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Änderungen – Lexikon Traumkultur

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Zweitens präsentiert Beradt ihr Material aus einem deutlichen historischen Abstand heraus und damit rückwirkend auf der Folie der Erkenntnisse der Totalitarismus-Forschung, von der die Herausgeberin vor allem durch den engen Kontakt mit Hannah Arendt Kenntnis hat (vgl. hierzu Lühe 2014, 323 und 324). Insofern ist neben den zahlreichen Verweisen auf literarische Autoren, die Bibel und den Propaganda-Diskurs des Nationalsozialismus in erster Linie Arendts ''The Origins of Totalitarianism'' der entscheidende Intertext (Arendt 1951). Wie Janosch Steuwer herausgearbeitet hat, ist Beradts 1966 veröffentlichtes Buch über das Eindringen des Öffentlich-Politischen ins Private „nicht einfach die Verschriftlichung dieser Erfahrung, sondern bereits Teil ihrer  wissenschaftlichen Deutung. Auch wenn Beradt in ihrem Buch vor allem ihre Träumer sprechen ließ und sich auf knappe Kommentierungen beschränkte, setzte sie mit Auswahl und Gliederung eine Interpretation der nationalsozialistischen Herrschaft zusammen (...); nämlich die Zerstörung einer vor staatlichen Zugriffen geschützten Privatheit angesichts der Entgrenzung des politischen System“ (Steuwer 2017, 528).
 
Zweitens präsentiert Beradt ihr Material aus einem deutlichen historischen Abstand heraus und damit rückwirkend auf der Folie der Erkenntnisse der Totalitarismus-Forschung, von der die Herausgeberin vor allem durch den engen Kontakt mit Hannah Arendt Kenntnis hat (vgl. hierzu Lühe 2014, 323 und 324). Insofern ist neben den zahlreichen Verweisen auf literarische Autoren, die Bibel und den Propaganda-Diskurs des Nationalsozialismus in erster Linie Arendts ''The Origins of Totalitarianism'' der entscheidende Intertext (Arendt 1951). Wie Janosch Steuwer herausgearbeitet hat, ist Beradts 1966 veröffentlichtes Buch über das Eindringen des Öffentlich-Politischen ins Private „nicht einfach die Verschriftlichung dieser Erfahrung, sondern bereits Teil ihrer  wissenschaftlichen Deutung. Auch wenn Beradt in ihrem Buch vor allem ihre Träumer sprechen ließ und sich auf knappe Kommentierungen beschränkte, setzte sie mit Auswahl und Gliederung eine Interpretation der nationalsozialistischen Herrschaft zusammen (...); nämlich die Zerstörung einer vor staatlichen Zugriffen geschützten Privatheit angesichts der Entgrenzung des politischen System“ (Steuwer 2017, 528).
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Drittens werden die Träume durchgehend in einem literarisch-philosophischen Kontext präsentiert und gelesen. Dieser soll die besondere ästhetische Qualität des gesammelten Materials deutlich machen. Hierbei handelt es sich unbestritten um eine wesentliche Eigenschaft der Traumtexte. Allerdings wäre diese ohne die durchgängige Parallelisierung mit literarischen Werken, Autoren und deren Zitaten wohl sehr viel eindrücklicher zum Vorschein gelangt. Denn offenkundig ist, dass die Träume nicht nur keine psychologische Deutung benötigen bzw. dass sie sich, indem individuelle und kollektive Traumerfahrung auf das engste miteinander verflochten sind (Böschenstein 1997, 131), einer solchen Deutung geradezu entziehen. Auch die kommentierende Interpretation durch Beradt selbst, die durch die literarischen Motti und erklärenden Verbindungen zu den Themen, Motiven und Strukturen literarischer Texte der eigentlichen Präsentation der Träume selbst zumeist sogar vorgeschaltet wird – und damit den Deutungsrahmen der Traumlektüren vorgibt –, schmälert die unmittelbare Wucht der geträumten Bilder, Situationen und Ereignisse eher als sie hervorzuheben. Kritisch konstatiert daher Barbara Hahn in ihrer materialreichen und konsequent auf die Traumthematik fokussierten Studie über das „Jahrhundert der Gewalt“: „Die Träume derer, die einer historisch neuen Erfahrung ausgesetzt waren, stehen im Gespräch mit literarischen und theoretischen Texten“. „''Das Dritte Reich des Traums'' ist 1966 zum bekannten Terrain geworden: Was den Träumern zustößt, scheint in anderen Texten bereits aufgehoben“ (Hahn 2016, 36).
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Drittens werden die Träume durchgehend in einem literarisch-philosophischen Kontext präsentiert und gelesen. Dieser soll die besondere ästhetische Qualität des gesammelten Materials deutlich machen. Hierbei handelt es sich unbestritten um eine wesentliche Eigenschaft der Traumtexte. Allerdings wäre diese ohne die durchgängige Parallelisierung mit literarischen Werken, Autoren und deren Zitaten wohl sehr viel eindrücklicher zum Vorschein gelangt. Denn offenkundig ist, dass die Träume nicht nur keine psychologische Deutung benötigen bzw. dass sie sich, indem individuelle und kollektive Traumerfahrung auf das engste miteinander verflochten sind (Böschenstein 1997, 131), einer solchen Deutung geradezu entziehen. Auch die kommentierende Interpretation durch Beradt selbst, die durch die literarischen Motti und erklärenden Verbindungen zu den Themen, Motiven und Strukturen literarischer Texte der eigentlichen Präsentation der Träume selbst zumeist sogar vorgeschaltet wird – und damit den Deutungsrahmen der Traumlektüren vorgibt –, schmälert die unmittelbare Wucht der geträumten Bilder, Situationen und Ereignisse eher als sie hervorzuheben. Kritisch konstatiert daher Barbara Hahn in ihrer materialreichen und konsequent auf die Traumthematik fokussierten Studie über ''Träume im Jahrhundert der Gewalt'': „Die Träume derer, die einer historisch neuen Erfahrung ausgesetzt waren, stehen im Gespräch mit literarischen und theoretischen Texten“. „''Das Dritte Reich des Traums'' ist 1966 zum bekannten Terrain geworden: Was den Träumern zustößt, scheint in anderen Texten bereits aufgehoben“ (Hahn 2016, 36).
    
Die Verweigerung einer psychoanalytischen Lesart, von der Beradts erstes Kapitel zeugt, wird bereits von Bruno Bettelheim harsch kritisiert (Bettelheim in Beradt 1968, v.a. 154 und 157). Einmal abgesehen davon, dass er selbst eine Deutung der präsentierten Träume auf der Basis frühkindlicher Erfahrungen vornimmt, wirft er Beradt vor, über den manifesten Trauminhalt hinaus keine Möglichkeit zu bieten, den latenten Traumgedanken der jeweiligen Träumer nachvollziehen zu können, weil die hierfür notwendigen freien Assoziationen der Berichtenden fehlen. Demgegenüber heben Literaturwissenschaftler wie Hans-Walter Schmidt-Hannisa und Barbara Hahn, aber auch der Historiker Reinhart Koselleck und nicht zuletzt Charlotte Beradt selbst hervor, dass gerade der spezifische Aufzeichnungsmodus von ''Das Dritte Reich des Traums'' besondere Rückschlüsse sowohl auf die Strukturen totalitärer Herrschaft zulasse als auch auf das außergewöhnliche poetische und seismographische Erkenntnispotenzial, das in der ästhetischen bzw. poetischen Traumform aufgehoben ist. So stellt Koselleck zu Recht fest, dass in den präsentierten Träumen manifester Trauminhalt und latenter Traumgedanke mehr oder weniger unmittelbar zur Deckung gelangen (Koselleck in Beradt 1981, 128). Laut Schmidt-Hannisa bringen die Träume Seiten der Diktatur zum Vorschein, die sich auf andere Weise nicht erkennen lassen (Schmidt-Hannisa 2011, 111) bzw. die, wie Koselleck darlegt, durch andere Quellen nicht zugänglich gemacht werden können (vgl. Koselleck in Beradt 1981, 125).
 
Die Verweigerung einer psychoanalytischen Lesart, von der Beradts erstes Kapitel zeugt, wird bereits von Bruno Bettelheim harsch kritisiert (Bettelheim in Beradt 1968, v.a. 154 und 157). Einmal abgesehen davon, dass er selbst eine Deutung der präsentierten Träume auf der Basis frühkindlicher Erfahrungen vornimmt, wirft er Beradt vor, über den manifesten Trauminhalt hinaus keine Möglichkeit zu bieten, den latenten Traumgedanken der jeweiligen Träumer nachvollziehen zu können, weil die hierfür notwendigen freien Assoziationen der Berichtenden fehlen. Demgegenüber heben Literaturwissenschaftler wie Hans-Walter Schmidt-Hannisa und Barbara Hahn, aber auch der Historiker Reinhart Koselleck und nicht zuletzt Charlotte Beradt selbst hervor, dass gerade der spezifische Aufzeichnungsmodus von ''Das Dritte Reich des Traums'' besondere Rückschlüsse sowohl auf die Strukturen totalitärer Herrschaft zulasse als auch auf das außergewöhnliche poetische und seismographische Erkenntnispotenzial, das in der ästhetischen bzw. poetischen Traumform aufgehoben ist. So stellt Koselleck zu Recht fest, dass in den präsentierten Träumen manifester Trauminhalt und latenter Traumgedanke mehr oder weniger unmittelbar zur Deckung gelangen (Koselleck in Beradt 1981, 128). Laut Schmidt-Hannisa bringen die Träume Seiten der Diktatur zum Vorschein, die sich auf andere Weise nicht erkennen lassen (Schmidt-Hannisa 2011, 111) bzw. die, wie Koselleck darlegt, durch andere Quellen nicht zugänglich gemacht werden können (vgl. Koselleck in Beradt 1981, 125).
    
Der besondere Wert der Aufzeichnungen besteht demnach vornehmlich darin, dass es sich um eine dokumentarische Sammlung narrativer Texte handelt, die weder realistisch ist, noch realistisch sein will: „Träume, obwohl nicht willentlich produzierbar, gehören gleichwohl zum Bereich menschlicher Fiktionen. Sie bieten keine realistische Darstellung der Wirklichkeit, werfen jedoch ein besonders grelles Licht auf jene Wirklichkeit, der sie entstammen“ (Koselleck in Beradt 1981, 125). Gerade die Einsicht in die Unmöglichkeit eines unmittelbaren, gewissermaßen naiven Realismus ist es aber, die Literatur und Traum gemeinsam haben und die in Beradts Traumprotokollen besonders augenscheinlich wird. Hierin zeigt sich, wie Nadja Lux in ihrer umfassenden Studie zu ''Traumversionen und Traumvisionen vom ‚Dritten Reich’'' erörtert, auch die Janusköpfigkeit des Traums, die das Träumen mit literarischen Texten gemein hat: Die Sammlung macht die Terrorisierung des Einzelnen durch den Traum offensichtlich, der dazu beiträgt, das totalitäre System im Unterbewusstsein zu verankern. Zugleich zeigt sich aber auch die kreative Suche nach Auswegen im und durch den Traum: Träume und Erzählungen erfüllen gleichermaßen die Funktion, Bilder und Worte für die schiefe Logik, für das Verkehrte und Abgründige des Systems, für die Verzerrungen und Verfremdungen der ideologisch durchtränkten Wirklichkeit hervorzubringen (Lux 2008, 397). Dabei bergen sie mitunter, wie etwa die Meta-Träume von Traumverbot und verschlüsselter Traumsprache zeigen, ein deutlich subversives Potenzial.
 
Der besondere Wert der Aufzeichnungen besteht demnach vornehmlich darin, dass es sich um eine dokumentarische Sammlung narrativer Texte handelt, die weder realistisch ist, noch realistisch sein will: „Träume, obwohl nicht willentlich produzierbar, gehören gleichwohl zum Bereich menschlicher Fiktionen. Sie bieten keine realistische Darstellung der Wirklichkeit, werfen jedoch ein besonders grelles Licht auf jene Wirklichkeit, der sie entstammen“ (Koselleck in Beradt 1981, 125). Gerade die Einsicht in die Unmöglichkeit eines unmittelbaren, gewissermaßen naiven Realismus ist es aber, die Literatur und Traum gemeinsam haben und die in Beradts Traumprotokollen besonders augenscheinlich wird. Hierin zeigt sich, wie Nadja Lux in ihrer umfassenden Studie zu ''Traumversionen und Traumvisionen vom ‚Dritten Reich’'' erörtert, auch die Janusköpfigkeit des Traums, die das Träumen mit literarischen Texten gemein hat: Die Sammlung macht die Terrorisierung des Einzelnen durch den Traum offensichtlich, der dazu beiträgt, das totalitäre System im Unterbewusstsein zu verankern. Zugleich zeigt sich aber auch die kreative Suche nach Auswegen im und durch den Traum: Träume und Erzählungen erfüllen gleichermaßen die Funktion, Bilder und Worte für die schiefe Logik, für das Verkehrte und Abgründige des Systems, für die Verzerrungen und Verfremdungen der ideologisch durchtränkten Wirklichkeit hervorzubringen (Lux 2008, 397). Dabei bergen sie mitunter, wie etwa die Meta-Träume von Traumverbot und verschlüsselter Traumsprache zeigen, ein deutlich subversives Potenzial.
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