst Hervey de Saint-Denys jedoch insbesondere solche Träume, in denen der Träumer derart luzide im Sinne von scharfsinnig ist, dass er sich des Träumens bewusst ist, die Traumumgebung klar und deutlich wahrnimmt und darüber hinaus auch den Handlungsverlauf bewusst zu steuern vermag (RMD 27–30, 256, 260, 273 f., 451). Im Gegensatz zu Moreau de la Sarthe, demzufolge luzide (d.h. visuell deutliche) Träume nicht kohärenter sind als gewöhnliche Träume, sondern lediglich intensiv wahrgenommen und besonders gut erinnert werden, stellt die Erinnerbarkeit des Traums für Hervey kein Kriterium für Luzidität dar (RMD 109). Dagegen sieht er das bewusste Träumen und die sich daraus ergebende Möglichkeit der Traumsteuerung, die Moreau de la Sarthe aufgrund seiner Vorstellung der Aufhebung intellektueller Fähigkeiten im Schlaf ausschließt, als essentielle Aspekte luziden Träumens an (RMD 109 f.).
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===Der Traum und die ihm zugrunde liegenden Mechanismen===
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===Der Traum und die ihm zugrundeliegenden Mechanismen===
 
====Wie entsteht ein Traum?====
 
====Wie entsteht ein Traum?====
Nach Hervey de Saint-Denys spielt das Gedächtnis bei der Traumbildung eine wesentliche Rolle. Es ist vergleichbar mit einem Fotoapparat, der tagsüber permanent die Eindrücke des Lebens in Bildern festhält und diese Erinnerungsnegative („clichés-souvenirs [Hervorh. i. Orig.]“ (RMD 20) ähnlich einer Kollodiumplatte, meist ohne das Wissen des Subjekts, reflektiert und abspeichert (RMD 18 f.). Somit fungiert das Gehirn gleichsam als Aufnahmegerät, Projektionsfläche und Archiv. Unter Bezugnahme auf die Ausführungen Lemoines, Stewarts und Maurys bekräftigt Hervey de Saint-Denys, dass ein Traum durch das Zusammenwirken einer „'''''mémoire-imaginative''''' [Hervorh. i. Orig.]“ (RMD 301) und einer „imagination“ (ebd.) zustande kommt (RMD 211, 301, 304 f.). Während das Gedächtnis im Traum lediglich aus dem Archiv der Erinnerungen einen der unzähligen Eindrücke des Wachlebens erneut heraufbeschwört, ist die Vorstellungskraft mit der innovativen Anordnung und neuartigen Kombination dieses Erinnerungsmaterials betraut (RMD 210 f., 277, 301 f.).
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Nach Hervey de Saint-Denys spielt das Gedächtnis bei der Traumbildung eine wesentliche Rolle. Es ist vergleichbar mit einem Fotoapparat, der tagsüber permanent die Eindrücke des Lebens in Bildern festhält und diese Erinnerungsnegative („clichés-souvenirs“, RMD 20) ähnlich einer Kollodiumplatte, meist ohne das Wissen des Subjekts, reflektiert und abspeichert (RMD 18 f.). Somit fungiert das Gehirn gleichsam als Aufnahmegerät, Projektionsfläche und Archiv. Unter Bezugnahme auf die Ausführungen Lemoines, Stewarts und Maurys bekräftigt Hervey de Saint-Denys, dass ein Traum durch das Zusammenwirken einer „mémoire-imaginative“ und einer „imagination“ zustande kommt (RMD 211, 301, 304 f.). Während das Gedächtnis im Traum lediglich aus dem Archiv der Erinnerungen einen der unzähligen Eindrücke des Wachlebens erneut heraufbeschwört, ist die Vorstellungskraft mit der innovativen Anordnung und neuartigen Kombination dieses Erinnerungsmaterials betraut (RMD 210 f., 277, 301 f.).
    
====Wie erklärt sich die Inkohärenz mancher Träume?====
 
====Wie erklärt sich die Inkohärenz mancher Träume?====
Nach Hervey ist die Zusammenhanglosigkeit mancher Träumer der assoziativen Aneinanderreihung (etwa nach formalen Analogien), der abstrakten Verknüpfung oder Überlagerung von ›clichés-souvenirs‹ geschuldet (RMD 38–42, 178, 410 f.). Dadurch ergeben sich bizarre, heterogene Bilder, die denen der Laterna Magica vergleichbar sind, wenn zwei Gläser mit Figuren aus verschiedenen Erzählungen neben- oder gar übereinandergelegt werden, sodass daraus ein Fabelwesen entsteht (RMD 40 f.).
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Nach Hervey ist die Zusammenhanglosigkeit mancher Träumer der assoziativen Aneinanderreihung (etwa nach formalen Analogien), der abstrakten Verknüpfung oder Überlagerung von ''clichés-souvenirs'' geschuldet (RMD 38–42, 178, 410 f.). Dadurch ergeben sich bizarre, heterogene Bilder, die denen der Laterna Magica vergleichbar sind, wenn dort zwei Gläser mit Figuren aus verschiedenen Erzählungen neben- oder gar übereinandergelegt werden, sodass daraus ein Fabelwesen entsteht (RMD 40 f.).
    
====Gibt es eine Schlafphase ohne Träume?====
 
====Gibt es eine Schlafphase ohne Träume?====
Im Rahmen seiner empirischen Untersuchungen belegt Hervey de Saint-Denys Lemoines These (RMD 78 f., 148 f.) des beständigen Träumens im Schlaf (RMD 245–247, 250). In verschiedenen Lebensphasen lässt er sich in der ersten Schlafphase (insgesamt 160 Mal) wecken und kann sich nach dem Erwachen stets an einen in Bildern zur Anschauung kommenden Gedanken erinnern (RMD 250). Auch bei einem Freund gelingt ihm dieser Nachweis (RMD 251 f.). Selbst nach dem Erwachen aus anderen Schlafphasen kann Hervey sich an seine Träume erinnern (RMD 245, 265 f.). Damit entkräftet er auch die Vorstellung einiger seiner Zeitgenossen, die behaupten, dass in der ersten Schlafphase, dem sogenannten Tiefschlaf, der Lähmungszustand der Organe am größten und die Denkfähigkeit ausgelöscht sei (RMD 246 f.). Hervey stellt vielmehr sogar fest, dass die Traumbilder umso deutlicher und lebhafter erscheinen, je tiefer der Schlaf ist (RMD 260, 268).
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Im Rahmen seiner empirischen Untersuchungen belegt Hervey de Saint-Denys Lemoines These (RMD 78 f., 148 f.) des beständigen Träumens im Schlaf (RMD 245–247, 250). Er lässt sich in der ersten Schlafphase, dem sogenannten Tiefschlaf, insgesamt 160 Mal wecken und kann sich nach dem Erwachen stets an einen in Bildern zur Anschauung kommenden Gedanken erinnern (RMD 250). Auch bei einem Freund gelingt ihm dieser Nachweis (RMD 251 f.). Selbst nach dem Erwachen aus anderen Schlafphasen kann Hervey sich an seine Träume erinnern (RMD 245, 265 f.). Damit entkräftet er auch die Vorstellung einiger seiner Zeitgenossen, die behaupten, dass in der ersten Schlafphase der Lähmungszustand der Organe am größten und die Denkfähigkeit ausgelöscht sei (RMD 246 f.). Hervey stellt vielmehr sogar fest, dass die Traumbilder umso deutlicher und lebhafter erscheinen, je tiefer der Schlaf ist (RMD 260, 268).
    
===Denkfähigkeit und Willensausübung im Traum===
 
===Denkfähigkeit und Willensausübung im Traum===
Ist ein Träumer imstande zu denken? Über diese Frage entbrannte bereits im 18. Jahrhundert ein Streit zwischen Materialisten und Idealisten, auf den Hervey de Saint-Denys in seinem Werk eingeht. Er wendet sich dabei sowohl gegen die Auffassung von Idealisten wie Erasmus Darwin (''Zoonomia'' (1794/1796)), der behauptet, dass ein Abgleich der präsentierten Informationen mit dem bereits erworbenen Wissen im Traum nicht möglich sei ebenso wie gegen die des Philosophen und Historikers Jean Henri Samuel Formey (''Mélanges philosophiques'' (1754)), der davon ausgeht, dass der Träumer die Ideen im Traum unreflektiert hinnimmt (RMD 85). Auch von der noch radikaleren Vorstellung von Materialisten wie Boerhaave, der dem Träumer ein Gedächtnis, eine gewisse Aufmerksamkeit des Geistes und ein Bewusstsein seiner selbst abspricht, distanziert er sich (RMD 85).
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Ist ein Träumer imstande zu denken? Über diese Frage entbrannte bereits im 18. Jahrhundert ein Streit zwischen Materialisten und Idealisten, auf den Hervey de Saint-Denys in seinem Werk eingeht. Er wendet sich dabei sowohl gegen die Auffassung von Idealisten wie Erasmus Darwin (''Zoonomia'', 1794/96), der behauptet, dass ein Abgleich der präsentierten Informationen mit dem bereits erworbenen Wissen im Traum nicht möglich sei, wie auch gegen die des Philosophen und Historikers Jean Henri Samuel Formey (''Mélanges philosophiques'', 1754), der davon ausgeht, dass der Träumer die Ideen im Traum unreflektiert hinnimmt (RMD 85). Auch distanziert er sich von der noch radikaleren Vorstellung von Materialisten wie Herman Boerhaave, der dem Träumer Gedächtnis, Aufmerksamkeit des Geistes und ein Bewusstsein seiner selbst abspricht (RMD 85).
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Hervey de Saint-Denys teilt eher Pierre-Jean-Georges Cabanis’ Auffassung (''Rapports du physique et du moral de l‘homme'' (1802)), dass Wille und Denkfähigkeit im Schlaf erhalten bleiben, knüpft diese These jedoch nicht an die charakterliche und intellektuelle Brillanz des Träumers (RMD 69–71, 245). Bezüglich der Gedankenführung bei Tag und bei Nacht stimmt er teilweise Formey zu, der die Gedanken mit Pferden vergleicht, die tagsüber eingespannt und im idealen Falle eines erholsamen Schlafes ausgespannt werden und in Träumen Gestalt annehmen (RMD 77). Hervey zufolge ist der Traum gerade die Form, in der das Denken im Schlaf in Erscheinung tritt (RMD 150). Im Unterschied zur Realität nimmt der Gedanke des Schlafenden dabei unmittelbar Gestalt an und wird zu einem mehr oder weniger luziden im Sinne von deutlich zutage tretenden Traumbild (RMD 150). Anders als Formey hält Hervey de Saint-Denys es jedoch für möglich, dass der Pferdebesitzer (der Träumer), sofern er sich des Traumzustandes bewusst ist, die freilaufenden Tiere (Gedanken) bei Bedarf wieder einspannt und in eine beliebige Richtung lenkt (RMD 77 f., 276). Eingeschränkt wird die Willensausübung des Träumers dabei einzig dadurch, dass die Gedankenbildung zuweilen unwillkürlich abläuft, sodass er sich zeitweilig unwillentlich in einer misslichen Situation wiederfindet, aus der er sich jedoch sogleich durch einen korrigierenden Gedanken zu befreien vermag (RMD 417, 435 f., 474).
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Eher teilt er Pierre-Jean-Georges Cabanis’ Auffassung (''Rapports du physique et du moral de l‘homme'', 1802), dass Wille und Denkfähigkeit im Schlaf erhalten bleiben, knüpft diese These jedoch nicht an die charakterliche und intellektuelle Brillanz des Träumers (RMD 69–71, 245). Bezüglich der Gedankenführung bei Tag und bei Nacht stimmt er teilweise Formey zu, der die Gedanken mit Pferden vergleicht, die tagsüber eingespannt und im idealen Falle eines erholsamen Schlafes ausgespannt werden und in Träumen Gestalt annehmen (RMD 77). Hervey zufolge ist der Traum gerade die Form, in der das Denken im Schlaf in Erscheinung tritt (RMD 150). Im Unterschied zur Realität nimmt der Gedanke des Schlafenden dabei unmittelbar Gestalt an und wird zu einem mehr oder weniger deutlich zutage tretenden Traumbild (RMD 150). Anders als Formey hält Hervey de Saint-Denys es jedoch für möglich, dass der Pferdebesitzer (der Träumer), sofern er sich des Traumzustandes bewusst ist, die freilaufenden Tiere (Gedanken) bei Bedarf wieder einspannt und in eine beliebige Richtung lenkt (RMD 77 f., 276). Eingeschränkt wird die Willensausübung des Träumers dabei einzig dadurch, dass die Gedankenbildung zuweilen unwillkürlich abläuft, sodass er sich zeitweilig unwillentlich in einer misslichen Situation wiederfindet, aus der er sich jedoch sogleich durch einen korrigierenden Gedanken zu befreien vermag (RMD 417, 435 f., 474).
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Machtlos ist der Wille des Träumers auch – hierin ist sich Hervey de Saint-Denys mit Théodore Jouffroy (''Nouveaux mélanges philosophiques'' (1842)) (RMD 80) und Dugald Stewart (''Essay on Dreaming'' (1814)) (RMD 117) einig – im Hinblick auf den physischen Körper, der ruhig im Schlafzustand verweilt, während der Traumkörper in verschiedenste Handlungen involviert ist. Ferner hält Hervey es für unmöglich, dass der Wille und die Aufmerksamkeit, die im Gegensatz zu Gedächtnis und Vorstellungskraft zuweilen der Erholung bedürfen (RMD 96), im Traum permanent aktiv sind. Dies begründet er dadurch, dass immer wieder Träume eintreten, in denen der Geist sich dem Geschehen passiv hingibt (RMD 43, 274), ein interner beziehungsweise externer Reiz neue Traumbilder heraufbeschwört, die der Verstand nicht zurückzudrängen vermag, oder die Ideenassoziation derart spontan abläuft, dass der Geist sie nicht aufzuhalten vermag (RMD 168 f., 274).
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Machtlos ist der Wille des Träumers auch – hierin ist sich Hervey de Saint-Denys mit Théodore Jouffroy (''Nouveaux mélanges philosophiques'', 1842) und Dugald Stewart (''Essay on Dreaming'', 1814) einig – im Hinblick auf den physischen Körper, der ruhig im Schlafzustand verweilt, während der Traumkörper in verschiedenste Handlungen involviert ist (RMD 80 u. 117). Ferner hält Hervey es für unmöglich, dass der Wille und die Aufmerksamkeit, die im Gegensatz zu Gedächtnis und Vorstellungskraft zuweilen der Erholung bedürfen (RMD 96), im Traum permanent aktiv sind. Dies begründet er dadurch, dass immer wieder Träume eintreten, in denen der Geist sich dem Geschehen passiv hingibt (RMD 43, 274), ein interner beziehungsweise externer Reiz neue Traumbilder heraufbeschwört, die der Verstand nicht zurückzudrängen vermag, oder die Ideenassoziation derart spontan abläuft, dass der Geist sie nicht aufzuhalten vermag (RMD 168 f., 274).
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Im Gegensatz zu Stewart, der in seinem ''Essay on Dreaming'' (1814) die Aufhebung jeglicher geistiger und perzeptiver Fähigkeiten im Traum annimmt, ist Hervey de Saint-Denys davon überzeugt, dass der Verstand im Traum ebenso wie im Wachleben Zugang zu den sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten hat und sie gezielt zur Beobachtung und kritischen Beurteilung der Traumwelt einsetzt (RMD 85 f.). Der Träumer verfügt letztlich, Hervey zufolge, über dasselbe Maß an freiem Willen und dieselben perzeptiven wie intellektuellen Fähigkeiten wie in der Realität (RMD 152, 270 f.). 
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Im Gegensatz zu Stewart, der in seinem ''Essay on Dreaming'' (1814) die Aufhebung jeglicher geistiger und perzeptiver Fähigkeiten im Traum annimmt, ist Hervey de Saint-Denys davon überzeugt, dass der Verstand im Traum ebenso wie im Wachleben Zugang zu den sinnlichen Wahrnehmungsfähigkeiten hat und sie gezielt zur Beobachtung und kritischen Beurteilung der Traumwelt einsetzt (RMD 85 f.). Der Träumer verfügt für ihn letztlich über dasselbe Maß an freiem Willen und dieselben perzeptiven wie intellektuellen Fähigkeiten wie in der Realität (RMD 152, 270 f.).
    
===Verschiedene Arten der Traumsteuerung===
 
===Verschiedene Arten der Traumsteuerung===

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