Film und Traum (1930-1960)

Aus Lexikon Traumkultur

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Während nach den stilprägenden expressionistischen und den experimentellen surrealistischen Filmen in Europa durch die politischen Umbrüche und schließlich den Faschismus eine 'lange Verfallsperiode' (vgl. Kracauer 1984, 9) einsetzt, wächst in der Zwischenkriegszeit zunehmend Nordamerika zum einflussreichen Produktionsplatz: Mit "Universal Pictures" und "Paramount Pictures" (beide 1912 gegründet) sowie in der Folge mit "United Artists" (1919), "Warner Brothers" (1923), "Columbia Pictures" (1924), "Metro-Goldwyn-Mayer" (MGM; 1924) und "Radio-Keith-Orpheum Pictures" (RKO; 1929) wird Hollywood, nahe Los Angeles in Kalifornien gelegen, zur 'dream factory', und das sogenannte 'Studiosystem' zum Erfolgsmodell.


Hollywood und Psychoanalyse

Der Regisseur Alfred Hitchcock (1899–1980) – ja ohnehin mit seinen legendären Cameo-Auftritten ein 'Meister' des Metareferentiellen – wendet sich im Skript für einen (wohl nie tatsächlich gedrehten) Trailer[1] zu seinem gerade erscheinenden Film Spellbound (1945) persönlich an das Publikum:

That screen up there is like a mind. We here in Hollywood can make anything happen there. We can also show you what a man dreams. Yes, we here in Hollywood can make anything happen on the screen – but our powers are dwarfed compared to what you [he turns to look into the audience] can make happen in your mind (zit. nach Auiler 2001, 558 f.).

Hiermit scheint das Verhältnis von Traum und Hollywood, zwischen der 'Traumfabrik' in Kalifornien und der traumdeutenden Psychoanalyse aus Europa, gut beschrieben: An die seit der Frühzeit des Kinos existierende Analogie von Film und Traum anknüpfend (vgl. Brütsch 2011), gibt es zwar durch Filmtricks und Spezialeffekte nahezu keine Grenzen der Imaginations- und damit Darstellungsmöglichkeiten. Doch ausgerechnet die Inszenierung von Träumen, die Suche nach einer realistischen Filmsprache des Traums, stellt weiterhin eine Herausforderung für die Hollywood-Regisseur:innen dar.

Freud in the USA

Wohl auch gerade deswegen erreicht Sigmund Freud (1856–1939) im Herbst 1924 ein ungewöhnliches Angebot aus Hollywood: Der Filmproduzent Samuel Goldwyn (1879–1974) – trotz seiner Gründung der legendären Produktionsfirma MGM blieb er vor allem ein unabhängiger Filmemacher – bietet dem "greatest love specialist in the world" für die Mitarbeit an einem Drehbuch die stattliche Summe von 100.000 US-Dollar (inflationsbereinigt heute gut 1,5 Millionen Dollar):

After all, as Goldwyn put it, "there is nothing really so entertaining as a really great love story" and who better equipped to write, or advise on, such a story than Freud? "Scenario writers, directors and actors," Goldwyn thought, "can learn much by a really deep study of everyday life. How much more forceful will be their creations if they know how to express genuine emotional motivations and suppressed desires?" (Gay 2006, 454).

Auch wenn aus Wien eine karge Absage kommt (vgl. ebd.), bleibt das Interesse an den psychoanalytischen Theorien aus Europa in den USA enorm: Freud, der im September 1909 selbst für ein paar Tage an die Clark University in Worcester, Massachusetts sowie nach New York City reiste (vgl. ebd., 206–210), findet in Abraham A. Brill (1874–1948) und Ernest Jones (1879–1958) zwei einflussreiche Vermittler, die seine Werke ins Englische übersetzen und die psychoanalytische Praxis in Nordamerika institutionalisieren. Dass neben der wohlhabenden Mittelschicht besonders Kunstschaffende und Filmemacher:innen von freier Assoziation und Traumdeutung besonders angetan scheinen, dürfte wenig überraschen und spiegelt auch die Rezeption in Europa. Der breiten Bevölkerung jedoch bleiben Freud und die Psychoanalyse wohl eher fremd, weshalb deren Darstellung im Film zunächst noch riskant scheint (vgl. Billheimer 2019, 110 f.) – und auch die aufkommende Filmzensur lässt nur einen bedingten Spielraum in der Inszenierung psychischer oder traumatischer Probleme zu (vgl. "The 1930 Production Code" 2000, 303 f.).

Lady in the Dark (USA, 1941/44) und Spellbound (USA, 1945)

Es schien daher den 'Umweg' über die Theaterbühne und einen Broadway-Erfolg zu brauchen, bis "die Theorien Sigmund Freuds seit dem 1941 uraufgeführten Musical Lady in the Dark in den USA zu einem Modethema geworden" sind (Jendricke 1999, 79) und auch von Hollywood aufgegriffen werden: Der auf dem Musical basierende Film Lady in the Dark von 1944, inszeniert von Regisseur Mitchell Leisen (1898–1972), wurde von der Kritik für die innovativen Traumszenen gelobt und von der Filmakademie für drei Oscars nominiert.

Mit diesem Erfolg scheint das Interesse, die Psychoanalyse auf die Leinwand zu bringen, enorm gewachsen – und so begibt sich etwa auch Filmproduzent David O. Selznick (1902–1965), der mit King Kong (1933) für RKO einen großen Erfolg eingefahren hatte und mit Gone with the Wind (1939) zehn Oscars gewinnen konnte, auf die Suche nach einem geeigneten Stoff und Regisseur. Fündig wurde er mit dem Roman "The House of Dr. Edwardes" der Schriftsteller John Palmer (1885–1944) und Hilary A. Saunders (1898–1951) – veröffentlicht 1927 unter dem gemeinsamen Pseudonym "Francis Beeding" – und dem britischen Regisseur Alfred Hitchcock, mit dem er bereits zuvor Rebecca (USA, 1940) nach dem Roman von Daphne du Maurier (1907–1989) in die Kinos gebracht hatte. Auch die neue Zusammenarbeit wurde unter dem Titel Spellbound ein finanzieller Erfolg und beeindruckte besonders durch die vom spanischen Maler Salvador Dalí (1904–1989) entworfenen Traumsequenzen (vgl. Engel 2020, 571-580).

"Vulgär-Freud"

Die 'Popularität' von Traumdeutung und Psychoanalyse im (Hollywood-)Film der 1940er und 1950er Jahre macht allerdings nicht nur die Theorien von Sigmund Freud einer breiten Öffentlichkeit bekannt, sondern erschafft gleichzeitig einen regelrechten "Vulgär-Freud" (vgl. Mitscherlich 1983, 156): Der Name des Wiener Psychoanalytikers wird häufig vereinfacht auf den Bereich der Sexualitäten verkürzt, auf Schlagworte wie den 'Ödipuskomplex' oder die 'Kastrationsangst' reduziert.

Gleichzeitig befürchten Kulturtheoretiker wie Theodor W. Adorno (1903–1969) durch die 'Aufwertung' psychischer Krankheiten sowie die schematische Darstellung von Therapie und Heilung im Spielfilm – und den Massenmedien der 'Kulturindustrie' – eine Veränderung in der Selbstwahrnehmung, da doch nun das Individuum "kaum einer Regung mehr fähig [sei], die es nicht als Beispiel dieser oder jener öffentlich anerkannten Konstellation benennen könnte" (Adorno 2003, 73):

Seitdem mit Hilfe des Films, der Seifenopern und der Horney [i.e. Karen Horney, 1885-1952, eine damals sehr populäre deutsch-amerikanische Psychoanalytikerin] die Tiefenpsychologie in die letzten Löcher dringt, wird den Menschen auch die letzte Möglichkeit der Erfahrung ihrer selbst von der organisierten Kultur abgeschnitten (ebd., 72).

"Golden Age of Psychiatry"

Die Darstellung von Psychoanalyse und Psychotherapie wurde in den folgenden Jahren intensiver – und seriöser: Dieses "Golden Age of Psychiatry" im Hollywoodfilm (vgl. Young 2012, 50) ist dabei stark beeinflusst vom sich veränderten Verständnis von Psychologie und Psychiatrie, von Traum und Träumen.

Ein Meilenstein im diskursiven Wissen stellt dabei die 'Entdeckung' der REM-Schlafphase im Jahre 1953 durch Eugene Aserinsky (1921–1998) und Nathaniel Kleitman (1895–1999) dar (vgl. Mertens 2009, 89 f.), mit baldigen Auswirkungen auf die Künste: Denn anders als der noch stark von Freud beeinflusste [1] – wie etwa Un Chien Andalou (Frankreich, 1929) – oder der Jungianisch inspirierte Episodenfilm Dreams That Money Can Buy (USA, 1947; vgl. Kracauer 1985, 256), versuchen spätere Produktionen sich diesem neuen Traumwissen nun auch mit neuen Traumbildern filmästhetisch anzunähern. Auch im europäischen Kino scheint sich die filmische Traumästhetik daraufhin zu verändern, und so verwendet etwa der schwedische Regisseur Ingmar Bergman (1918–2007) in seinem 1966 erschienenen Film Persona ein programmatisches "Aneinandermontieren kurzer Einstellungen verschiedener Gegenstände, Lebewesen und Szenarien, abrupte Szenenwechsel, Ansichten, die fragmentarisch bleiben, Zeitrafferaufnahmen, [oder] ungewohnte Bilder, die jähe Stimmungsumschwünge bewirken" (Brütsch 2009, 36).

Gleichzeitig entstehen neue Figurentypen, sei es der erfolgreiche Baseball-Spieler, der sich in Fear Strikes Out (Robert Mulligan; USA, 1957) in eine psychische Institution begeben muss, sei es die Weiterentwicklung der geheimnisvollen "femme fragile" mit Persönlichkeitsstörungen – wie etwa die jungen Frauen in The Three Faces of Eve (Nunnally Johnson; USA, 1955) oder David and Lisa (Frank Perry; USA, 1962) – oder der Archetyp des Psychiaters (in diesen Filmen: Dr. Brown, Dr. Luther und Dr. Swinford).

Ein letzter Höhepunkt dieses 'goldenen Zeitalters' ist der Film Freud (USA, 1962) von John Huston (1906–1987), dessen ursprüngliches Drehbuch von Jean-Paul Sartre (1905-1980) geschrieben wurde, bevor sich im weitern Verlauf der 1960er und 1970er Jahren – womöglich auch vor dem Hintergrund des Vietnam-Kriegs und der massenweise in die USA traumatisiert heimkehrenden Soldaten (vgl. Nesselhauf 2017, 199 ff.) – das Bild der Psycholog:innen, Psychoanalytiker:innen und Psychiater:innen im Hollywood-Film radikal verändert: "mental health experts were subjected to the skepticism that was applied to all established institutions" (Young 2012, 50). So zeigt beispielsweise One Flew over the Cuckoo's Nest (USA, 1975) von Regisseur Miloš Forman (1932–2018) mit dem offiziellen Ende des "Production Code" in schonungsloser Radikalität auf, wie das psychiatrische System kaum noch der Therapierung dient und die Klinik längst kein Ort der Heilung mehr ist.


Forschungsliteratur

  • Adorno, Theodor W.: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben. Frankfurt: Suhrkamp 2003 [zuerst 1951].
  • Auiler, Dan: Hitchcock's Notebooks. An Authorized and Illustrated Look Inside the Creative Mind of Alfred Hitchcock. New York: Harper 2001.
  • Billheimer, John: Hitchcock and the Censors. Lexington: Kentucky UP 2019.
  • Brütsch, Matthias: Dream Screen? Die Film/Traum-Analogie im theoriegeschichtlichen Kontext. In: Pauleit 2009, 20–49.
  • Brütsch, Matthias: Traumbühne Kino. Der Traum als filmtheoretische Metapher und narratives Motiv. Marburg: Schüren 2011.
  • Dieterle, Bernard (Hg.): Träumungen. Traumerzählung in Film und Literatur. St. Augustin: Gardez! 1998.
  • Engel, Manfred: Film Dreams 1945–1990 (Alfred Hitchcock, Spellbound – Hans Richter, Dreams That Money Can Buy – Ingmar Bergman, Face to Face – Akira Kurosawa, Dreams). In: Bernard Dieterle/Manfred Engel (Hg.): Mediating the Dream/Les genres et médias du rêve. Würzburg: Königshausen & Neumann 2020 (Cultural Dream Studies 4), 565–628.
  • Gay, Peter: Freud. A Life for Our Time. New York: Norton 2006.
  • Halpern, Leslie: Dreams on Film. The Cinematic Struggle Between Art and Science. Jefferson: McFarland 2003 [mit einer Filmographie von Filmen mit Traumszenen, 181–188].
  • Jendricke, Bernhard: Alfred Hitchcock. Reinbek: Rowohlt 1999.
  • Koebner, Thomas: Von Träumen im Film. Marburg: Schüren 2018.
  • Kracauer, Siegfried: Von Caligari zu Hitler. Eine psychologische Geschichte des deutschen Films. Frankfurt: Suhrkamp 1984 [zuerst 1947].
  • Kracauer, Siegfried: Theorie des Films. Die Errettung der äußeren Wirklichkeit. Frankfurt: Suhrkamp 1985 [zuerst 1960].
  • Kreuzer, Stefanie: Traum und Erzählen in Literatur, Film und Kunst. München: Fink 2014.
  • Kreuzer, Stefanie: Filmische Traumdarstellungen im Wandel der kinematographischen Möglichkeiten (1895–1950). In: Marie Guthmüller/Hans-Walter Schmidt-Hannisa (Hg.), Das nächtliche Selbst: Traumwissen und Traumkunst im Jahrhundert der Psychologie. Bd. II: 1900–1950. Göttingen: Wallstein 2020, 256–283.
  • Mertens, Wolfgang: Traum und Traumdeutung. München: Beck 2009.
  • Mitscherlich, Alexander: Gesammelte Schriften. Band VIII: Psychoanalyse. Frankfurt: Suhrkamp 1983 [zuerst 1947].
  • Nesselhauf, Jonas: Der ewige Albtraum. Zur Figur des Kriegsheimkehrers in der Literatur des 20. und 21. Jahrhunderts. Paderborn: Fink 2017.
  • Pauleit, Winfried et al. (Hg.): Das Kino träumt. Projektion, Imagination, Vision. Berlin: Bertz + Fischer 2009.
  • "The 1930 Production Code." In: John Lewis: Hollywood vs. Hard Core. How the Struggle over Censorship Saved the Modern Film Industry. New York: New York University Press 2000, 302–307.
  • Young, Skip Dine: Psychology at the Movies. Malden, MA: Wiley-Blackwell 2012.


Siehe auch:


Anmerkungen

  1. Das gesamte Trailer-Skript ist leicht erreichbar über: Nándor Bokor/Alain Kerzoncuf: Alfred Hitchcock’s Trailers, Part II. In: Senses of Cinema 36 (2005); https://www.sensesofcinema.com/2005/feature-articles/hitchcocks_trailers_part2/, Abschnitt III. Curiosities.


Zitiervorschlag für diesen Artikel:

Nesselhauf, Jonas: Traum und Film (1930-1960). In: Lexikon Traumkultur. Ein Wiki des Graduiertenkollegs "Europäische Traumkulturen", 2021; http://traumkulturen.uni-saarland.de/Lexikon-Traumkultur/index.php/Film_und_Traum_(1930-1960).